Ohne Filter, naturrein: Wie es war, katholisch zu sein

Bernie Conrads Buch ist eine Flaschenpost an seinen verstorbenen Vater, ein Liebesbrief und eine Meditation

Flaschenpost
Foto: Pixabay (CCO)
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24 July, 2018 / 11:30 AM

Ohne Sentimentalität, aber dafür direkt unter die Haut: So bringen heute noch die Fans der Kult-Kapelle "Bernies Autobahn Band" auf den Punkt, was die Liedermacher-Qualitäten ihres Frontmannes Bernie Conrads ausmachten.

"Ohne Filter" hieß deren Album aus dem Jahre 1980, in Anspielung an die Zigarettenmarke, die sich als "naturrein" auf dem Markt präsentierte.

"Ohne Filter" heißt auch das Buch mit dem Cover, der an diesen starken Tobak erinnert, und ja: Stark und "naturrein" ist auch die Stimme von Conrads, der in den 1970ern und 1980ern als "deutscher Dylan" galt, später Lieder für Peter Maffay, Stoppok und andere schrieb.

Dabei ist es ein vermeintlich schlankes Buch, dass sich als großer, unsentimentaler Liebesbrief an den eigenen Vater entfaltet, und als eine lakonische Meditation über das große Ungesagte der 1968er – über das, was hinter dem ideologischen Schüttelkrampf dieser Jahre verloren ging.

Vom Opfer der Generation des Wiederaufbaus ganz zu schweigen.

Es passt zu dieser Bescheidenheit, die einen unterschätzen läßt, was diese Seiten zu erzählen haben, dass das Werk fast nicht erschienen wäre. "Ich war nicht der Meinung, dass diese 'Flaschenpost' für die Allgemeinheit von Interesse ist", so Conrads gegenüber CNA Deutsch. 

"Da weder meine Frau noch mein Sohn meinen Vater kennen gelernt haben, wollte ich etwas über ihn schreiben, damit sie wenigstens auf die Art etwas über ihn erführen."

Nur der Hartnäckigkeit seines langjährigen Freundes Paul Badde ist es zu verdanken, der "bohrte und bohrte", dass nach zehn Jahren diese Zeilen veröffentlicht worden sind.

Und nun taucht nicht nur der katholisch interessierte Leser in eine Zeit ein, die heute vielen nicht mehr vorstellbar sein wird. Mittendrin die Familie Conrads und der Vater, Kriegsheimkehrer mit dem "Gefrierbrandorden", der katholisch ist und auch - nach schwerster Prüfung, die hier nicht verraten werden soll - wieder katholisch wird. 

All das vor dem Hintergrund eines - und mitten in einem - unsentimental beschriebenen Milieu und Dasein, in der "das Leben in der Pfarrei und das öffentliche Leben des Viertels ein und dasselbe waren", wie Conrads gegenüber CNA Deutsch erinnert. 

"Sie müssen sich bewusst machen, dass im Aachener Ostviertel, einem Arbeiterviertel, an einem normalen Sonntag 1200 Leute in die Kirche kamen, es gab 5 Messen, Frühmesse, Kindermesse, Hochamt, Mittagsmesse und Abendmesse. St. Josef hatte über 100 Ministranten, ausschließlich Jungen. Und es gab noch eine weitere Pfarrei in dem Viertel."

Hier wächst Bernie auf, im kleinbügerlichen, tiefkatholischen Milieu, in einer fast verschollenen Nachkriegszeit, hinein in die 1968er, und in die Entdeckung einer Welt jenseits deutscher Horizonte, vom Hindukusch bis nach Jerusalem.

Conrads beschreibt nicht nur, wie es war, katholisch zu sein, sondern entfaltet alles - auch und gerade zwischen den Zeilen, in den Ellipsen - mit einer Eile, die einen spüren läßt, wie kostbar die verrinnende Zeit ist, worauf Paul Badde in seinem Vorwort denn den Autor auch anspricht:

"Jetzt sind wir in einem Alter angekommen, wo auf einmal alles eilig wird: 'Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.' Dieses Buch ist nun aber dennoch ein kleines Haus geworden, aus dem Dich keiner mehr rauswirft, mit einer Botschaft, die Bestand hat." 

 

Bernie Conrads, Ohne Filter, ist im fe-medienverlag erschienen und hat 160 Seiten.

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