Trauriges Österreich

Warum der Verzicht auf Gottesdienste nur wehtut

Wien
Foto: Jacek Dylag / Unsplash (CC0)
15 November, 2020 / 6:23 PM

Erzbischof Franz Lackner, der Vorsitzende der Bischofskonferenz in Österreich, gab in einem Interview mit "Kathpress" bekannt, dass Kirchen zum persönlichen Gebet geöffnet blieben.

Er erklärte sodann: "Öffentliche Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen werden aber weitestgehend und zeitlich befristet ausgesetzt. Gottesdienste können dann wie im Frühjahr nur in verschlossenen Räumen und im kleinsten Kreis stellvertretend für die Gemeinde gefeiert werden." Auch in Österreich waren detaillierte Hygienekonzepte für Kirchen erarbeitet worden. Auch in Österreich waren katholische Gottesdienste nicht als Corona-Hotspots bekannt. Und nun bekennen sich die Bischöfe freiwillig zur Partizipation am "Lockdown"? Bundeskanzler Sebastian Kurz bedankte sich umgehend dafür. Mit Sorge schauen dieser Tage Katholiken in Deutschland zu unseren Nachbarn. So richtig der Gedanke der Stellvertretung ist – jeder Priester der Kirche des Herrn ist gerufen, jeden Tag das heilige Messopfer zu feiern, auch stellvertretend für die Gemeinde –, so traurig stimmt doch dieses bereitwillige Einverständnis, auf die öffentliche Feier von Gottesdiensten überhaupt zu verzichten, ob befristet oder nicht. Wäre es nicht möglich, mehr heilige Messen anzubieten für vielleicht weniger Gläubige in den Kirchen? Oder ist die Feier von Gottesdiensten wie ein kulturelles Happening, auf das wir befristet verzichten können? Wir brauchen die erste Adventskerze nicht mehr auszupusten in den Kirchen, denn sie wird ja überhaupt nicht angezündet.

Über die Corona-Viruserkrankung gehen die Meinungen bekanntlich weit auseinander. Im Frühjahr war über die Grippe, die Infektionsherde und die Schutzmaßnahmen weniger bekannt, sodass die Zustimmung zu den verhängten Maßnahmen verbreitet war. Sorgfältig wurden aufwändige, auch sinnvolle Hygienekonzepte erarbeitet. Mutmaßlich infektiöse Gesten wie das Händereichen zum Friedensgruß oder die Kelchkommunion entfielen. Auch den Gemeindegesang hat nicht jeder vermisst. Das zeitweilig bestehende Verbot der Mundkommunion wurde zwischenzeitlich weitgehend aufgehoben – in Österreich und in Deutschland.

Vor etlichen Gerichten stritten Gläubige für die öffentliche Feier von Gottesdiensten. Andere gehen dafür auf die Straße, etwa in FrankreichSie kämpften nicht nur für das Recht auf Religionsfreiheit, sondern auch für das Recht auf Religionsausübung. Kardinal Gerhard Müller verteidigte in einem Interview mit EWTN – wie von "Kath.net" am 26. Mai 2020 berichtet – energisch das Recht von Christen, gemeinsam Gottesdienste feiern zu dürfen: "Der Staat dürfe Gottesdienste nicht einfach verbieten. Es gebe Menschenrechte in Bezug auf die Religionsfreiheit, die der Staat respektieren müsse. … »Warum ist die Gefahr in einer Kirche größer als in einem Supermarkt?«, fragte Müller in Bezug auf Vorschriften in Ländern, die öffentliche Gottesdienste verboten, aber Supermärkte geöffnet ließen."

Auch in Österreich bleiben natürlich – und niemand bezweifelt die Sinnhaftigkeit dessen – Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Wir Katholiken – in Deutschland, Österreich und anderswo – benötigen auch dieses tägliche Brot sehr und sind dankbar, wenn Supermärkte geöffnet bleiben. Doch Toast und Mehrkornbrot genügen uns nicht. Wir verzehren uns nach dem Brot des Lebens, nach dem Sakrament des Altares, nach dem demütigen Empfang der konsekrierten Hostie. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist der freiwillige Verzicht auf die öffentliche Feier von Gottesdiensten ganz einfach unverhältnismäßig.

Benedikt XVI. sagte in der Homilie bei der Eucharistiefeier im Wiener Stephansdom am 9. September 2007: "»Sine dominico non possumus!« Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wußten, daß darauf die Todesstrafe stand. … Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit. Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, daß wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen läßt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen."

Wir brauchen die Feier der heiligen Messe am Sonntag so sehr. Dass wir alle mit der Corona-Viruserkrankung noch eine Weile werden leben müssen, davon bin ich überzeugt. Dass für uns Katholiken die Feier der heiligen Messe unverzichtbar ist und bleibt, davon bin ich nicht weniger überzeugt.

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