"Mythische Wendepunkte"?

Gedanken zu Bischof Bätzings Corona-Reflexionen

Pilger auf dem Petersplatz am 26. Februar 2020
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
11 September, 2020 / 1:10 AM

Der im Frühjahr verfügte Corona-"Lockdown" wird sicherlich im Gedächtnis bleiben, aber die Aufnahme in die Reihung, die Bischof Dr. Georg Bätzing in seinem neuen Beitrag vornimmt, verwundert schon. Sind das besondere Ereignisse, die sich zu ähneln scheinen? Von der Mondlandung über den Fall der Berliner Mauer von 1989 über "9/11" werden nun die COVID-19-Viruserkrankung und die damit verbundenen Konsequenzen eingefügt. Bischof Bätzing spricht von "mythischen Wendepunkten". Schon der theologiefremde Sprachgebrauch verwundert. Wir leben jenseits des Mythos, denn wir sind – noch immer – Christen, Andersgläubige, Suchende, Agnostiker oder religiös gänzlich unmusikalische Menschen. Mythos-affine Menschen mag es auch geben. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz möchte die folgenreichen Dimensionen der Corona-Pandemie betonen. Aber warum? Aus schlicht naturwissenschaftlicher Sicht scheint es schwer nachvollziehbar zu sein, eine Viruserkrankung zu überhöhen, zu dämonisieren oder zu instrumentalisieren. Der Impfstoff würde vielleicht zur "erlösenden Wende", so Bätzing. Das Virus mag jeder leise für sich verfluchen, aber ein Fluch ist es nicht – ebenso wenig wie ein Impfstoff oder eine passende Medikation ein Segen sein wird. Kardinal Meisner würde uns in dieser Stunde daran erinnern: "Vergesst eines nicht: Nur an Gottes Segen ist alles gelegen."

Im Folgenden fährt Bätzing in einem mythisch orientierten Sprachduktus fort. Das "Schicksal" wird bemüht, ebenso die Linguistik, sodann die Politik: "Auch wenn es nicht jedem Politiker gelingen wird, sich in das Buch der Geschichte einzutragen, über ihre Legislaturperiode hinaus an die Zukunft des Ganzen zu denken, zeichnet gerade die Besten aus. Erst recht in Schicksalstagen wie diesen, in denen große Entscheidungen anstehen, die Mut und Tatkraft erfordern." Diese rhetorisch aufgeladene Feierlichkeit macht nachdenklich. Sollen Politiker nicht einfach – wie jedermann sonst, wie Kleriker und Weltchristen – ihre Arbeit machen? Niemand ist dazu berufen, sich in das "Buch der Geschichte" einzutragen. Wir alle können uns in Krisenzeiten bewähren. Wir können Herausforderungen gerecht werden – oder nicht. Die Rede von "Schicksalstagen" erscheint so unbestimmt wie entbehrlich. Der damalige Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl etwa hat 1989/90 umsichtig, souverän und klug bei der Wiedervereinigung Deutschlands agiert. Er sprach damals vom "Mantel der Geschichte", es war ein historischer Moment. Mit Blick auf Corona schreibt Bischof Dr. Bätzing: "Schon jetzt meinen wir den Wind zu spüren, der den Mantel der Geschichte bewegt." Geht es Ihnen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, auch so – oder wünschen Sie sich einfach nur die Wiederkehr der Normalität?

Bischof Bätzing schreibt: "Wie oft war schon der Satz zu hören: »Nach Corona wird nichts mehr so sein wie vorher.« Das ruft kein einsamer Prophet aus der Wüste, sondern ein vielköpfiger Chor von Kommentatoren. Dabei ist das Risiko, damit falsch zu liegen, nicht wirklich hoch." Wie oft haben wir alle, Sie und ich, diesen Ausspruch schon gehört? Ich bezweifle, dass aus einer besonderen Situation, die hier "Krise" genannt wird, ein "kraftvoller Innovationsimpuls" entsteht. Man muss hier – nur dieses Beispiel sei genannt – einfach an zahllose Künstler denken, die gegenwärtig wegen der Präventionsmaßnahmen nicht auftreten dürfen und deren ohnehin oft prekäre Existenz massiv gefährdet ist. Die "Innovation" könnte für viele Menschen ein aufgezwungener Berufswechsel sein oder HARTZ IV heißen. Wie viele Kranke durften und dürfen nicht besucht werden? Wie viele alte Menschen vereinsamten noch mehr in den Pflegeheimen? Die "Grammatik des Abstands", so Bätzing, herrsche noch immer vor. Deutschland sei keine "Insel der Seligen" gewesen, aber hier sei es doch weniger unselig gewesen als anderswo. Nach der Beschwörung des Mythos folgt nun das Mysterium: "Blicken wir nun noch einmal genauer auf das Mysterium der Zeit. Bevor ich mich wieder meinem leitenden Gedanken, dem großen Tempus, dem Futur II oder »Futurum exactum«, zuwende, muss die Zeit im Ganzen, die ganze Spanne zwischen Alpha und Omega, von der niemand weiß, wie groß sie ist, aufgerufen werden. Wenn es um das Mysterium der Zeit geht, gehört der Blick in die Vergangenheit unbedingt dazu." Bischof Bätzing denkt an die Ewigkeit und die Ruhe des Sabbats, an die unausweichliche Endlichkeit des Daseins und an die Hoffnung auf Vollendung: "Vielleicht ließen sich Corona, der Lockdown, die langen Tage und Wochen danach wegen der zugegeben höchst unfreiwilligen, aber doch offensichtlichen Verwandtschaft mit dem Sabbat tatsächlich aus der Perspektive der künftig gewesenen Zeit im Auge behalten? Ein tödliches Virus ist schrecklich. Ob Corona aber auch einmal für etwas gut gewesen sein wird, liegt auch an uns." Mir scheint, dass sehr viele Menschen in Deutschland und anderswo sich diese Frage nicht stellen werden – und nicht wenige werden diese Frage auch nicht beantworten können. Bischof Dr. Bätzing bringt sodann einen "interreligiösen Feiertag" ins Gespräch, der als Tag des "Wir-Gefühls und der Besinnung für Gläubige und Ungläubige" sodann "ein wunderbares, heilendes Zeichen" sein könnte: "Das Futurum exactum übt uns ein in den göttlichen Blick des siebten Tages." Wer die nötige Muße hat, mag darüber nachdenken. Ich glaube: Wir brauchen als Christen nicht einen zusätzlichen allgemeinen Feiertag, sondern ein vertieftes gläubiges Bewusstsein für die Feier des Sonntags. Meine Erwartung an die Kirche, der ich im Leben und Sterben angehören werde, ist sehr viel schlichter, diesseits und jenseits von allen Pandemien und anderen Ereignissen, die uns widerfahren sind und noch widerfahren werden: Corona ist weder ein Mythos noch ein mythischer Wendepunkt, sondern eine Viruserkrankung mit zahlreichen Konsequenzen. Meine Hoffnung ist, dass Jesus Christus die Mitte der Kirche ist, dass die Sakramente gefeiert und gespendet werden, denn einfach gläubige Katholiken verzehren sich zu allen Zeiten nach dem Brot des Lebens. Wovon sollte heute in der Kirche die Rede sein? Der Regensburger Erzbischof Michael Buchberger sagte 1960 darauf: "Von Gott." Und daran hat sich im Jahr 2020 nichts geändert. 

Das könnte Sie auch interessieren: 

;

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.