Was kommt noch alles auf uns zu?

Eine Betrachtung in Zeiten des Corona-Virus

Frau mit Mundschutz
Foto: Pille-Riin Priske / Unsplash (CC0)
14 March, 2020 / 7:00 AM

Sie alle kennen diese Frage. Die Sorgen wachsen. Eltern ängstigen sich davor, dass ihren Kindern etwas zustößt. Dass sie leiden müssen. Kinder fürchten, dass ihre gebrechlich gewordenen Eltern schwer erkranken. Wir denken an die Kranken und Einsamen heute. Wir sprechen Gebete und fühlen uns doch wie ausgeliefert. Werden wir selbst, werden unsere lieben Angehörigen erkranken?

Vielleicht geht es Ihnen auch so: Das Kreuz, das uns selbst auferlegt ist, wissen wir meist zu tragen. Wir stöhnen darunter – und wir dürfen das auch –, aber wir können und müssen diese Leiden annehmen. Aber ist dies wirklich unser schwerstes Kreuz? Jeder von Ihnen kennt vielleicht diese Situation: Wir stehen am Krankenlager, am Sterbebett. Wir sehen unsere lieben Angehörigen leiden – und das zerreißt uns das Herz. Wie gern würden wir stellvertretend die Schmerzen auf uns nehmen. Wie sehr wünschten wir uns, dass wir das, was jenen, die wir von Herzen lieben aufgetragen ist, an ihrer Stelle tragen könnten. Wir möchten Leiden abnehmen – und wir können es nicht. Das ist, glaube ich, das schwerste Kreuz, das auf unseren Schultern liegt. In diesen Tagen und Wochen bangen unzählige Menschen um ihre Angehörigen, um ihre Freunde.

Manchmal stammeln wir nur Gebete, schauen Richtung Himmel. Oder wir nehmen den Rosenkranz in die Hand, betend, schweigend, ratlos. Manchmal gelingt nicht einmal das. In Italien wurden erst die öffentlichen Messfeiern abgesagt. Die Schließung der Pfarrkirchen in Rom wurde am Donnerstag angeordnet, am Freitag öffneten einzelne Kirchen wieder. In der Slowakei sind heilige Messen untersagt, in Österreich ebenso. Die deutschen Bistümer werden sich für das kirchliche Leben Regelungen überlegen und Vorkehrungen treffen müssen. Wir leben in einem Ausnahmezustand, der weit in unseren Alltag hineinreicht und diesen bestimmt. Vernünftigerweise wissen wir, dass selbst die innigsten Gebete keine Bestellungen bei Gott sind.

Mein Doktorvater Gerd-Günther Grau hat oft, sehr leise, ganz für sich, Psalm 51 gelesen und lesend gebetet, besonders diese Stelle: "Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen." In diesem Psalm waren für ihn die Erfahrungen seines Lebens gegenwärtig, der sehr frühe Tod der Mutter, die er nur aus Erzählungen und von Fotos her kennengelernt hatte, aber bis in die Sterbestunde hinein lieben durfte. Auch dachte er an seine Zeit im NS-Arbeitslager und an manches andere, das ihm widerfahren war. Ich höre ihn auf gewisse Weise noch immer sagen: "Wenn ich einmal in einer Kirche drin bin, möchte ich gar nicht mehr hinaus." Am liebsten saß er in der letzten Bank. Auch ich bin dort gerne, etwas abseits und versteckt, nicht mittendrin, mit Blick auf den Tabernakel.

Die Kirchtüren könnten hierzulande bald verschlossen sein. Auch dieses Kreuz werden wir dann tragen müssen. Es wird nicht leicht sein. Was kommt noch alles auf uns zu? Die Frage bleibt und wird uns begleiten. Wir können einander im Gebet stützen, in Gemeinschaft mit der Kirche aller Zeiten und Orte, in Verbundenheit mit den Heiligen. Der Apostel Paulus erinnert im Römerbrief daran, Verständnis zu haben für jene Menschen, die schwachen Glaubens sind. Ich habe in den letzten Tagen einige meiner Bücher durchgeblättert und geistliche Weisheiten bedacht. Und blieb so oft auch ratlos. In den Krankenhäusern in Italien etwa sind die Zustände schon jetzt sehr bedrückend. Wer beten kann, möge beten. Ich las auch in den "Letzten Gesprächen" der heiligen Theresia vom Kinde Jesus, an die Worte, die sie am 30. September 1897 sprach: "Ich kann nicht mehr … Ich kann nicht mehr! Und doch muss ich durchhalten." Bevor sie für immer nach Hause ging, sagte Theresia: "Mein Gott … ich … liebe dich!" Vielleicht ist es gut, wenn wir in Zeiten wie diesen einfach die Allerheiligenlitanei beten und für einen Augenblick bei unseren Lieblingsheiligen verharren. Wer glaubt, ist nicht allein.

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