Kosmische Reizfigur. Benedikt XVI. zum 93. Geburtstag

Papst Benedikt XVI.
Foto: Paul Badde / EWTN
16 April, 2020 / 6:58 AM

Heute wird Benedikt XVI. 93 Jahre alt, der seit sieben Jahren oberhalb des Petersdoms auf dem Vatikanhügel wohnt. Übermorgen vor 15 Jahren, am 18. April 2005, wurde "der einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn" alias Joseph Ratzinger "von den Herren Kardinälen" wie er damals sagte, zum Papst gewählt. Die Wahl hatte ihm zunächst Todesangst eingejagt. Er hatte ganz andere Pläne und nie einen Karriereplan. Doch als er nach der Wahl für seinen ersten Segen als Nachfolger Petri auf der Loggia der Petersbasilika erschien, sah es ihm keiner mehr an. Da erschien er fast schwerelos und jagte nun umgekehrt seinen zahlreichen Widersachern einen fürchterlichen Schrecken ein. Denn er war ja der Spiritus Rector seines Vorgängers Johannes Paul II, der sich seit dem 16. Oktober 1978 noch einmal wie ein Fels dem Zeitgeist in der Welt und in der Kirche entgegengestemmt hatte, ganze 27 Jahre lang. Das wollte er nun nicht mehr. Der zarte und scheue Mann hatte Heimweh nach seiner Heimat, wo er noch ein paar Bücher über Jesus von Nazareth schreiben wollte. Die Bücher hat er auch geschrieben, doch inzwischen als Papst, und so Gott will, könnte er am 4. September zum allerältesten Papst der Geschichte überhaupt werden, nach Leo XIII., der am 20. Juli 1903 mit 93 Jahren und 140 Tagen als bis dahin ältester Pontifex starb.

Das wäre der letzte Superlativ seiner langen Karriere, die er nie verfolgt, sondern immer nur angenommen hat, bis auf ein einziges Mal. Das war, als er den Entschluss fällte, von seinem einzigartigen Amt zurückzutreten, den er am 11. Februar 2013 den fassungslosen Herren Kardinälen und der ganzen Welt als Weltsensation auf lateinisch verkündete. Denn Päpste treten nicht zurück. Kaiser und Könige mögen zurücktreten, Diktatoren und Tyrannen werden gestürzt und Präsidenten werden abgewählt. Das Papstamt aber ist doch ein Garant des Absoluten in einer Welt des Relativismus. Er tat es trotzdem. Seitdem ist das Papstamt nicht mehr, was es vorher war.

Sein Leben ist ein Drama. Es ist ein Roman, der auch bald erscheinen wird, getarnt als Biographie. Doch wenn Peter Seewald "Benedikt XVI – Ein Leben" am 4. Mai als sein opus magnum vorstellen wird, wird es keinen rauschenden und kampagnenfähigen Empfang im Bayrischen Hof oder dem Literaturhaus in München mehr geben wie bei seinem "Salz der Erde" 1996 oder seinen "Letzten Gesprächen" im September 2016. Denn diesmal ist die ganze Welt auf geheimnisvolle Weise unter dem Namen der Pestheiligen Corona von jenem Leben in Klausur angesteckt und befangen, das Benedikt XVI schon vor sieben Jahren als Schicksal für den Rest seiner Tage wählte, wieder einmal als Pionier, diesmal in den Schuhen Petri.

Und wenn Gott noch mehr von ihm will, könnte er im nächsten Februar auf 16 Jahre zurückblicken, in denen er genauso lang Papa emeritus war, wie davor Papa activus, also jeweils genau 2871 Tage lang. Eines aber ist er davor und danach unbeirrbar geblieben: ein Stachel im Fleisch der Mutter Kirche.

Das lässt sich bei jeder seiner Äußerungen wie nach einem Lehrbuch verfolgen. Er hat bei seinem Rücktritt vom Amt das Gebet, doch niemals das Schweigen versprochen. Doch ein jedes Mal, wenn Benedikt XVI. sich aus dem Kloster "Mater Ecclesiae" wieder kurz zu Wort meldet, meist luzide und prägnant wie immer, treten seine alten und jungen Widersacher aus dem weiten Feld der deutschen Theologie reflexartig wie die Pawlowschen Hunde einen inhaltsleeren Sturm der Empörung und Entrüstung in den säkularen Medien los, der seinesgleichen sucht. Für viele ist der greise Mann erst recht nach seinem Rücktritt eine geradezu kosmische Reizfigur geworden – und Projektionsfläche der absurdesten Verschwörungstheorien.

Wir wissen nicht, was Gott noch alles mit ihm vorhat, erinnern uns dabei aber gern an den hintergründigen – und bisweilen unnachahmlich maliziösen - Humor, mit dem Joseph Ratzinger früher zu sagen pflegte: "Da wollen wir der Güte Gottes mal keine Grenzen setzen". Das wollen wir natürlich auch nicht.

In diesem Sinn: Ad multos annos, Vater Benedikt!

Paul Badde ist Herausgeber des Vatican-Magazins und Korrespondent des katholischen Fernsehsenders EWTN mit Sitz in Rom.

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