Liebe, Glaube und Wahrheit

Geistliche Betrachtungen zu den Enzykliken Benedikts XVI. – Teil 34

Papst Franziskus und Papst emeritus Benedikt XVI vor dem Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan am 30. Juni 2015.
Foto: Osservatore Romano (LOR)
21 May, 2022 / 7:00 AM

Wer einen objektiven Wahrheitsbegriff vertritt und darauf vertraut, wird heute skeptisch beäugt oder sogar belächelt, unter Philosophen wie unter Theologen. Auch im Raum der Kirche scheinen einige Luftbaumeister sich Wahrheiten auszudenken, etwa jene Zeitgenossen, die die Lehre der Kirche auf eine bloße Meinung reduzieren oder das Evangelium Jesu Christi als absolut deutungsoffen präsentieren.

In der gemeinsam von Benedikt XVI. und Papst Franziskus verfassten Enzyklika „Lumen fidei“ wird an die unauflösliche Verbindung von Glaube und Wahrheit erinnert, die bis ins Alte Testament zurückreicht. 

Der Gott Israels werde vom Propheten Jesaja als der „wahre Felsen“ beschrieben, der nicht wanke: „Weil Gott verlässlich ist, ist es vernünftig, an ihn zu glauben, die eigene Sicherheit auf sein Wort zu bauen.“ Wer Gott treu bleibe, finde den „Plan der Weisheit“ und verstehe die „Wege des Herrn“. Hier sind Annahme und Verständnis eng verwoben. Das Vertrauen auf Gott korrespondiert mit einem begründeten Vorbehalt gegenüber dem Geltungsanspruch subjektiver Meinungen, natürlich auch den eigenen. 

Darum sind gläubige Christen, die sich als Mitarbeiter der Wahrheit verstehen, nicht die Mitarbeiter ihrer eigenen Wahrheiten, sondern Boten und Gesandte der Wahrheit Gottes. Glaube und Erkenntnis gehören zusammen: „Der Mensch braucht Erkenntnis, er braucht Wahrheit, denn ohne sie hat er keinen Halt, kommt er nicht voran. Glaube ohne Wahrheit rettet nicht, gibt unseren Schritten keine Sicherheit. Er bleibt ein schönes Märchen, die Projektion unserer Sehnsucht nach Glück, etwas, das uns nur in dem Maß befriedigt, in dem wir uns Illusionen hingeben wollen. Oder er reduziert sich auf ein schönes Gefühl, das tröstet und wärmt, doch dem Wechsel unserer Stimmung und der Veränderlichkeit der Zeiten unterworfen ist und einem beständigen Weg im Leben keinen Halt zu bieten vermag.“ 

Was in der Enzyklika dargelegt ist, dient der Unterscheidung: ein bloß selbstgemachter, ausgedachter Glaube bleibt im Raum der Illusionen und dient am Ende niemandem, der nach der Wahrheit fragt, die sein Leben tragen und halten kann. So lässt sich auch der Glaube, so lässt sich auch die Lehre der Kirche nicht einem belieben Zeitgeschmack angleichen. Es hat zu allen Zeiten absurde und verstörende Versuche gegeben, den Glauben zurechtzuschneiden oder mit politischen Ideologien zu verknüpfen. 

Ein Glaube, der von der Wahrheit separiert ist, mag ein „schönes Gefühl“ für den Moment erwirken, ist aber aufs Ganze gesehen belanglos und zeigt nur eine Entfremdung von Gott an. Nur durch die „innere Verbindung mit der Wahrheit“ sei der Glaube fähig, ein „neues Licht“ zu bieten: „An die Verbindung des Glaubens mit der Wahrheit zu erinnern, ist heute nötiger denn je, gerade wegen der Wahrheitskrise, in der wir leben. In der gegenwärtigen Kultur neigt man oft dazu, als Wahrheit nur die der Technologie zu akzeptieren: Wahr ist, was der Mensch mit seiner Wissenschaft zu konstruieren und zu messen vermag — wahr, weil es funktioniert und so das Leben bequemer und müheloser macht. Dies scheint heute die einzige sichere Wahrheit zu sein, die einzige, die man mit anderen teilen kann, die einzige, über die man diskutieren und für die man sich gemeinsam einsetzen kann. Auf der anderen Seite gebe es dann die Wahrheiten des Einzelnen, die darin bestünden, authentisch zu sein gegenüber dem, was jeder innerlich empfindet; sie wären nur für den Einzelnen gültig und könnten den anderen nicht vermittelt werden mit dem Anspruch, dem Gemeinwohl zu dienen. Die große Wahrheit, die Wahrheit, die das Ganze des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens erklärt, wird mit Argwohn betrachtet.“ Wer die Wahrheit subjektiv versteht, endet im Strudel der Relativismus. Benedikt und Franziskus empfehlen die Besinnung auf das „rechte Verständnis von Wahrheit“. 

Das „Herz“ sei die „Mitte des Menschen“, biblisch gedacht, dort seien „Leib und Geist, die Innerlichkeit der Person sowie seine Öffnung für die Welt und die anderen; Verstand, Wille und Gefühlsleben — miteinander verflochten“: „Wenn also das Herz imstande ist, diese Dimensionen zusammenzuhalten, dann deshalb, weil es der Ort ist, an dem wir uns der Wahrheit und der Liebe öffnen und zulassen, dass sie uns anrühren und in der Tiefe verändern. Der Glaube verwandelt den ganzen Menschen, eben insofern er sich der Liebe öffnet. In dieser Verflechtung des Glaubens mit der Liebe versteht man die dem Glauben eigene Gestalt der Erkenntnis, seine Überzeugungskraft und seine Fähigkeit, unsere Schritte zu erhellen. Der Glaube erkennt, weil er an die Liebe gebunden ist, weil die Liebe selber Licht bringt. Das Glaubensverständnis beginnt, wenn wir die große Liebe Gottes empfangen, die uns innerlich verwandelt und uns neue Augen schenkt, die Wirklichkeit zu sehen.“ 

Liebe sei eben nicht etwas bloß Subjektives, eine bloße Erfahrung, die an die „Welt der unbeständigen Gefühle gebunden ist und nicht mehr an die Wahrheit“ gebunden sei: „Wenn die Liebe keinen Bezug zur Wahrheit hat, ist sie den Gefühlen unterworfen und übersteht nicht die Prüfung der Zeit. Die wahre Liebe vereint hingegen alle Elemente unserer Person und wird zu einem neuen Licht auf ein großes und erfülltes Leben hin. Ohne Wahrheit kann die Liebe keine feste Bindung geben, vermag sie das Ich nicht über seine Isoliertheit hinauszuführen, noch es von dem flüchtigen Augenblick zu befreien, damit es das Leben aufbaut und Frucht bringt.“ Liebe und Wahrheit seien notwendig miteinander verbunden und dürften nicht getrennt werden: „Die Wahrheit, die wir suchen, jene, die unseren Schritten Sinn verleiht, erleuchtet uns, wenn wir von der Liebe berührt sind. Wer liebt, begreift, dass die Liebe eine Erfahrung der Wahrheit ist, dass sie selbst unsere Augen öffnet, um die ganze Wirklichkeit in neuer Weise zu sehen, in Einheit mit dem geliebten Menschen.“ Die Erkenntnis des Glaubens ist verknüpft mit der Liebe. 

Diese Erkenntnis geht aus der Liebe Gottes hervor. Die Einsicht in diese Liebesgeschichte mag wachsen mit der Zeit: „Der wahre Gott ist der treue Gott, derjenige, der seine Versprechen hält und erlaubt, in der Zeit seinen Plan zu verstehen.“ Ein Mensch aber, der sich für vernünftig ansieht und darum Wahrheit und Glaube trennen möchte, verschließt sich gerade der Einsicht und Erkenntnis, die er doch erstrebt. Wahrheit und Glaube gehören zueinander. So können wir gemäß dem Geist und Buchstaben des ersten Johannesbriefs auch sagen: Wir Christen haben der Liebe geglaubt, nicht dem bloßen Gefühl, sondern der Liebe des dreifaltigen Gottes, zu dem wir uns als dem wahren Gott bekennen – auch wenn die Wahrheit des Glaubens Anstoß erregen mag, so ist es doch vernünftig, daran zu glauben: „Durch die Erfahrung der Propheten, im Schmerz des Exils und in der Hoffnung auf eine endgültige Rückkehr in die Heilige Stadt, hat Israel erahnt, dass diese Wahrheit Gottes sich über seine eigene Geschichte hinaus erstreckte, um die gesamte Geschichte der Welt von der Schöpfung an zu umfassen. Die Glaubenserkenntnis erhellt nicht nur den besonderen Weg eines Volkes, sondern den gesamten Lauf der geschaffenen Welt, von ihrem Ursprung bis zu ihrem Vergehen.“

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