"Herr, zu wem sollen wir gehen?" Vorsynodale Überlegungen

Mutter Teresa mit einer Kerze am 10. August 1994
Foto: Vatican Media / L'Osservatore Romano
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27 November, 2019 / 7:14 AM

Im Johannesevangelium lesen wir – Joh 6,60-71 – von der Spaltung unter denen, die Jesus Christus zunächst nachfolgen. Einige laufen nämlich einfach weg. Sie sind so frei. Ihr Ausweg ist ein Irrweg. Der Herr weiß immer mehr als seine Jünger: "Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben." Ebenso wenig wie Machtmissbrauch sind auch Häresie und Schisma eingezeichnet in das, was einige berufene Theologen und wenige diözesane Oberhirten heute volkstümlich als "DNA der Kirche" bezeichnen. In den nächsten Tagen rufen noch viel mehr Berufene: "Wir können Aufbruch!" Wissen Sie, wohin die Reise geht? Wohin wollen Sie gehen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben? Vielleicht: "Einmal um die ganze Welt", wie der vor kurzer Zeit verstorbene, beliebte Schlagerstar Karel Gott inbrünstig sang? Der Song geht aber weiter: "… und die Taschen voller Geld." Verfolgte Christen, in Syrien und anderswo, machen sich übrigens auch auf den Weg – wahrscheinlich aber keine synodalen Gedanken. Wir Katholiken in Deutschland haben Zeit und Geld für synodale Wege. Wir alle könnten gänzlich vom Glauben abfallen und trotzdem noch kirchlich bestattet werden: Eine Person, die bis zum Tode Kirchensteuern zahlt, bleibt Mitglied der Kirche – egal, ob diese Person glaubt oder nicht. Und wenn diese Person Dogmen leugnet? Macht gar nichts, zumindest in Deutschland. Eine Person, die aus dem Kirchensteuersystem austritt, wird zwangsläufig exkommuniziert – egal, ob diese Person glaubt oder nicht. Wenn Sie das für widersinnig halten, sind Sie in guter Gesellschaft: Benedikt XVI. empfahl, über diese deutsche Selbstverständlichkeit ernsthaft nachzudenken und äußerte seine begründete Skepsis an dieser Praxis, und Erzbischof Gänswein, promovierter Kirchenrechtler, übrigens auch. Die "Entweltlichung der Kirche" (Benedikt XVI.) ist natürlich bleibend wichtig, aber kein Thema auf dem "Synodalen Weg". Wir fühlen uns ökumenisch-ökonomisch immer noch pudelwohl in Deutschland. Doch was ist eigentlich des Pudels Kern? Erinnern Sie sich noch an die Frage nach Gott? Unsere Kirchenbehörden funktionieren. Die verwaltete Welt blüht, wächst und gedeiht. Wir sind reich an Strukturen und Institutionen. Wer Behörden einrichtet und pflegt, kann gelegentlich Reformbedarf anmahnen, anmelden oder feststellen.

Ja natürlich, vieles in der Kirche in ihrer weltlichen Gestalt ist bar jeder Logik – zumindest dann, wenn man den göttlichen "λόγος" aus dem Prolog des Johannesevangeliums, der nicht eine molekulargenetische Metapher, sondern Mensch geworden ist und unter uns gewohnt hat, gekreuzigt, gestorben und auferstanden ist, bedenkt und berücksichtigt. Ja, vieles ist nicht logisch, aber fast alles hat ein Logo. Ein Logo? Auch der "Synodale Weg" hat so ein Logo, eine Art symbolisches Erkennungszeichen. Haben Sie selbst ein Logo? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht denken Sie dasselbe wie ich: Ein Logo tut gar nicht weh – auch nicht das synodale –, aber kein Mensch braucht ein Logo. Und die Kirche? Es gibt ein Erkennungsmerkmal des Christen in der Welt von heute: Das ist das Kreuz.  

Der Prager Kardinal František Tomášek wird gelegentlich mit den Worten zitiert: "Arbeiten ist viel, Beten ist mehr, Leiden ist alles!" Wir wissen alle, was auch auf unseren Schultern liegt. Leiden Sie an Rückenschmerzen? Das ist nicht unbedingt eine Alterserscheinung, sondern vielleicht das Kreuz, das Sie tragen, anders gesagt: die Teilhabe an der Passionsgemeinschaft mit dem Herrn. Halten Sie durch, bleiben Sie bei Ihm und Seiner Kirche. Wir brauchen kein Logo, sondern nur den Herrn. Von Ihm wollen wir uns auch nicht befreien – wir sind so frei, natürlich, aber: Wir wollen Ihm dienen. Das ist das Schönste überhaupt, was auf dieser Welt möglich ist. Darum braucht nach meiner unmaßgeblichen Meinung kein Mensch ein Logo, aber jeder Mensch das Credo. Sicher kein Credo 2.0. Nicht irgendein Credo, sondern das eine Credo der Kirche. Wenn wir nicht mehr vom Credo sprechen – wenn wir das Evangelium Jesu Christi nicht mehr bezeugen –, dann sollten wir auch von allem anderen schweigen. Die Kirche braucht auch kein Update, sondern Zeugen des Herrn.  

Möchten Sie eine gute Lektüre für den Advent haben? Ein geeigneter Wegbegleiter ist die Enzyklika "Redemptor hominis" des heiligen Johannes Pauls II., beispielsweise. Er schreibt dort: "In unserer Zeit ist man mitunter der irrtümlichen Meinung, dass die Freiheit Selbstzweck sei, dass jeder Mensch dann frei sei, wenn er die Freiheit gebraucht, wie er will, und dass man im Leben der Einzelnen und der Gesellschaft nach einer solchen Freiheit streben solle. Die Freiheit ist jedoch nur dann ein großes Geschenk, wenn wir es verstehen, sie bewusst für all das einzusetzen, was das wahre Gute ist. Christus lehrt uns, dass der beste Gebrauch der Freiheit die Liebe ist, die sich in der Hingabe und im Dienst verwirklicht. Zu solcher »Freiheit hat Christus uns befreit« und befreit er uns ständig. Die Kirche schöpft daraus unaufhörlich ihre Anregungen, die Einladung und den Anstoß zu ihrer Sendung und zu ihrem Dienst unter allen Menschen. Die volle Wahrheit über die menschliche Freiheit ist im Geheimnis der Erlösung tief verwurzelt. Die Kirche dient wahrhaft der Menschheit, wenn sie diese Wahrheit mit unermüdlicher Aufmerksamkeit, starker Liebe und verantwortungsbewusstem Einsatz schützt und sie innerhalb der gesamten eigenen Gemeinschaft durch die Treue zur Berufung eines jeden Christen weitervermittelt und im Leben konkretisiert."

Der Herr fragt die Jünger damals und uns heute: "Wollt auch ihr weggehen?" Wir dürfen uns entscheiden. Wir sind so frei. Also können wir wie Simon Petrus – in Treue zur Kirche aller Zeiten und Orte und in Gemeinschaft mit unserem Heiligen Vater – sagen: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens." Wir bleiben beim Herrn und in Seiner Kirche: Das ist nicht immer einfach, natürlich nicht, aber: Wir sind so frei, und darum bleiben wir einfach römisch-katholisch. Wenn Sie gefragt werden, ob sich etwas an der Kirche ändern müsste, hier, jetzt und heute, dann mögen Sie getrost erwidern: "Unbedingt!" – oder auch: "Ja doch, ich denke schon." Aber was eigentlich genau? Mit der heiligen Mutter Teresa gesagt: "Sie und ich!"

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