Untergang und Auferstehung

Nicht der Dreißigjährige Krieg des siebzehnten Jahrhunderts, sondern die 540 Sekunden des Erdbebens von Lissabon im Jahr 1755 haben den christlichen Glauben in eine ultimative Krise gestürzt

Das Erdbeben von 1755. Gemälde von João Glama Ströberle (1708–1792)
Foto: Wikimedia (CC0)
02 June, 2020 / 10:30 AM

Der Weltuntergang kam samstags, am 1. November 1755, um 9:40 Uhr über Lissabon. Ein heiterer Herbstmorgen wie der 11. September 2001 in New York. Alle Gotteshäuser überfüllt, es war das Fest Allerheiligen, als die Erde zu zittern und zu beben begann, erst leicht, wie ein Frösteln, dann unter konvulsivischen Zuckungen der Erdkruste und schließlich mit fürchterlichen Schlägen und Stößen des Erdinneren. Zusammenbrechende Säulen schlugen die letzten Töne der Kirchenlieder aus den Orgeln, berstende Glocken läuteten unser Katastrophenzeitalter ein. Die Erde spaltete sich mit höllischen Geräuschen in meterbreite Schluchten und Klüfte. An diesem Herbsttag brach die Dämmerung der Neuzeit an.

Nach neun Minuten war Lissabon ein Ruinenfeld. Tausende Männer und Frauen, Kinder und Greise hatte das Beben auf der Stelle erschlagen. Sie waren die Glücklichsten. Denn die erste Verheerung war nur der Anfang vom Ende dieses Juwels unter den Städten der Alten Welt. Der Tejo war zurückgewichen, sein leeres Flussbett übersät mit Schiffswracks. Doch Minuten später kam das "Strohmeer" als Tsunami zurück, trat brüllend über die Ufer und zertrümmerte die zerbrochene Metropole mit haushohen Sturzwellen. Es folgte ein Staubsturm, undurchdringlich, der weitere Tausende erstickte, und über die Hügel jagte nun eine Feuersbrunst, die sich auch eine Woche später noch nicht satt gefressen hatte. Am Ende hatte das Beben um die hunderttausend Todesopfer gefordert. Beim Abwurf der Atombombe "Little Boy" starben 190 Jahre später in Hiroshima schätzungsweise siebzigtausend Menschen.

Nur 45 Jahre vor dem Beben, im Jahr 1710, hatte Gottfried Wilhelm Leibniz in Hannover sein Buch "Von der Güte Gottes, der Freiheit der Menschen und dem Ursprung des Übels" veröffentlicht, in dem er Gott auch für jedes Unheil zu rechtfertigen versuchte, das sich menschlichem Begreifen zu entziehen scheint, als philosophischer Versuch einer "Theodizee", einer Rechtfertigung Gottes. Doch Lissabon rauchte noch, als Voltaire in Paris nun schon sein "Poème sur le désastre de Lisbonne" zu dichten begann, in dem es heißt: "Wer sagt da, angesichts der Opfer ohne Zahl, Gott habe sich gerächt?! ... Die Kinder an der Mutterbrust, erschlagen und verblutet, was haben sie getan, was haben sie verbrochen? Besaß etwa Lissabon, das nicht mehr ist, mehr Laster als London, als Paris, die beide fröhlich im Vergnügen schwelgten?"

Bis dahin hatte sich Europas Kultur rund fünfzehnhundert Jahre lang um den komplexen Glauben der Christenheit entwickelt, dessen Kern bezeugt, dass Jesus von Nazareth um das Jahr 30 in Jerusalem am Kreuz starb und durchbohrt wurde, aber nach drei Tagen als Sieger über den Tod aus dem Grab hervorgegangen sei mit Leib und Seele und mit geheilten Wunden. Das war unglaublich und von Anfang an unfassbar aufreizend, aber blieb das Dogma und raison d’etre unserer Zivilisation, die sich ihre längste Zeit wesentlich ausstreckte auf ein höheres himmlisches Jerusalem. "Tod, wo ist dein Sieg?", schrieb Paulus wenige Jahrzehnte nach Christi Kreuzigung den ersten Christen in Korinth: "Tod, wo ist dein Stachel?" Es war das Leitmotiv der Christenheit. Der Tod war in dieser Welt nicht mehr das letzte Sinnlose. Christus hatte den Tod überwunden.

Brüche hatte es in diesem Glauben natürlich immer wieder gegeben. Doch nicht Europas Dreißigjähriger Krieg des siebzehnten, sondern nur 540 Sekunden des achtzehnten Jahrhunderts haben diesen Glauben schließlich in eine ultimative Krise gerufen.

Seit den Tagen Hiobs waren Fragen nach dem "Warum" des Leids der Menschen nicht neu. Doch die Wut, mit der Voltaire nun schon mit seinem spontanen Gedicht auf das Erdbeben von Lissabon in dieser Debatte die führende Stimme ergriff, ließ fast nur noch Hohn auf den alten Glauben der Christen zu. Voltaire stellte keine Fragen mehr. Er dekretierte. Gott könne dergleichen nicht zulassen. Und überhaupt könne es Gott, ein ewiges Jenseits und ähnlichen Unsinn überhaupt nicht geben. Keiner habe doch je etwas von ihnen gesehen und aus dem Jenseits sei auch noch keiner zurückgekommen.

"Noch Fragen?" rief er gleichsam den Christen zu. Und angesichts der fast schon abstrakten Zahl der Opfer gelang es niemandem, den Freigeist mit Vollmacht daran zu erinnern, dass Gott den Tod seines eigenen Sohnes, des unschuldigsten Menschen von allen, doch zugelassen habe, um den Tod selbst zu überwinden. Alles Unsinn für Voltaire: Gott gab es nicht. Seine Parole Écrasez l’infâme! ("Löscht die Niederträchtige aus!") wurde zum Schlachtruf des Stammvaters der "Toleranten" gegen die katholische Kirche, mit denen er am Schluss all seine Briefe unterzeichnet haben soll. Zumindest für die meisten Philosophen überwölbt seit Lissabon nur noch die Kälte des Kosmos unsere Häuser. Jedes Überschreiten unserer üblichen Erfahrungswelt, das heißt alle "Transzendenz", geriet seit diesen Tagen in Generalverdacht.

Da ist ein Gespräch hilfreich, das aus Anlass der Lungenseuche in diesen Tagen bei Luchterhand in Buchform erschienen ist, in dem auch Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach auf den Paradigmenwechsel zu sprechen kommen, den das Allerheiligen-Erdbeben von 1755 zur Folge hatte, mit Zitaten von Goethe ("Die Güte Gottes war einigermaßen verdächtig geworden") und Stendhal ("Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert") in einer höchst anregenden Korrespondenz. "Voltaire schrieb in seinem Gedicht, einem willkürlichen Gott gegenüber müsse die Menschheit den Krieg erklären," sagt Kluge und Schirach ergänzt: "Er war der meistgelesene Schriftsteller seiner Zeit. Und spätestens hier, durch das Erdbeben von Lissabon, wurde er zum Atheisten. Damit begann ein neues Zeitalter." Recht haben beide.

Gleichzeitig offenbaren die beiden aber auch en passant das heutige Dogma der intellektuellen Welt. Gott ist weder glaubwürdig noch systemrelevant. Er ist irrelevant. Das gilt nicht nur für Intellektuelle. Am 23. April 2020 veröffentlicht die Website der Deutschen Bischofskonferenz eine soziologische Studie über Deutschlands Christen, in der es heißt: "Abseits der Engagierten interessieren sich die allermeisten Kirchenmitglieder wenig für die Lehre ihrer Konfession. Die meisten Kirchenmitglieder glauben nicht an die Auferstehung und zweifeln an der Existenz Gottes." Finis ecclesiae? Nicht ganz. Denn noch gibt es ja die Kirchensteuer, die alten Strukturen und die wohlbesoldeten Bischöfe, von denen Bischof Heiner Wilmer von Hildesheim zum Osterfest 2020 Christiane Florin im Deutschlandfunk am 25. April folgendes auf ihre Frage antwortete, was er denn dem großen Bevölkerungsteil, der mit Gott nichts anzufangen weiß, zu sagen habe. Darauf der Bischof: "Die eigentliche Frage lautet doch, wie kann ich gut leben, wie komme ich dem Geheimnis meines Lebens auf die Spur, wie bin ich so unterwegs, dass auch die anderen um mich herum gut leben können. (...) Im Grunde genommen sind wir doch von einem Allmächtigen umfangen, ob wir wollen oder nicht. Der Allmächtige schlechthin ist der Tod."

Ganz offensichtlich ist hier Voltaire im Mund eines Nachfolgers der Apostel Christi selbst an sein Ziel gekommen. Von einem Widerspruch seiner Mitbrüder war nichts zu hören. Dass der Tod mächtig ist, war der Christenheit nicht neu. Für den Oberhirten von Hildesheim aber ist Gott nicht mehr der Allmächtige, sondern sein Gegenspieler, der Tod, von dem christlicher Glaube seit je her lehrte, Jesus habe ihn überwunden und bezwungen, wie es alle alten Osterlieder noch festhalten. Nun sind selbst Roms Straßen still und leer geworden in dieser Zeitenwende. Gras wuchert zwischen den Pflastersteinen des Petersplatzes. Dass die Plage der Lungenseuche uns alle verändert zurücklassen wird, ist gewiss. Nur wie, weiß keiner. Der Tod durch das Virus, heißt es, sei wie ein Ertrinken oder Ersticken, ähnlich einem Tod am Kreuz. Keiner weiß, wie viele Opfer das Grauen noch fordern wird. Ist es da nicht denkbar, dass die Plage durch das lautlose Todesvirus, die weltweit bis heute, den 22. Mai 2020, 333.001 Menschenleben gefordert hat – also jetzt schon mehr als die dreifache Menge der Opfer von Lissabon, nur im Lauf von Wochen und nicht an einem Vormittag – nun einen ähnlichen Paradigmenwechsel zu Folge haben kann aus der planetarischen Erfahrung heraus, dass ein Unsichtbares die Welt schlimmer gefährden kann, als der heranrollende Tsunami des Seebebens, das Lissabon zerstörte? Ja, das ist vorstellbar. Bald werden wir es genauer wissen, ob in dieser Weltfurcht vor einem Virus mit der unvorstellbar winzigen Größe von 120 Nanometern nicht auch das Bewusstsein für die Realitäten einer anderen Welt zurückkehrt, die keiner je gesehen hat.

Die katholische Kirche wird darüber nicht untergehen, die aus dem "heiligen Grab" Christi in Jerusalem hervorgegangen ist. Auch in der größten Krise des Globalismus nicht, die sich mit dem Virus Bahn bricht. Denn die Auferstehung Christi von den Toten bezeichnet ja entweder ein faktisches und ontologisches Ereignis, oder der Glaube ist wirklich "ein Dreck", wie Paulus sagte. Ist dieser Glaube aber wahr, dann wird er auch wieder auferstehen. Dann wird er nie mehr erlöschen trotz aller Widerstände dagegen, innerhalb und außerhalb der Kirche. Dann wird er auch dieses Virus überleben und sich durchsetzen gegen Voltaire und seine vielen Schüler und alle besoldeten Bischöfe und Theologen der Christenheit, die diesen Glauben nicht mehr teilen. Hat Christi Auferstehung in der Stunde Null unserer Zivilisation hingegen nicht stattgefunden, können wir uns getrost auf das strenge Urteil des Paulus verlassen, mit unabsehbaren Folgen für den blauen Planeten: unsere Heimat im Diesseits.

Zuerst erschienen im Vatican Magazin. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.

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