Jesus am Jakobsbrunnen

Christus und die Samariterin (Gemälde aus dem 16. Jahrhundert)
gemeinfrei

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Liebe Schwester und Brüder,

wir haben ein sehr geheimnisvolles Evangelium gehört, einen Text, der uns vor viele Fragen stellt. Das Gespräch zwischen Jesus und der Frau am Jakobsbrunnen ist ein Hin und Her zwischen Alltäglichem und Geheimnisvollem, zwischen dem, was in jedem Alltag vorkommt und dem, was mystisch, geheimnisvoll ist. Alltäglich ist: Jesus ist auf dem Weg von Judäa nach Galiläa und musste wohl oder übel durch das Gebiet der häretischen Samariter. Er ist müde und hat Durst und will Wasser, die Jünger sind zum Essenholen gegangen, die Frau sagt: Der Brunnen ist tief, wie kommst du an Wasser ohne meine Hilfe? Jesus sagt überraschend: Hol deinen Mann. Und dann stehen im Text Worte, die in eine andere Welt weisen: Jesus sagt: Ich gebe dir Wasser, sodass du nie mehr Durst hast. Und die Jünger kommen zurück und drängen Jesus zu essen. Er aber sagt: Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt.

Was will und soll uns dieser Text sagen? Vielleicht soll er uns sagen: Es gibt den Hunger und Durst des Körpers, aber auch Hunger und Durst der Seele. Meist überspielen wir Hunger und Durst der Seele. Und dann geht die Seele kaputt. Wir können uns fragen, ob gerade in unseren Tagen viele Menschenseelen kaputt gehen, weil die Seele von Lärm und Bildern zerstört wird. Jesus will uns sagen: Ich nähre und tränke die Seele. Auch er selbst nährt und tränkt seine Seele durch den Kontakt zu seinem Vater, der auch unser Vater ist. Dieser Kontakt zum Vater ist hier und jetzt möglich, wenn wir Gott nachspüren oder wenn wir Gott suchen und auf ihn lauschen. Vielleicht will Jesus uns auch sagen: Wenn wir aufmerksam auf unser Leben schauen, werden wir Spuren Gottes in unserem Lebensweg finden. Denn es gibt keine Zufälle. Was uns Zufall zu sein scheint, kommt aus der Hand Gottes.

Ich habe einen Text von Papst Franziskus gefunden, der auf dieses Geheimnis hinweist. Er schreibt: „Jesus präsentiert sich auf eine Weise, die wir nicht erwarten würden. Wer Wunder sucht, wird ihn nicht finden. Wer neue Empfindungen, seltsame Dinge und äußere Zeichen sucht, wird ihn nicht finden. Nur wer seine Herausforderungen annimmt, ohne sich zu beschweren, ohne Kritik und lange Gesichter, wird ihn finden. Anders gesagt: Jesus bittet dich, ihn in der Realität des Alltags, in der du lebst, aufzunehmen: in der Kirche wie sie heute ist, in den Menschen, die jeden Tag um dich sind, in den Problemen deiner Familie … um Gott dort aufzunehmen.“

Kommen wir zurück zum Evangelium. Jesus sagt der Frau: Ich habe ein Wasser, das deinen Durst für immer löschen wird. Was ist damit gemeint – den Durst für immer löschen? Mir fallen dabei auch Menschen ein, die so von Christus gepackt waren, dass sie größte Mängel, die größte Not, das größte Leid ertragen konnten, weil sie sich von Jesus Christus tränken ließen. Im Glauben an Jesus Christus, im Bleiben bei Jesus Christus gibt es etwas zu trinken, das über alle körperliche Not hinweghilft. Ähnlich ist es dann nach der Frage der Jünger, woher Jesus etwas zu essen bekam, warum er keinen Hunger mehr hatte. Auch Jesus bekennt von sich: Ich habe eine Speise, die ihr nicht kennt, meine Speise ist es, den Willen des Vaters zu tun. Christen zu allen Zeiten haben es vermocht, im Hängen an Gott und an Jesus Christus größtes Leiden zu überstehen. Daher gab es Heilige, die ohne Speise lebten. Jesus hat sich auf das Gespräch mit der Samariterin eingelassen. Die Frau hat sich auf Jesus eingelassen. Lassen wir uns auf ein gründliches Gespräch mit Christus ein. Die Frau war auch neugierig. Sie hat sich über Jesus gewundert, weil er sofort wußte um ihre fünf Männer. Und weil sie über Jesus gestaunt hat, ist sie ins Dorf gelaufen und hat ihre Dorfbewohner zu Jesus geholt. Wie wär’s mit mehr Neugierde auf Jesus? Jesus ist kein Moralapostel. Er hat die Frau nicht wegen ihrer fünf Männer getadelt, aber er ist ein Wunder, der den Menschen verwandelt.

Nun noch ein kurzer Blick auf den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Am vergangenen Donnerstag gab es in Frankfurt im Dom zur Eröffnung ein sehr beeindruckende Schauspiel, eine Art Tanztheater. Es hat das Leiden der Opfer von sexuellem Missbrauch vor Augen geführt. Es hat zu Bekehrung und Umkehr aufgerufen. Ich hätte mir gewünscht, dass außer diesem beeindruckenden Schauspiel auch eine Stunde Anbetung angesetzt worden wäre. Ich denke, dass das schweigende Dasein vor dem Herrn uns heute helfen könnte, mit Schuld und vielen theologischen Fragen fertig zu werden – gerade auch zu Umkehr, zu Reform zu führen. Der Herr hat uns viel zu sagen, er hat Nahrung und Trank für unsere Seele, aber dafür müssen wir schweigen und hören. Hören auf Gott und auf den Nächsten ist angesagt. Synode bedeutet miteinander auf Gott zu hören.

Pater Eberhard von Gemmingen SJ war von 1982 bis 2009 Redaktionsleiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan.

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