Luther ohne Heiligenschein – Ein Kommentar zu Richard Niedermeiers Buch über den Reformer

"Ein moderner, mittelalterlicher Mensch"
Foto: Hans Bennvia Pixabay
31 October, 2017 / 11:12 AM

500 Jahre nach dem Thesenaschlag Martin Luthers, der die Reformation einleitete, hat der Mann aus Wittenberg nichts an seiner Faszination eingebüßt. Es liegt ein Mythos über seiner Gestalt, der in der Vergangenheit unterschiedliche Färbungen eingenommen hat.

Stets galt der "Reformator" jedoch als der starke, aufrechte Mann – mal als Befreier von römischer Bevormundung, mal als Verteidiger deutscher Rechte gegenüber dem Kaiser, dann als Anführer der Entrechteten und schließlich als Streiter für Recht und Ordnung. Es ist kein Zufall, dass Lutherjubiläen im Reiche Bismarcks und der DDR mit großem Pomp begangen  wurden. Unter Berufung auf Luthers polemische Kampfschriften gegen die Juden brannten freilich auch in der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen, um mit diesem grauenhaften Gewaltausbruch Luthers Geburtstag zu begehen (Martin Luther wurde am 10.11.1483 geboren und am 11.11.1483, wie damals oft üblich, auf den Namen des Tagesheiligen getauft).

Martin Luther – ein moderner, mittelalterlicher Mensch

Richard Niedermayer versucht in seinem Buch "Martin Luther – eine Reise an den Ursprung der Reformation" durch die zuerst von Luther selbst und später von seinen Anhängern aufgebauten Mythen zur geschichtlichen Gestalt Martin Luders, so sein eigentlicher Name, vorzudringen und zu zeigen, wer der Mönch aus Wittenberg wirklich war.

Er tut dies nicht nur im Hinblick auf historische Fakten, sondern auch auf geistesgeschichtliche Entwicklungen, die schließlich zum epochalen Schritt aus dem Mittelalter in die Neuzeit führen. Martin Luther ist dabei keineswegs der aufgeklärte Humanist – einem Erasmus von Rotterdam vergleichbar – auch wenn er eine originelle neue Bibelübersetzung vorlegt (vor ihm gab es bereits etwa 20 deutsche Bibeln), sondern ein mittelalterlicher Mensch, der Gott und den Teufel fürchtet, an Hexen und ihr verderbliches Wirken glaubt sowie Frauen und Juden als minderwertige Geschöpfe betrachtet. Die endzeitliche Angst des mittelalterlichen Menschen hat Luther, "obwohl er sich gegen die Ablässe wandte, nicht genommen, sondern noch verstärkt".  Was ihn zu einem Wegbereiter modernen Denkens macht, ist sein unbestreitbarer Individualismus und sein unumstößliches Selbstbewußstein, das sich in dem berühmten Wort vor dem Augsburger Reichstag, das historisch nicht sicher zu belegen ist, zusammenfassen lässt: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!".

Deutschland feiert im Jahr 2017 nicht so sehr einen bibeltreuen Mann, der um einen "gnädigen Gott" ringt, sondern einen, der ohne Furcht – man könnte auch sagen ohne Rücksicht – für seine Ideen streitet. "Er sah sich", so Niedermayer, "mit Sicherheit als einen Neubegründer der Kirche, und er bezog die Aufgabe der kirchlichen Erneuerung ganz auf seine Person." Luther glaubt an sich und seine Mission – und damit ist er ohne Zweifel ein moderner Mensch. Er selbst zeichnet von sich das Bild eines Gott gesandten Mannes, wenn er in einer seiner Tischreden dem längst verstorbenen  Schwärmer Johann Hilten (gest. 1507) die fiktiven Worte in den Mund legt: "Ein anderer wird kommen." Es ist das Wort des Johannes, des Wegbereiters Christi, über die Ankunft des verheißenen Messias, das der Reformator auf sich selbst hin deutet. Luther erneuert nicht die Kirche, sondern setzt mit seinem Auftreten einen radikalen Neuanfang.

Der Zorn Gottes und seines Reformators

Beinahe alle Lutherbiographen sprechen vom unzähmbaren Zorn des Reformators, den er über beinahe alle gesellschaftlichen Gruppen, zuerst aber über den Papst, den Antichristen zu Rom, ausgießt. Dieser Zorn ist auch die Mitte seiner Theologie, genauer gesagt Rechtfertigungslehre. Der Teufel wird überwunden indem er wutentbrannt, die Menschheit Christi am Kreuz "verschluckt" sich so aber in den Angelhaken der Gottheit Christi "verbeißt" und damit auf ewig gefangen ist. Erlösung bedeutet dann, dass Jesus "Fraß des Teufels" bleibt und die beiden Naturen – Gottheit und Menschheit – auseinander gerissen werden. In ähnlicher Weise wiederholt sich dieses Drama in jedem Menschen, der – wie Luther gegenüber Erasmus nachdrücklich unterstreicht – keinen freien Willen habe, sondern von Gott oder vom Teufel geritten werde. Gerettet wird er nicht durch eine wahre Entmachtung des Widersachers, sondern den gnädigen Blick Gottes, der nicht auf die Werke, sondern allein auf den Glauben ziele.

Luther ist nicht nett, zahm, harmlos und bequem

Nur wenig hat die Theologie Luthers mit einem heute weitverbreiteten evangelischen Humanismus zu tun, der eher auf Melanchton zurückgeht. Luther steht inmitten eines kolossalen Kampfes zwischen Gott und Teufel, Himmel und Hölle, der mit unerbittlichem Zorn geführt wird. Luthers eigene Biografie, ein gewalttätiges Elternhaus und die Flucht ins Kloster nach einem Totschlagsdelikt (die Blitzschlaglegende ist heute erwiesenermaßen historisch nicht mehr haltbar), prägt sein theologisches Denken. Und gerade hierin zeigt er sich als moderner Mensch, der seine existenziellen Fragen (nicht scholastische und "weltfremde" Erörterungen) von der Theologie beantwortet wissen will. Luther nimmt mit seiner autobiographischen Theologie in gewisser Weise die Jahrhunderte später von Karl Rahner propagierte "anthropologische Wende" vorweg. Es dreht sich nicht mehr um Gott, sondern um den Menschen; nicht mehr zuerst um seine Ehre, sondern das Wohl und Wehe, d.h. die Rechtfertigung seiner Kreatur. Luther, so erklärt Richard Niedermeier, nennt seine Theologie daher "sapienta experimentalis et non doctrinalis", was man vielleicht frei so übersetzen könnte: eine praktische, keine doktrinelle Weisheit. Dieses Wort macht deutlich, warum Luther gerade heute im Jahr 2017 so sehr gefeiert werden kann: Praxis und Pastoral scheinen wichtiger als abstrakte Doktrin und überlieferte Lehre.

Luthers Theologie als Autobiographie

Der Autor des empfehlenswerten Buches "Martin Luther – Eine Reise an die Ursprünge" zeigt in verständlicher Sprache die Grundzüge protestantischer, besser gesagt, lutherischer Theologie auf, die in ihrer radikalen und existentiellen Herausforderung von nicht vielen Christen gedacht und gelebt werden kann. "Es ist also ein Existenzbruch, der sich hier im Glaubenden vollzieht: Er bleibt einerseits in seinem realen Leben als Sünder gefangen, aber er muss dieses Leben ignorieren, in welche Abgründe es ihn auch führen mag, und den Blick ausschließlich auf Christus gerichtet halten. [...] Diese Doppelung des Lebens ist zum Vorzeichen für die Weiterentwicklung des Protestantismus geworden." Zu oft führt das zu weltfremden Pietismus oder gottvergessenem Aktionismus.

Die Reformation in der Sackgasse

Richard Niedermeiers Buch macht, unter Berufung auf nicht wenige historische Fakten, deutlich, dass die unzweifelhaft bestehenden Missbräuche des Ablasses wohl Anlass, sicherlich nicht aber Motor und Inhalt der Reformation Luthers waren. Schon ein Jahr nach dem Thesenanschlag führt der Wittenberger Mönch einen Gespräch mit dem gebildeten und dem Ablasswesen gegenüber kritisch gesinnten Kardinal Cajetan, ohne dass es zu einer Einigung kommt. Es folgen 1519 Dispute mit Karl von Miltitz und Johannes Eck, in denen schon bald deutlich wird, dass es Martin Luther um eine andere, ja man möchte fast sagen, eine neue Kirche geht. Diese frühen "ökumenischen Gespräche" können die Einheit nicht bewahren, weil es eben nicht nur um Reform, sondern – in den bald heraufbrechenden Kriegen wird das gesellschaftlich sichtbar – um Revolution geht. In der protestantischen Theologie des "simul iustus und peccator" ist eine "versöhnte Verschiedenheit" der Gegensätze denkbar; in der katholischen Sicht des freien Menschen, der entweder durch die Gnade wirklicher Freund Gottes oder durch seine schweren Sünden sein Feind ist, bedeutet Einheit Übereinstimmung in der Wahrheit der Lehre und im Zeugnis christlichen Lebens.

Martin Luther entdecken

Die Lektüre des im Media Maria Verlag erschienen Buches "Martin Luther – Eine Reise an den Ursprung" lässt die Faszination für Martin Luther besser verstehen, in dem ein nüchterner Blick auf den Reformator gewagt wird, dessen Größe und Bedeutung außer Frage steht. Rom hat viel zu lange die Gewalt seiner Gedanken unterschätzt und ihn als "zänkischen Mönch" kleingeredet. Auch in diesem Jubiläum gibt es die Tendenz, ihn als frommen Ehemann und bibeltreuen Prediger zu "domestizieren", der es doch eigentlich nur gut gemeint habe und Missbräuche abschaffen wollte. Luther selbst würde sich gegen ein solch "harmloses" und allzu nettes Bild wenden. Er, wie nur wenige nach ihm, hält es aus, Gott als Gegensätze (contraria) in sich selbst zu denken und, weil der Mensch "in sich selbst gekrümmt bleibt" (incurvatus in se ipsum), die Unfähigkeit zu ertragen, ihn weder erkennen, noch lieben, sondern nur im Glauben (sola fide), gleichsam blind, ergreifen zu können. Zu diesem wahren Luther vorzustoßen und die Genialität seines theologischen Denkens, aber auch die erschreckenden Abgründe zu erkennen, in die es führen kann, ist Verdienst Richard Niedermeiers.

Möge das Reformationsjahr dazu beitragen, den wahren Luther, jenseits aller Mythen und Legenden, Verharmlosungen und Zuspitzungen, zu entdecken und ihn entsprechend zu würdigen.

In einer ersten Fassung veröffentlicht am 18. Februar 2017.

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