Gibt es Vorahnungen des Sieges Christi?

Ja, aber: Im Christentum geht es nicht um die Unsterblichkeit der Seele, es geht um die Auferstehung des Leibes

Jesus steht aus dem Grabe auf - Meister Francke aus Nürnberg
Foto: VATICAN Magazin
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03 April, 2021 / 5:00 PM

Können Götter sterben? In den Religionen des Vorderen Orients enden einige Götter im jahreszeitlichen Rhythmus und erstehen wieder im halbjährigen Umschwung. Osiris steigt  immer wieder sterbend in die Totenwelt  Ägyptens hinab, wo er als Richter gefürchtet ist, und erscheint dann verjüngt in der Oberwelt, um sie segnend zu erneuern. Griechenland weiß von Dionysos, dem Gott des trunkenen, hingerissenen Lebens,  der mit der Traubenernte vergeht, um im Frühling den Weinstock wieder mit Blüten  zu überschütten. 

Weiter gefragt: Können Götter ermordet werden? Das Zweistromland verehrt  Tammuz oder Dumuzi, den „rechten“ Sohn, den göttlichen Hirten und Geliebten  der Ischtar, der auf der Weide von einem Eber zerrissen und mit seinen Gliedern  zerstreut wird. Ischtars furchtbare Klage hallt über das Land; die Frauen Babyloniens beweinen ihn drei Tage lang. Doch Dumuzis Leib fügt sich wieder zusammen, Jubel bricht aus und die Erde fruchtet wieder. 

Indiens uralte Überlieferungen erzählen Ähnliches. Das All der Götter, Menschen, Tiere und Pflanzen wird in unvorstellbar langem Umschwung in sich zusammen stürzen und nach einer ebenso unvorstellbar langen Ruhe aus dem Urmeer wieder  aufsteigen. In der Urgötterdreiheit, der Trimurti, ist Brahma der Schöpfer, Vishnu der  Erhalter und Shiva der Zerstörer der Welt, der sie tanzend wieder zerstampft – aber  mit jedem Äon verschwinden letztlich auch sie. Götter sind keine Personen, sie sind naturhafte Kräfte des Ganzen, schwingen aus und gehen unter, irgendwann flammen sie wieder auf. 

In solch großen Erzählungen sam meln sinnliche Bilder das Blühen, Reifen  und Welken, das Aufgehen und Unterge hen alles Lebendigen; nichts ist von diesem  Kreislauf ausgeschlossen. In solcher Wie dergeburt verkörpert sich kein „Ich“, son dern eine anonyme Natur. Zwingend setzt  sich das Leben immer wieder in Gang. Der Gestaltwandel der Götter kennt keine ein deutige Geschichte, keine Stetigkeit. Wie dergeburt heißt Wiedertod, und das in un endlichem Umschwung: „Stirb und werde – werde und stirb!“ Gerade die indischen Religionen haben auch den Menschen in 

diesen endlosen Kreislauf eingefügt, der im  Grunde keine Individualität erlaubt, auch  kein Gedächtnis wahrt, nur einen Jahres ring mehr an die Unendlichkeit fügt. 

„Das Fleisch ist der Angelpunkt“ 

Immer ist es erneut erstaunlich: Israel  sprengt solche Bilder auf. Die göttlichen  Geheimnisse überwinden das kreisläu fige Dasein. Israel erfährt Gott anders als  die an- und abschwellende Naturkraft von  Meer und Vulkanen, von Feuer, Sonne,  Sturm und Jahreszeiten, von Tod und Ge burt. Gott ist mehr als das Universum, in  herrlicher Weise anders, tiefer, höher, nicht  einzufangen im Irdischen. Zwar führt er  

die Menschen in Frühlinge und Winter,  er selbst aber bleibt unwandelbar in sich,  ist machtvoller Urheber des Alls und nicht  seinem zwingenden Rhythmus unterwor 

fen. Und so ist auch der irdische Tod nicht  ein Schicksal, das den Lebendigen Gott  treffen könnte. 

Und trotzdem. Die Evangelien be ginnen ja mit dem unwahrscheinlichen  Sprung des Schöpfers in seine Schöpfung.  Und seit Gott ins Fleisch kam, ist er ver wundbar und wurde auch verwundet, töd lich. Ist also die Passion Jesu nichts als ein  Wiederholen des alten Mythos vom ster benden Gott? Ist seine Auferstehung nach  drei Tagen nichts als ein Sinnbild für das  schöne Wiedererwachen des Lebens im  Frühling, für den neuen Kräfteaufschwung  des Kosmos?  

Es gibt einen wichtigen Schlüssel zur  Unterscheidung von heidnischem My thos und biblischer Aussage. Der Schlüssel  ist das Fleisch, die wirkliche, geschichtli che Fleischwerdung Gottes. „Ho logos sarx  egeneto“, sagt Johannes staunend: „Sarx“  ist Fleisch, das zum Logos, dem geistigen,  schaffenden Wort quersteht, das mit ihm  unvereinbar ist und ihn niederzieht, ja,  das dem Tod die Flanke öffnet – und doch  hat der Logos sich mit ihm unbegreiflich  verbunden. Das ist das Anfangsgeheimnis  des Christentums. So stirbt der tatsächlich  „rechte Sohn“ in der Passion seines Flei sches. Aber als er aufersteht nach drei Ta gen, hat er das Fleisch „mitgenommen“, ja,  er hat es verklärt, wie die alte Sprache sagt,  und er wird nicht mehr sterben. Leben ist  nunmehr ewig. Darin liegt der Unterschied  zu Dionysos, zu Tammuz und anderen my thischen Vorbildern, die nur das naturhafte  Schwanken von Untergang und Aufgang  wiedergeben und selbst zeitlose Sinnbilder  dafür liefern. Sie sind undeutliche Vorent würfe für Ihn, der ihre Ahnungen wirk lich-wirksam einlöst. Jesus geht durch den  tatsächlichen zeitlichen Tod, nicht um den  natürlichen Kreislauf zu illustrieren, son dern um den Tod zu durchbrechen: Er  nimmt dem Fleisch den Charakter des Ver gänglichen und gibt ihm den Charakter des  Unendlich-Lebendigen. In der Sprache der  Zeugen: Sein Fleisch ist „verklärt“. 

„Verklärt“ bedeutet, seit Mose mit den  Gesetzestafeln des Herrn auf dem Sinai zu rückkehrte, ein Umstrahltsein von solchem Licht und solcher Macht, dass alles zurückschreckt. Ein solches Strahlen geschieht schon vor Jesu Tod auf dem Tabor. Aber Verklärung erscheint im Auferstandenen noch gesteigert: Sein Leib ist unabhängig von Schwerkraft und anderen materiellen Gesetzen – er geht durch Wände, ist plötzlich „mitten unter ihnen“, kommt und entzieht sich, außerhalb von Raum-Zeit-Ordnungen. Jesu Auferstehung hat das Fleisch miterlöst. Auferstehung ist nichts rein „Geistiges“, sie vollendet seine Menschwerdung. „Fleisch wird durch Fleisch befreit“, sagt Sedulius. „Caro cardo“, sagt Tertullian: „Fleisch ist der Angelpunkt.“

Jesu schwerelose und doch greifbare Leiblichkeit wird vielfach und immer wieder anders in den Osterevangelien herausgestellt. Und – was häufig vergessen wird – sie wird durch die Taten vor seinem Tod im Verständnis vorbereitet. Und das dreimal: in Nain, im Hause des Jairus und in Bethanien. Dort holt Jesus „erschüttert“ den schon verwesenden Freund Lazarus aus dem Totenreich zurück. „Tief gerührt“ gibt er der Witwe den einzigen Sohn am Stadttor von Naim wieder. Und wiederum richtet er ein verstorbenes Mädchen auf und gibt es dem Vater Jairus zurück. Der Tod wird nichtig, abgestorbenes Fleisch wird lebendig. Und an ihm selbst, dem Ausgang dieser unvergleichlichen Kraft, sollte weniger geschehen sein?

Natürlich gibt es exegetische Versuche, auch diese Totenerweckungen nur bildlich, nicht wörtlich zu verstehen. Die Toten seien nur „in den Herrschaftsbereich Jesu getreten“; ebenso seien die Trauern den „an die Macht Gottes geraten“. Ihre Toten seien zwar tot, aber bei ihm geborgen, „lebendig“. Letztlich erweckt Jesus also nur die Trauernden aus ihrer tödlichen Trauer... Das ist deutlich zu wenig, denn die Schrift meint trotz solcher Einebnungsversuche Handgreifliches: Johannes spricht vom Gestank, von den abzuwickelnden Leinenbinden, vom Entsetzen der Umstehenden... Und er spricht gerade nicht von ihrem Glauben an ein jenseitiges Weiterleben. Im Gegenteil – Martha, die Schwester, erwähnt ja die „Auferstehung am Jüngsten Tag“, und Jesus antwortet mit dem ungeheuren Satz: „Ich bin die Auferstehung.“ (Joh 11,25)

Dieser Satz widerlegt die Zweifel souverän. Aber wie äußert er seine Macht? Indem er den Freund durch das dunkelste aller Tore schickt – und ihn dann zurückruft. Ein hartes Spiel der Liebe: Es führt erst in den tiefsten Absturz und danach in leuchtende Höhe und Fülle. Es gibt kein größeres Beispiel für die Sendung und Macht Christi: Er wird den Ort der Schrecken, das Grab, zu einer Stätte des Heils umwandeln. Darum muss Lazarus sterben, darum müssen seine Schwestern durch die Trauer gehen, damit auch die Finsternis erlöst wird.

Die Liebe Christi mutet genau das den Seinen zu: Mitten im furchtbaren Grauen
wendet sich das Schicksal der Welt.

Die Vollendung des Leibes

Ebenso wenig nur ein Gleichnis ist die Rede von Jesu Leib nach der Auferstehung. Die Zeugen (und wie viele!) haben ihn leibhaft erlebt, und jedes Mal umwerfend. Jesus kommt überraschend, in diese Welt nicht mehr einzuordnen, aber von unabweisbarer Wirklichkeit. Und Wirklichkeit meint eben Leib: berühren, essen, trinken, nach Emmaus wandern, ohne sich den Gesetzen des Irdischen zu verweigern und ohne sich ihnen unterzuordnen.

Nun sind wir bei Thomas, seinem kostbaren Zweifel. Das tief ergreifende Merkmal der leiblichen Identität Jesu sind seine Wunden. Nagelwunden und Herzwunde jetzt muss Thomas, müssen auch die anderen genau das ansehen, wovor sie wegliefen. Die Wunden zeigen etwas außerordentlich Schönes: Verklärte Leiblichkeit heißt nicht Retuschieren des irdisch Gebrochenen und Verletzten. An Jesu Leib blieben die Wunden sichtbar, für immer ist er wirklich gefoltert worden, für immer unseren Tod gestorben. Die kranke und böse Wirklichkeit wird nicht übertüncht, sie wird viel mehr: erlöst. An ihm als dem Ersten (von allen) wird sichtbar: Erlösung ist nicht Auslöschen der Identität; sie ist Steigerung der Identität im eigenen Leib.

Thomas bricht zusammen, als er endlich die Hand in die Seitenwunde Jesu legen soll. In diese Minute ergießt sich eine Kaskade der Gnade. Genau so wenig wie man einen Wasserfall in einem Becher auffangen kann, begreift er die Fülle, die da ausgegossen wird. Der bisher Meister war, ist tatsächlich Gott – Gott im Fleisch.

Viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen – sind wir in die Tiefe dieser Gabe eingedrungen? Wird die Sündenlösung, die mit Christi Blut bezahlt ist, heute gewünscht? Warum ist die Beichte verstummt? Wird die Auferstehung des Leibes heute geglaubt oder resignieren wir im furchtbaren Kreisen von Wiedergeburt und Wiedertod? Der Auferstandene schüttet uns alle Befreiung vor die Füße. „Flut um Flut drängt sich aus Dir unversieglich, für immer, Fluten von Wasser und Blut, wälzend sich über die Wüsten der Schuld, überreichlich bereichernd, jeden Empfang überbordend, jedem Begehren übergenug.“ (Hans Urs von Balthasar, Das Herz der Welt, Zürich 1945, 113)

Während der wunderbaren Thomas-Minute ist zu ahnen, dass auch unser künftiger Tod den Sprung ins ganz lebendige, leibhafte Selbst vorstellt. Jesu Freiheit von der irdischen Schwere ist ein großes Versprechen: vom Aufblühen auch unseres Leibes nach dem Tod.

Im Christentum geht es nicht um Unsterblichkeit der Seele, es geht um Auferstehung des Leibes, meines Leibes. Es gibt kein Ende, es gibt Voll-Endung. Dank an Thomas für seinen Unglauben, der die rückhaltlose, große Antwort Jesu gefunden hat. Leib ist der Lieblingsweg der Gnade. Bis heute brennt das Herz davon.

Zuerst erschienen im VATICAN-Magazin. Veröffentlicht bei CNA Deutsch mit freundlicher Genehmigung.

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