Wenn Gott keine Rolle mehr spielt

Benedikt XVI. hat seinen Kritikern unmissverständlich geantwortet

Der Apostat: Detail einer Illustration, die einen ehemaligen Mönch mit Tonsur zeigt, dessen geistliches Gewand am Boden liegt, während er mit Schwert und Schild vor dem Abt steht.
Foto: James Le Palmer / British Royal Library (CC0)
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31 August, 2019 / 7:58 AM

Bedauernd hat Volker Resing, Chefredakteur der "Herder Korrespondenz", dieser Tage festgestellt, dass sich Benedikt XVI. in der neuesten Ausgabe zwar zu Wort melde, aber die Einwände, die gegen seinen Aufsatz vom 11. April vorgebracht wurden, nicht diskutiere: "Er setzt sich beim Thema 1968er und Sexualmoral mit den Kritikern nicht auseinander." Der Gedanke scheint naheliegend zu sein, denn Benedikt XVI. spricht in seinem kleinen Beitrag vor allem die Entfremdung von Gott an. Zur Empörung über die kirchliche Morallehre jener Zeit äußert sich nicht, auch die zeitgeistliche Entrüstung über vermeintliche Machtfragen und die sibyllinischen Worte mancher Bischöfe, Professoren und Weltchristen von heute lässt er unkommentiert. Dazu hat sich schon im Übrigen Papst Franziskus deutlich genug in seinem Brief an die deutschen Katholiken geäußert, auch wenn dieses Schreiben inhaltlich bei den Vorbereitungen auf den "Synodalen Weg" außen vor zu bleiben scheint.

Mancher engagierte Christenmensch denkt vielleicht: Was kümmert uns schon der Papst in Rom? Wir können Ortskirche! Was lokal in Deutschland geplant, diskutiert und verwirklicht wird, mag später ja noch global bedeutsam werden. Nationalkirchlicher Eigensinn, ob in subjektiv bester Absicht erwogen oder am "grünen Tisch" ausgedacht und mit marktgerechten wie medientauglichen Floskeln versehen, war und bleibt der Weg ins Abseits, anders ausgedrückt: Der nächste Schritt auf dem Weg der Entfremdung von Gott und Seiner Kirche.

Benedikt XVI. hat sehr genau die vielstimmigen Beiträge, die sein Text über die Krise des Glaubens hervorgerufen hat, wahrgenommen und den bleibenden Mangel präzise benannt: Von Gott ist nicht die Rede. Aufmerksame Zuhörer bemerken das zuweilen auch in Predigten, nicht nur zu Hochfesten. Politische Situationen werden gewürdigt und kommentiert, die Lage der Gesellschaft wird besorgt und bekümmert angesprochen. Kirchenmänner von Welt kennen sich aus. Fürbitten aller Art werden umständlich formuliert und in sorgsam verschachtelten Sätzen vorgetragen. Kirchenproteste wecken zeitweilig bischöfliches Verständnis, kaum aber Widerspruch. Wenn die kirchliche Morallehre ignoriert und übersehen wird, fragen wir nicht mehr, ob sie trotzdem richtig ist, sondern nur noch danach, wie sie dem Zeitgeschmack entsprechend neu formuliert werden sollte: Können freie Lust und Liebe denn wirklich Sünde sein? Waren nicht die Kommunen der 1968er-Bewegung auch nur wohlwollende, freundliche Gemeinschaften? Wer die sexuelle Revolution und ihre gesellschaftliche Wirkmacht verkennen oder sogar verklären möchte, der lese sich das Gutachten über den Fall Helmut Kentler durch, das der Berliner Senat publiziert hat. Damit wird nicht die 1968er-Bewegung erfasst, aber es werden sehr viele Problembereiche deutlich, die niemand, der sich ernsthaft mit dieser Zeit und ihren Folgen beschäftigen möchte, unberücksichtigt lassen sollte.

Warum Benedikts scharfsichtige Analyse, in der er sich als profilierter, wachsamer theologischer Aufklärer erwiesen hat, so wenig Verständnis und so viel Kritik hervorgerufen hat, darüber mag noch nachgedacht werden. Nachgedacht werden könnte auch darüber, warum die Enzyklika "Humanae vitae" ironisiert, übersehen und als rückständig aufgefasst wird. Auch die Frage, warum auf dem "Synodalen Weg" die Evangelisierung kein Thema ist, wäre ein echtes Thema. Vielleicht wissen viele von uns – und manchmal auch wir selbst – nicht mehr, dass Bekehrung und Bekenntnis zu Gott unverzichtbar für das christliche Leben in der Welt von heute sind?

Das "Wort Gott", so schreibt Benedikt XVI. in der September-Ausgabe der "Herder Korrespondenz", scheine selbst "in der Theologie sogar vielfach am Rand zu stehen". Damit zeigt der emeritierte Papst, entgegen den Mutmaßungen und Überlegungen vieler, dass er aufmerksam die Reaktionen auf seinen Beitrag zur Kenntnis genommen hat und dass er alle Einwände berücksichtigt, indem er an die Abwendung von Gott und von der Gottesfrage erinnert, die weit bis in die Kirche und in die Theologie hineinreicht. Die Worte, die Papst Franziskus am 14. März 2013 in der ersten heiligen Messe gewählt hat, blieben damals ebenso unbeachtet und sind nicht weniger treffend als das, was sein Vorgänger im Amt jetzt erneut bekräftigt hat:

"Wir können gehen, wie weit wir wollen, wir können vieles aufbauen, aber wenn wir nicht Jesus Christus bekennen, geht die Sache nicht. Wir werden eine wohltätige NGO, aber nicht die Kirche, die Braut Christi. Wenn man nicht geht, bleibt man da stehen. Wenn man nicht auf Stein aufbaut, was passiert dann? Es geschieht das, was den Kindern am Strand passiert, wenn sie Sandburgen bauen: Alles fällt zusammen, es hat keine Festigkeit. Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, da kommt mir das Wort von Léon Bloy in den Sinn: »Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel.« Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlichkeit des Bösen."

Katholiken in Deutschland wären gut beraten, wenn sie Papst Franziskus und seinem Vorgänger wirklich zuhörten. Benedikt XVI. hat uns alle an die Entfremdung von Gott erinnert – und damit ist alles Wesentliche gesagt.

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