Wo Gott nicht ist, kann nichts gut sein

Geistliche Betrachtungen zur Jesus-Trilogie von Benedikt XVI. – Teil 9

Gottvater auf seinem Thron: Werk eines anonymen deutschen Künstlers (spätes 15. Jahrhundert)
Foto: Wikimedia (CC0)
05 December, 2020 / 7:03 AM

Wissen wir, worum wir beten – wenn wir im Vaterunser die Bitte "Dein Reich komme" aussprechen? Die Königsherrschaft Gottes sehnen wir herbei. Weltliche Mächte und Gewalten begleiten uns hienieden, doch nicht allein dies. Verstörende Zeichen treten hinzu. Nur anhand eines Beispiels sei dies verdeutlicht: Die Väter und Mütter der Verfassung haben ausdrücklich im Bewusstsein vor Gott und den Menschen nach der Finsternis des Dritten Reichs das Grundgesetz formuliert und beschlossen. Am 26. Februar 2020 hat das Verfassungsgericht in Karlsruhe unter anderem verkündet: "Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen." Damit wurde – unter bestimmten Bedingungen – die Suizidbeihilfe gestattet. In solchen Augenblicken spüren Christen aller Konfessionen, wie sehr sich Gottes Reich von den Staaten dieser Welt unterscheidet. Wir leben, mit Augustinus gesprochen, in der "civitas terrena" und nicht in der "civitas Dei", in der irdischen, nicht in Gottes Bürgerschaft.

Benedikt XVI. hat im Rahmen seiner Reflexionen und Meditationen über das Vaterunser dargelegt, dass wir betend mit den Worten "Dein Reich komme" zunächst den "Primat Gottes" anerkennen: "Wo er nicht ist, kann nichts gut sein. Wo Gott nicht gesehen wird, verfällt der Mensch und verfällt die Welt." (Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg im Breisgau 2007, 179) Gottferne und Gottvergessenheit sind Signaturen dieser Zeit. Zuweilen scheint selbst im Raum der Kirche der Blick auf den Herrn wie versperrt. Wenn wir von der Kirche sprechen, dürfen wir nie vergessen, dass es nicht allein um die anderen – ob Kleriker oder Weltchristen – geht, sondern als Erstes um uns selbst: Welchen Platz räume ich Gott in meinem Leben ein? Versuche ich ihn zu sehen, ihn im Nächsten zu erkennen? Pflege ich meine Beziehung zu Gott? Gebe ich Zeugnis für meinen Glauben? Bin ich bereit zu Umkehr, Buße und Versöhnung?

Benedikt XVI. formulierte präzise, dass der Mensch verwahrlost, mit ihm die Welt, in der er lebt, wenn Gott verkannt und übersehen wird. Alles verödet ohne Gott. Er legt weiter dar, dass uns kein "Schlaraffenland" verheißen sei "für den Fall, dass wir fromm sind oder das Reich Gottes irgendwie möchten". Auch eine Utopie werde mitnichten angekündigt. Aber vorgegeben werde die Richtschnur für das menschliches Tun und Handeln: "Die Maßstäblichkeit seines Willens wird angenommen. Dieser Wille schafft Gerechtigkeit, zu der es gehört, dass wir Gott sein Recht geben und darin den Maßstab für das Recht unter den Menschen finden." Was heißt es, sich auf Gott auszurichten? Gute Absichten genügen nicht, ebenso wenig ein vielleicht moderat sittlich geläuterter Pragmatismus, geleitet vom steten Bemühen, anständig zu bleiben. Benedikt verweist auf den jungen König Salomo, der um das "wahrhaft Wesentliche" bittet, das "hörende Herz, die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse" (ebd., 180). In der Geschichte und auch heute wird im Strudel relativistischer Versuchungen diese Differenz bisweilen sogar geleugnet. Ist nicht alles bloß Ansichtssache? Herrscht nicht am Ende ein Mehrheitsprinzip, auf beste Weise demokratisch? Wir stehen in der Versuchung, dieses Unterscheidungsvermögen zu verlieren und dann Gut und Böse erst zu relativieren, letztlich zu nivellieren. 

Die rechte Weise des Betens führt zur "Ordnung des Handelns": "Das Erste und Wesentliche ist das hörende Herz, damit Gott herrsche und nicht wir. Das Reich Gottes kommt über das hörende Herz. Das ist sein Weg. Und darum müssen wir immer wieder bitten." Nicht wir sollen uns selbst und unsere Ideen verwirklichen, nicht nach Macht, Ämtern, Einfluss und Geltung streben, sondern das uns anvertraute Talent nutzen, um Gott und so wahrhaft einander zu dienen und damit auch seinem Reich. Im Neuen Testament sei die Bitte um das hörende Herz "noch konkreter" geworden, nämlich "zur Bitte um die Gemeinschaft mit Jesus Christus", zur Bitte um die "wahre Nachfolge": "Um das Reich Gottes zu bitten heißt, zu Jesus zu sagen: Lass uns dein sein, Herr! Durchdringe du uns, lebe in uns, versammle die zerstreute Menschheit in deinem Leib, damit in dir alles Gott untergeordnet werde und du dann das All dem Vater übergeben kannst, auf dass »Gott alles in allem sei« (1 Kor 15,26–28)." (ebd., 181) Mit jedem Vaterunser, in jeder heiligen Messe und jedes Jahr im Advent beten wir darum, dass der Herr wiederkehren möge, dass Gottes Reich zu uns komme. Ist uns bewusst, dass wir darum bitten? Bereiten wir dem Herrn den Weg? Möge die Hoffnung auf sein Reich in uns wachsen und uns erfüllen, so dass wir als einfach gläubige Christen und Arbeiter im Weinberg des Herrn wahrhaft Zeugnis geben für Gottes Liebe.

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