O Crux Ave, Spes Unica

Robert Spaemann vor der Advocata, der Ikone der Muttergottes bei den Dominikanerinnen des Rosenkranzklosters auf dem Monte Mario in Rom.
Foto: Paul Badde / EWTN
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11 December, 2018 / 3:45 PM

"Das Christentum ist die wahre Religion", schrieb Robert Spaemann wunderbar eindeutig. Warum? Wollte er den Rest der Welt provozieren? Unsinn. Er sagte es so klar und furchtlos, weil es wahr ist. Weil Christus das Kreuz in eine Brücke über den Graben des Todes verwandelt hat, zur ewigen Wahrheit Gottes hin. Das Christentum ist die wahre Religion, weil wir das Kreuz haben. Das hat keine andere Religion. Darum stört das Kreuz auch bis zum Ende der Tage und reizt die Gegner der Wahrheit in jeder Generation neu bis aufs Blut.

"Sei gegrüßt Kreuz, einzige Hoffnung."

So singen wir Christen. Wir besingen das Paradox: "Regnat a ligno Deus - Vom Holz herab regiert Gott." Das Christentum ist die wahre Religion. Es ist die einzige Religion, die nicht ins Paradox verstrickt ist, weil es die einzige Religion ist, die das Paradox annimmt und denkt. Sie denkt, was sich kein Mensch hätte ausdenken können. Ihr Symbol zeigt den nullpunkt menschlicher Existenz, ein perfide ausgedachtes Instrument, mit dem Menschen langsam zu Tode gefoltert werden. Wer daran hängt, nackt, den höhnischen Blicken der Theologen und des Pöbels preisgegeben, ist "ein Wurm und kein Mensch mehr" (Psalm 22,7). nur ein römischer Armeeoffizier, der von Amts wegen dem Tod Jesu zuschauen musste, sah, was die Bibelexperten nicht sahen: "Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn gewesen." Und seither singen wir von diesem "widrigen Gegenstand" (Goethe): "Du bist das Siegeszeichen, davor der Feind erschricket, wenn er es nur anblicket". Wir blicken es an wie die Israeliten das aufgerichtete Bild der Schlange, um nicht gebissen zu werden. Mit diesem Zeichen überführt der Geist die Welt nach dem Wort Jesu der Wahrheit, und die erste Wahrheit, deren er sie auf entsetzliche Weise überführt, ist, "dass es eine Sünde gibt"(Johannes 16,8). Die andere Wahrheit aber, die dieses Zeichen bekundet, ist, dass die Macht des Bösen gebrochen wurde und wie sie gebrochen wurde: durch die Liebe. "Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis ans Ende" (Johannes 13,1). Er liebte noch die, die ihn kreuzigten und betete für sie. Hier muss der Ankläger kapitulieren, Satan, der Ankläger des Menschen vor Gott. Dieser Mensch gehört ihm nicht und die gehören ihm nicht, die zu diesem Menschen gehören. Seither schmücken die Christen das Kreuz mit Gold und Edelsteinen. Dass die Liebe stark ist wie der Tod, das lesen wir schon im Alten Testament (im Hohenlied 8,6). Dass sie stärker ist als der Tod, das lehrt uns das Kreuz. Wenn wir es verehren, feiern wir das Leben. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens und der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik nicht das letzte Wort über die Wirklichkeit. Der Tod ist nur noch der billige Preis für das ewige Leben, vorausgesetzt, wir sind für das irdische schon mit Christus gestorben. Dem Ankläger ist als Vater der Lüge das Maul gestopft. niemand kann mehr so tief sinken, dass nicht ganz unten der Auferstandene auf ihn wartet. In sein Zeichen, das Kreuzzeichen, das wir über uns am Morgen und am Abend schlagen, hüllen wir uns ganz ein, und bitten, dass sein Blut über uns und über unsere Kinder komme. Stat crux dum volvitur orbis

Der Text von Robert Spaemann erschien im Vatican-Magazin (03/2010). Veröffentlicht bei CNA Deutsch mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung.