Warum ich glaube

Wenn wir älter werden, dann hören wir oft: Zweifel sind normal, sind berechtigt, sind wichtig. Ich muss zugeben, dass ich diese Begabung nie hatte.

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Foto: Chandana Ban / Unsplash (CC0)
13 October, 2020 / 4:12 PM

Auf meinem Schreibtisch liegt seit langer Zeit ein schmales Buch. Meine Eltern haben es mir geschenkt, als ich ein kleiner Junge war. Sie waren damals sehr viel jünger, als ich es heute bin. Das Buch heißt: "Kindergebetbuch", gedruckt 1960 – und es ist eines der schönsten Bücher, die ich habe. Sonntags nahm ich das Büchlein zur heiligen Messe mit. Ich hatte zu lesen gelernt, bevor ich in die Schule ging. Dafür lernte ich anderes erst später – und ein jeder lebt in seiner Zeit, ein jeder hat seinen eigenen Rhythmus.

Manches geht schnell, anderes dauert eben etwas länger. Und das macht nichts. Ich war nie ein Freund der Leistungsethik. Damals, als Kind, wusste ich noch nicht, dass es so etwas gibt. Die Erfahrung, ein Kind Gottes, ein Glied der Kirche zu sein, befreite davon. Wir müssen nicht erst etwas tun, um anerkannt zu werden. Wir sind schon da, wir dürfen sein. So musste ich nichts tun, musste mich nicht beweisen: Ich war da, ich durfte sein. Das ist keine Apologie der Faulheit, aber ich bin mir sicher: Sie verstehen das schon. Wir dürfen sein. Sein Haus ist unser Haus. So habe ich die Schönheit des Glaubens erfahren, den Glanz der Wahrheit, die würdige Feier der heiligen Geheimnisse und den Schatz der Liturgie. Ich musste dort niemandem etwas beweisen. Wissen Sie, wie schön das ist? Vermutlich ja, denn wir glauben an den einen Gott, wir sind zu Hause in der Kirche des Herrn. Meine Eltern und Großeltern stammen aus dem "fernen Land", wie der heilige Johannes Paul II. gesagt hat. Auch ich weiß, dass ich in Schlesien und Ostpreußen, dass ich in Polen verwurzelt bin. Ich spüre das, wenn ich die polnischen Lieder höre. Oder, oft leise für mich, das schlesische Marienlob singe: "Sei gegrüßt, du Gnadenreiche …" In meinem Ausweis steht, dass ich deutscher Staatsbürger bin. Auch dafür bin ich dankbar. Doch die Staatsangehörigkeit ist nicht so wichtig. Zu Hause, von innen her, bin ich eigentlich nur in der Kirche des Herrn. Sie auch? Wie schön.

Immer war ich dankbar für meine Weggefährten im Glauben, für das stille, leise Zeugnis meiner Großeltern und meiner Eltern, und je älter ich werde, umso mehr wächst meine Dankbarkeit. Ich denke auch an meine erste Religionslehrerin, die leise und berührend von Pater Maximilian Kolbe erzählte. Niemals hätte sie Anspruch auf ein Amt oder auf irgendwelche weltliche Macht geäußert. Sie lebte aus dem Glauben. Das war wichtig, das war wesentlich. Das war ihre Herzmitte. Kinder spüren das. Sie wissen von innen her, wer es gut mit ihnen meint – und wer nur Sprüche macht. Auch Sie, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, kennen diese Erfahrung. Ich bin mir da ganz sicher. Es ist das Wissen der einfach gläubigen Katholiken, die nichts wollen – außer im Haus des Herrn geborgen zu sein. Wenn wir älter werden, dann hören wir oft: Zweifel sind normal, sind berechtigt, sind wichtig. Ich muss zugeben, dass ich diese Begabung nie hatte. Oder diese Schwäche. Warum sollte ich an Gott zweifeln? Der Zweifel wird uns manchmal auch nur eingeredet. Ich glaube gern an den dreifaltigen Gott, ja – ich bin dankbar, dass ich glauben darf. Auch wenn ich das schwer erklären kann. Aber ich möchte mich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ich römisch-katholisch bin – und dass ich das bis zum letzten Atemzug bleiben werde. Wir gehören zur Familie Gottes, das wissen wir. Und wir wissen auch, dass das nicht immer einfach ist. Ich habe immer gewusst, dass dort, wo der Papst ist, auch die Kirche ist. Und ich erinnere mich, wie mein Deutschlehrer einer Mitschülerin zustimmte, als sie sagte: "Jeder kleine Priester möchte doch einmal Papst sein." Ich bezweifelte das damals, vor etwa 35 Jahren. Ich bezweifle das noch heute. Ich bin mir sicher: Wer Priester ist, der ist dazu berufen, Priester zu sein - und nicht Papst werden zu wollen. Es geht nicht um Macht in der Kirche, es geht nur um Wahrheit – und natürlich um Liebe. Damals hatte ich nicht den Mut zu widersprechen. Also sah ich, wie so oft, zum Fenster hinaus. Das ist manchmal das Beste, was man in der Schule tun kann. Auch im Religionsunterricht, zumindest im Gymnasium. Sie stimmen mir zu? Sie wundern sich? Sie widersprechen? Wir alle machen unsere Erfahrungen, aber Ihm und Seiner Kirche blieben wir treu. Denken Sie darüber nach: Wenn Ihre Freunde, ihre Verwandten, Ihre Kinder Sie fragen würden – warum glauben Sie?

Ich glaube an das, was ich bekenne. Warum, das weiß ich nicht immer. Ich denke aber an meine Lieblingsheiligen: an Augustinus und Theresia vom Kinde Jesus, an Bruder Konrad und an Johannes Paul II. Ich denke an meine Kniebeuge vor dem Allerheiligsten. Und ich denke an mein Gestammel vor dem Tabernakel. Oder an mein Schweigen. Ich denke an meine Urgroßeltern, an meine Großeltern und an meine Eltern, die wahrscheinlich auch alle vor der Frage – "Warum glaubst du?" – nachdenklich kapituliert hätten. Oder nicht? Ich weiß es nicht. Vielleicht hätten sie auch gesagt: Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begründen, aber diesem Jesus Christus, dem habe ich einfach geglaubt. Wissen Sie, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, warum Sie glauben? Wahrscheinlich hoffen viele von Ihnen so wie ich, dass der "Synodale Weg" kein säkularer Weg sein wird. Wahrscheinlich sind Sie aber auch ähnlich gelassen wie ich und wissen: Gott ist immer größer, und der Herr wird Seiner Kirche treu bleiben. Möglicherweise sind Sie so dankbar wie ich für das Zeugnis von Papst Franziskus und Vater Benedikt Bestimmt sind Sie, so wie ich, dankbar für das Zeugnis unserer treuen Bischöfe – und denken an Kardinal Rainer Maria Woelki, an Bischof Rudolf Voderholzer und Bischof Felix Genn. Ich denke natürlich auch im Gebet stets an meinen Bischof Heiner Wilmer. Denken Sie an Ihren Ortsbischof und Ortspfarrer? Vergessen Sie bitte nie, für alle unsere Bischöfe, Priester und Diakone zu beten.

Warum glauben Sie? Kennen Sie eine Antwort darauf? Vielleicht glauben Sie auch nur, weil Sie – so wie ich – nie so recht das Talent zu zweifeln hatten. Vielleicht genügt auch das. Ich denke in diesen Tagen gern an den guten Schächer am Kreuz, an den bloß angedeuteten Glauben. Und ich denke auch an Wilhelm von St. Thierry: "Wenn du mich heute wie damals den Petrus fragen würdest: »Liebst du mich?«, so könnte ich es nicht wagen zu antworten: »Du weißt, dass ich dich liebe.« Aber frohen Gewissens könnte ich dir sagen: »Du weißt, dass ich dich lieben möchte.«" In meinem Kindergebetbuch lese ich: "Wir beten bei der heiligen Kommunion: Jesus, ich bin dein; Jesus, du bist mein; bleibe immer bei mir."

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