Wenn von Gott die Rede ist

Papst Benedikt XVI. im August 2010
Foto: Vatican Media
03 March, 2022 / 3:01 PM

Die Signaturen dieser Zeit sind verstörend und stimmen traurig. So könnten und sollten gläubige Menschen Trost in Gott finden und aus dem Glauben der Kirche Hoffnung und Zuversicht schöpfen. Das international renommierte Regensburger Institut Papst Benedikt XVI. betreut seit vielen Jahren die wertvolle, reichhaltige und sorgfältig edierte Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ von Joseph Ratzinger. Ursprünglich sollte der nunmehr publizierte Band „Herkunft und Bestimmung“ bereits im Dezember des vergangenen Jahres erscheinen – die sogenannte „Papierkrise“ der Corona-Zeit sorgte für eine kleine Verzögerung. Mit Freude dürfen Theologen, Interessierte, Suchende und auch Andersgläubige das Buch jetzt endlich in Händen halten und aufmerksam studieren. 

In der instruktiven, präzisen Einführung beschreibt Christian Schaller knapp und anschaulich die „ideologische Abkehr vom Christentum“ in den letzten Jahrzehnten. Der neue Band der „Gesammelten Schriften“ von Joseph Ratzinger bietet ein notwendiges, vorzügliches Gegengewicht. Wovon also ist in diesem Buch die Rede? Von Gott. Damit ist diese Sammlung von Schriften aus der Feder Ratzingers, die auf Kernbereiche der Theologie wie Schöpfungslehre, Anthropologie und Mariologie konzentriert sind, sachgerecht erweitert mit gehaltvollen Predigten, auch ein Werk für diese Zeit, in der die Gottvergessenheit weit in die Kirche des Herrn hineinreicht. Joseph Ratzingers Werke werden bleiben, ihre Bedeutung wird wachsen mit der Zeit, auch wenn seine Schriften von vielen Theologen in der Kirchenprovinz Deutschland übersehen, ignoriert oder nur randständig behandelt werden. Wie verdienstvoll wäre es gewesen, wenn etwa ein bekannter Ratzinger-Schüler wie der emeritierte Dogmatik-Professor Wolfgang Beinert sich in der neuesten Ausgabe der „Herder Korrespondenz“ wertschätzend über diesen Band geäußert hätte. Stattdessen lesen wir unklare Forderungen über die scheinbar gebotene „systemische Aufarbeitung“ (HK 3/2022, 51), was immer das auch sein mag, des Missbrauchsskandals sowie eine neue Variante der altbekannten Kirchenkritik, die für das Wesentliche und den Wesentlichen, nämlich Christus, blind zu sein scheint. Man muss so vieles in dieser Zeit zur Kenntnis nehmen und kann sich nur wundern. Umso wichtiger ist es – vielleicht nahezu unzeitgemäß heute –, Joseph Ratzingers Arbeiten selbstständig zu lesen und sich theologisch zu bilden. Die Vermehrung des Wissens sollte auch wichtiger sein als die inflationäre Verbreitung von Meinungen jeglicher Art.

1981 spricht Kardinal Ratzinger in der Fastenzeit über den Schöpfungsglauben. Er übt Kritik an einer fluide gewordenen, zeitgeistlich verwässerten Theologie und erwägt, welche Auswirkungen es haben könne, wenn „geschraubte Worte nicht mehr Überzeugung verkünden, sondern nur noch ihren Verlust zu verdecken suchen“. So tadelt der Erzbischof die „halbherzigen Auslegungen des biblischen Worts“, die eher „Ausflucht“ als „Auslegung“ zu sein scheinen. Eine Theologie, die sich von Gott und der Kirche entfremdet hat, braucht kein Mensch: „Bei nicht wenigen ist nach solcherlei theologischen Auskünften zuletzt der Eindruck zurückgeblieben, dass der Glaube der Kirche wie eine Qualle sei, wo man nirgends recht zugreifen, niemals finden kann, wo der Kern ist, auf den man sich letztlich verlassen kann.“ Für Joseph Ratzinger bildet die Einheit der Schrift eine verlässliche Quelle der Orientierung, dasselbe gilt für den Glauben der Kirche aller Zeiten und Orte. Die Schöpfungstheologie etwa verrät sich selbst, wenn sie sich der Oberhoheit der sogenannten Humanwissenschaften unterordnet und zu einer Apologie des Beliebigen verfällt. Ratzinger bekräftigt: „Gott hat die Welt geschaffen, um mit dem Menschen eine Geschichte der Liebe einzugehen. Er hat sie geschaffen, damit Liebe sei. … Gott hat die Welt geschaffen, um ein Mensch werden und um seine Liebe ausströmen zu können, um sie auch auf uns zu leben und uns zur Antwort des Mitliebens einzuladen.“ Wer die Schöpfungsgeschichte aufmerksam liest – und zugleich Joseph Ratzingers wegweisende Worte –, der erkennt auch eine deutliche Abgrenzung und Verneinung aller Formen einer kultur- oder deutschchristlichen Mythologie. Die Bibel ist eine Aufklärungsschrift wider alle bornierten Nationalismen: „Es gibt nicht verschiedene Kasten und Rassen, in denen Menschen verschiedenwertig wären. Wir alle sind die eine Menschheit, aus Gottes einer Erde geformt. Gerade dieser Gedanke liegt dem Schöpfungsbericht, liegt der ganzen Bibel zutiefst am Herzen.“ 

Der Mensch sei das Wesen, „das beten kann“. Er ist beziehungsfähig und vermag zu lieben, Gott und den Nächsten. So sei er „dazu bestimmt, sich dem anderen zu schenken und in rechtem Sichverschenken sich erst wahrhaft zurückzuerhalten“. Trotzdem wendet sich der Mensch sündhaft von Gott ab. Bisweilen leugnet er die Beziehung zum Schöpfer. Nur Gott könne unser Erlöser sein: „Nur das Geliebt-werden ist Erlöst-werden, und nur die Liebe Gottes kann die gestörte menschliche Liebe reinigen, das von seinem Grund verfremdete Beziehungsgefüge wiederherstellen.“ Warum sträuben sich so viele Menschen, gestern und heute, Gottes Liebe einfach anzunehmen wie ein unverdientes Geschenk? Der Mensch sei, so Ratzinger, von Gott abhängig, aber diese Abhängigkeit habe „nichts Degradierendes“ an sich und sei die ihm gemäße „Form der Liebe“. Die Abhängigkeit von Gott sei die „primäre Wahrheit“ des Menschen.

Wenn vom Menschen die Rede ist, so wird natürlich auch von der Schöpfung des Menschen als Mann und Frau gesprochen. Über die Aufgabe der Frau, so schreibt Joseph Ratzinger, werde heute weiterhin stark nachgedacht. Sie sei, wie dies auch das Lehramt der Kirche im Pontifikat Johannes Pauls II. zeige, die „Hüterin des Menschen“. Als „unsinnig“ bezeichnet er säkulare Bestrebungen, die „Frage nach der Würde der Frau an das Ja oder Nein zum Frauenpriestertum zu binden“. Ratzinger erklärt: „Wer den katholischen Glauben an die von Christus gestifteten Sakramente nicht teilen kann, sollte auch nicht Vorschriften machen wollen, wie katholisches Priestertum gestaltet werden muss.“ Die „besondere Sendung“ der Frau liege in der „Ordnung der Liebe“. 

Ein Vorbild für alle kann und darf auch die Mutter des Herrn heute sein, für die Kirche und so auch für jeden Menschen: „Was die Kirche ist und sein soll, erfährt sie konkret im Hinschauen auf Maria. Sie ist ihr Spiegel, das reine Maß ihres Wesens, weil sie ganz im Maß Christi und Gottes steht, von ihm »durchwohnt«. Und wozu anders sollte ecclesia da sein als dafür, Gott Wohnung zu werden in der Welt? Gott handelt nicht mit Abstrakta. Er ist Person, und die Kirche ist Person. Je mehr wir, jeder einzeln, Person werden, Person im Sinn der Bewohnbarkeit für Gott, Tochter Zion, desto mehr werden wir eins, und desto mehr sind wir Kirche, desto mehr ist Kirche sie selbst.“ Damit formuliert Joseph Ratzinger den Auftrag der Kirche. Wenn die Kirche Gottes marianisch leuchtet, also wenn wir alle, Sie und ich, Gott in unserem Leben Raum schenken, dann tragen wir bei zur wahren Reform der Kirche, die nur von, durch, mit und in Christus erneuert werden kann. 

Die Theologie von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. war, ist und bleibt ein großes Geschenk für die Kirche, für alle Gläubigen, für alle Suchenden und für alle Menschen guten Willens. Der einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn zeigt und lehrt uns auch mit diesem Werk, neu mit Marias Augen auf Christus zu schauen. In „Herkunft und Bestimmung“ ist von Gott die Rede. Nichts scheint in mir in unserer Zeit nötiger zu sein. Am 11. September 1987 sagte Kardinal Joseph Ratzinger in einer Predigt in Kevelaer: „Nur im Versammeltsein mit Maria, im Einssein mit der Gnadenvollen, können wir immer neu Geburt der Kirche empfangen. Wir wollen in dieser Stunde darum beten, dass auch heute wieder Kirche geboren werde, dass Christus durch den Glauben Gestalt in uns annehme.“ Dieses kostbare Buch ist somit auch eine Einladung zum Gebet.

 

Joseph Ratzinger: Gesammelte Schriften. Band 5: Herkunft und Bestimmung. Schöpfungslehre – Anthropologie – Mariologie. Hrsg. v. Gerhard Ludwig Müller et al. Freiburg im Breisgau 2021, 627 Seiten

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