Zauber und Glaube: Theologische Spurensuche mit Tolkien in Mittelerde

"Hobbiton" in Neuseeland: Hier wurde unter anderem der "Herr der Ringe" verfilmt.
Foto: Robin Noguier / Unsplash (CC0)
26 December, 2020 / 9:30 AM

Die Welt Mittelerdes ist für Millionen von Menschen faszinierend. J.R.R. Tolkien erschuf sie ursprünglich, um seiner Heimat England einen Mythos zu schenken, den diese nie hatte: Tolkien empfand diese Tatsache als ein Defizit. Zeit seines Lebens arbeitete er an seinem epochalen Werk, erschuf, warf um, und erschuf wieder neu. Die bekanntesten Werke stellen ohne Zweifel die Bücher "der kleine Hobbit" sowie natürlich "der Herr der Ringe" dar, geliebt und gelesen von Millionen Lesern durch mehr als ein halbes Jahrhundert, stellen jedoch nur einen winzigen Abschnitt in den Zeitaltern Mittelerdes dar. In allen Zeiten , lassen sich viele Einflüsse seiner Weltsicht und Glaubens (er wurde als Sohn einer zum Katholizismus konvertierten Mutter geboren) finden, obwohl Tolkien (im Gegensatz zu seinem Freund und Kollegen C.S. Lewis, dem Schöpfer der "Chroniken von Narnia") das Stilmittel der Allegorie stets für sein fiktionales Werk ablehnte

Interessant ist, dass Tolkien in seiner Geschichte Ardas, d.i. Mittelerdes, kaum Unterschied zwischen Mythos und Wirklichkeit macht. Berichtetes ist Geschehenes, Überlieferung ist Wahrheit. Er lässt die Welt in einem Schöpfungsbericht, der Ainulindale ("die Musik der Ainur") beginnen. Illuvatar, der Schöpfer und Ursprung allen Seins schafft die Ainur, lehrt sie Melodien, die die Idee der Welt, wie sie sein sollte, entstehen lassen. Hier ist ein wesentlicher Einfluss Platons in Tolkiens Weltsicht zu beobachten: Im Sein besitzt die Idee den Vorrang vor dem materiell Existierenden (Seienden). So wird erst durch Illuvatars Wort "es sei – éa" die sicht- und fühlbare Welt, vorher schon existent in der Idee, geschaffen, und manche der Ainur steigen in diese hinab und werden Valar genannt. Diese haben – bis auf einen, Melkor, der seine eigenen Ideen verfolgt und zu einer diabolischen Gestalt wird – in ihren eigenen Eigenschaften in Verbindung mit Illuvatars Wille die Arda zu gestalten und zu garantieren. Obwohl sie später  von den Menschen "Götter" genannt werden, wissen sie nicht alles und sind an das Geschick Ardas, solange es existiert, gebunden. Sie wissen durch das Gesicht in der Musik von den Kindern Illuvatars, den Elben und den Menschen, den Erstgeborenen und den Nachgeborenen. Doch sie wissen nicht, wann sie kommen und was mit ihnen geschehen wird.

Elben sind, ähnlich den Valar, mit ihrem Schicksal an diese Welt gebunden und können ihr nicht weichen. Wohl kann ein Elb getötet werden oder an Jahren ermattet, seinen Körper verlassen, jedoch bleibt er im Land der Valar, Valinor, in den Hallen Mandos‘, des Meisters des Schicksals aus den Reihen der Valar. Das Geschenk Illuvatars an die Menschen jedoch ist der Tod, für Elben wie für Valar unverständlich und entsetzlich anzusehen, doch ein Geschenk: Ihr Schicksal geht über diese Welt hinaus direkt zu Illuvatar. Somit besitzen die Menschen größere Freiheit, und sie sind es, die Melkor, nun Morgoth ("schwarzer Feind") genannt, zu verderben sucht, weil er sie beherrschen will.

Elben

Garant für die zuverlässige Überlieferung des Geschehenen sind die Erstgeborenen, die Elben. Von ihnen ist alles seit den Anfängen der Welt, teilweise von den Valar ihnen erzählt, vornehmlich in Liedern aufgeschrieben. Sie sind es, die Weisheit besitzen, Sprache und Schrift erfinden, in Wissenschaft die Welt erkunden. Alles, was die Menschen aus den Zeitaltern vor ihrer Ankunft in der Welt wissen, ist ihnen von den Elben der ältesten Zeit mitgeteilt worden. Aus dieser Zeit leben im "Herrn der Ringe" noch drei Elben: Cirdan, der Schiffbauer, Galadriel, und etwas jünger (nur wenige Jahrhunderte) Elrond, Sohn eines Menschen und einer Elbin, der die Wahl hatte, sich für das Geschlecht der Elben zu entscheiden und zu ihm gezählt zu werden.

Die Elben sind meines Erachtens der Inbegriff der Verwobenheit mit der Welt, nicht jedoch rein auf materialistische Weise – sie sind "zauberhafte" Wesen, mystisch mit den Kräften der Natur und des Geistes verwoben. Ihre Wissenschaften gehen tiefer als die der Menschen, die Werkzeuge und Waffen, die sie erfinden und herstellen, sind mit tiefem Zauber besetzt und hergestellt. In ihren Liedern sind sie Abbild des Höchsten und können Zauber erschaffen, die Böses abwehren oder bannen(vgl. Finrod und Luthien). Höchster Punkt ihres Schöpfens sind Feanors Silmaril, die Edelsteine, die das Licht der Götterbäume in Valinor wiederspiegeln, ein Licht, das wir Menschen uns nicht mehr vorstellen können und die durch Morgoths Intrigen und Feanors Zorn die Frühgeschichte Mittelerdes prägen.

Interessant ist, dass zwar die Elben in das grauenhafte Schicksal der von Morgoth immer wieder und dauerhaft korrumpierten Welt (lässt Tolkien hier das Prinzip der Erbsünde durchblicken?) hinein verstrickt sind, in ihnen aber ein Schein der "unverlöschlichen Flamme" Illuvatars wirkt, so dass sie sich aus ihrem Wesen heraus nicht für Morgoths Dienste entscheiden können. Sie sind die Wesen, die Morgoth direkt und daurhaft bekämpfen, besonders die Noldor, wohl aber tragen seine Werke gerade in ihnen, den Wissenden, den "Gnomen" (vgl. Gnosis) Frucht.

Morgoth

Melkor – Morgoths Sinne trachten danach, alles, was er nicht beherrschen kann, zu zerstören. Als Meister der List und Täuschung, von Zerstörung und Korruption ist er von anderen Mächten abhängig. Schon in den drei Themen der Musik der Ainur zur Erschaffung des Seins und Seienden baut er eigene Ideen ein, die immer weniger in die Harmonie integriert werden können; indem er andere aus dem Takt bringt, auf seine Seite zieht, wird seine Melodie schriller, greller und hohler, dafür umso übertönender. Erst Illuvatar beendet das Chaos mit "furchtbarem Antlitz". Aber auch Melkors Melodien sind Teil des Ganzen, durch ihn entstehen in Illuvatars vorher unenthülltem Plan Hitze, Feuer, Sturm und Frost, etwas, zu dem die anderen Ainur nicht fähig gewesen wären, und ohne das die Welt nicht wäre.

Diese Figur des Melkor erinnert an den Satan im Buch Hiob als einen, der in JHWHs Thronsaal vor den Herrn tritt und eigene Ziele verfolgt. Jedoch ist er immer abhängig vom Willen des Herrn, ohne den jener nicht wirken könnte, er ist als "Fürst der Welt", so die Worte Jesu, in seinem Wirken (oder Un-Wirken) von Gott, dem Herrn und Schöpfer allen Seins abhängig. So ist das Böse abhängig vom Sein, doch in einer anderen Weise als das Gute, das die Verwirklichung des Seins darstellt. Vielmehr ist das Böse die Korrumption, von Tolkien hervorragend dargestellt in Melkor, dessen schönes Gesicht immer mehr entstellt und dessen Größe und Kraft sich in seine Gefolgschaft und Werke aufteilt und weiterwirkt bis in die heutige Zeit. "Herr der Lügen" ist einer der Titel die ihm und dann später einem seiner Diener, dem Maja Sauron, zukommen.

Faszinierend zu entdecken, ist die Tatsache, wie Tolkien in die Entwicklung seines schwarzen Charakters Melkor hineinschreibt, dass dieser nur über einen Teil derer, die er korrumpiert, die Kontrolle besitzt. Kräfte wie Ungolianth, die große Spinnenmutter, oder die Abkömmlinge der Drachen, Morgoths größtes "Meister-"Werk", aber dennoch nur ein Zerrbild der großen Adler Manwes, sind durch seinen Sinn beeinflusst, verfolgen aber eigene Ziele. Gerade Ungolianth, von dere Brut übrigens Kankra abstammt, ist es, die ihm gefährlich wird, als er die Bäume Valinors tötet und die Silmaril stiehlt. Hier verwendet Tolkien eine hervorragende Passage, die jedem aufrichtigem Sünder schrecklich bekannt vorkommen muss: Die Schwärze, die er geschaffen, hatte nun eine Dunkelheit von eigener Kraft gewonnen, die nicht mehr von ihm (Melkor) abhing. Hier ist ein Prinzip der Sünde sichtbar, dass das Böse, das wir tun, eine eigene Dynamik gewinnt, über die wir nicht mehr verfügen können: Malus malum generat.

Wie weiter oben erwähnt, ist Tolkien kein Freund der Allegorie und vermeidet es, direkte Parallelen zu seinem katholischen Weltbild zu ziehen. Er erwähnte meines Wissens nach gegenüber C.S. Lewis (und das scheint auch ein Streitpunkt zwischen den Beiden gewesen zu sein), dass dies eine Manipulation des Lesers darstelle. So ist auch Morgoth keine Diabolos-Figur, die analog zum Satan im christlichen Glauben existiert, sondern vereint Aspekte dieses mit denen eines Sünders und den Prinzipien, wie Sünde funktioniert: Auflehnung, Einbeziehung Unschuldiger, Korrumption und selbständiges Weiterwirken des Geschehenen. Hier entwickelt Tolkien vielleicht sogar ein Motiv von Schiksal – und es soll die Welt prägen, weit über die Ausstoßung Morgoths nach der Schlacht der Valar.

Ein Hinweis sei noch gestattet: Auch die Orks stellen "Geschöpfe" Morgoths dar. Im Silmarillion ist vermerkt, dass selbst hier Morgoth nur durch Verquerung und Pervertierung des Seienden Schöpfer sein kann (ein klägliches Dasein!): Es sollen gefangene und gefolterte Elben sein, aus denen der Fürst der Lügen diese Rasse, dessen Schaffung "Illuvatar vielleicht am verhasstesten ist", den freien Völkern zum Hohn kredenzte. Selbst diese müssen Morgoth dienen, hassen ihn dabei aber zutiefst ob ihrer eigenen Existenz. Wahrlich, wie erbarmungswürdig und wie erschreckend!

Gezüchtet werden sie in seiner unterirdischen Festung, wo sie sich zahlreich vermehren und immer wieder das Schlachtvieh für seine Kriege darstellen. Die Orks haben einen Bezug zu der entmenschenden Auswirkung von Sünde: Wo wir uns von dem Willen des Schöpfers und Erlösers abwenden, der uns für ein Ziel, das Ziel des Menschen, erschaffen hat, entmenschen wir auch und unsere Gedanken, Worte und Werke, ja unser Dasein gewinnt eine eigene, bösartige Dynamik. Insofern ist  - wie die Orks – der Mensch dann qualitativ auf sogar noch eine andere Stufe geraten als das Tier. In der orthodoxen Ikonographie wird ein böser Mensch deswegen dunkler dargestellt (was mitnichten rassistische Motive beinhaltet, schließlich haben uns alle Völker gute und nachahmenswerte, heilige Vorbilder geschenkt!). Er kann das Licht Gottes nicht mehr durscheinen lassen. So scheint das Volk der Orks auch im Dunklen zu wirken und das Licht, Sterne, Mond und Sonne zu hassen.

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