10. Januar 2026
Der Heilige Stuhl hat sich kürzlich vor den Vereinten Nationen erneut deutlich zu Fragen von Krieg, Abrüstung und humanitärer Verantwortung positioniert. In seiner Stellungnahme zur Konvention über Streumunition machte er klar: Der Schutz der Zivilbevölkerung, die Hilfe für Opfer und die Verhinderung weiteren Leids sind nicht nur rechtliche Pflichten, sondern moralische Verantwortung gegenüber heutigen und künftigen Generationen. Christian Peschken sprach über diese Themen mit Erzbischof Ettore Balestrero, dem Ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf.
Exzellenz, wenn der Heilige Stuhl betont, dass das Recht auf Selbstverteidigung nicht absolut ist – wie können Staaten, insbesondere solche mit christlicher Mehrheit, beispiellose Rüstungsausgaben rechtfertigen und zugleich von Friedenspolitik sprechen?
Staaten, die hohe Ausgaben für ihre Verteidigung tätigen, würden auf diese Frage vermutlich mit einem einfachen lateinischen Leitspruch antworten: Si pacem vis, ad bellum te para – wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor. Dieser Satz wird heute im öffentlichen Raum häufig wiederholt. Eine katholische Antwort muss jedoch differenzierter ausfallen. Wenn wir realistisch sind, müssen wir anerkennen, dass Kriege seit Jahrtausenden vorbereitet werden – und dennoch ist es nie gelungen, sie dadurch zu verhindern.
Deshalb möchte ich ein anderes, besseres Prinzip vorschlagen. Nicht Si pacem vis, para bellum, sondern: Si pacem vis, democratiam veram et robustam exstrue – wenn du Frieden willst, baue eine echte und tragfähige Demokratie auf. Errichte eine internationale rechtliche und politische Ordnung, die auf dem Recht und der internationalen Legalität beruht und in starken Menschenrechten verwurzelt ist, die sich aus der Würde des Menschen ableiten.
Zugleich muss man hinzufügen, dass es eine weitere Pflicht gibt: den Schutz der eigenen Bevölkerung. Selbstverteidigung ist ein Recht und zugleich eine Pflicht der Staaten, wie sie auch in der Charta der Vereinten Nationen, Artikel 51, anerkannt wird. Dieses Recht ist jedoch nur dann moralisch legitim, wenn es von Notwendigkeit, rechter Absicht und Verhältnismäßigkeit geleitet ist – also wenn es darauf abzielt, Aggression zu stoppen und den Frieden wiederherzustellen, nicht aber Vergeltung zu üben oder unnötiges Leid zu verursachen.
Heute sind, entgegen allen Prinzipien der Menschlichkeit, rund 90 Prozent der Opfer bewaffneter Konflikte Zivilisten. Wird Frieden lediglich als ein Gleichgewicht der Kräfte verstanden, treibt die Logik der Macht Staaten dazu, einander herauszufordern, um Dominanz zu behaupten. Das erzeugt Instabilität und führt zu Aufrüstung statt zu Abrüstung – und das ist kein Weg zum Frieden.
Gleichzeitig kann jedoch von keinem Staat erwartet werden, allein abzurüsten, wenn andere sich weigern, dasselbe zu tun. Denn jeder Staat hat die heilige Pflicht, seine Bürger zu schützen. Ich bitte um Entschuldigung für diese ausführliche Antwort, aber sie war notwendig, um das Gesamtbild zu zeichnen, auf das Ihre Fragen abzielten.
Exzellenz, der Heilige Stuhl spricht von einem „skandalösen Ungleichgewicht“ bei den weltweiten Militärausgaben. Müssen sich katholische Politiker moralisch verantworten, wenn sie riesige Rüstungsbudgets unterstützen, während Investitionen in Entwicklung, Armutsbekämpfung und Opferhilfe deutlich zurückbleiben?
Ich denke, wir müssen Vereinfachungen und allzu vage Verallgemeinerungen vermeiden. Jeder einzelne Fall muss in seinen jeweiligen Besonderheiten geprüft werden. Katholische Politiker sind aufgerufen, sich dieser Frage ehrlich zu stellen, alles daranzusetzen, Eskalationen zu verhindern, und dabei alle Faktoren zu berücksichtigen, die sich je nach Situation unterscheiden.
Während der Schutz der Bevölkerung sowohl ein Recht als auch eine Pflicht ist, haben sich Regierungen zugleich verpflichtet, Armut zu verringern. Sie müssen daher die Ausgaben für Verteidigung mit den Bedürfnissen der Menschen in Einklang bringen – insbesondere mit Investitionen in Bildung und Gesundheitsversorgung. Natürlich argumentieren einige, dass ohne Frieden weder Schulen noch Krankenhäuser funktionieren können. Andere entgegnen jedoch, dass ohne funktionierende Schulen und Krankenhäuser und bei wachsender Armut, weil Ressourcen in den Verteidigungsbereich umgeleitet werden, friedliche Gesellschaften ebenfalls nicht bestehen können. Die eigentliche Herausforderung besteht daher darin, das richtige Gleichgewicht zu finden.
In diesem Zusammenhang ist es auch entscheidend, die tieferen Ursachen von Gewalt anzugehen. Abrüstung ist nicht möglich, ohne Gewalt an ihrer Wurzel zu bekämpfen und ohne ein klares Bekenntnis zu Frieden, Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl.
Krieg beginnt – wie jedes Übel – im Herzen des Menschen. Deshalb sind alle Menschen aufgerufen, ihr eigenes Herz zu läutern und dort, wo sie leben und wirken, zu Friedensstiftern zu werden.
Wenn die Würde des Menschen die Grundlage des Völkerrechts ist – warum weigern sich dann Ihrer Meinung nach so viele Staaten, auch solche, die sich auf Menschenrechte berufen, verbindliche Abrüstungsverträge einzugehen? Und was sagt das über den moralischen Zustand der Weltordnung aus?
Ich denke, der wachsende Widerstand gegen verbindliche Abrüstungsverträge deutet darauf hin, dass staatliche Sicherheitsinteressen und nationale Ambitionen häufig schwerer wiegen als die Würde des Menschen – selbst bei Regierungen, die sich öffentlich zum Schutz der Menschenrechte bekennen. Wird die Menschenwürde zwar beschworen, aber nicht in die Praxis umgesetzt, verkommt sie zu einem bloßen Symbol und wird nicht mehr zu einer handlungsleitenden Norm.
Das heutige Klima des Misstrauens und der gegenseitigen Verdächtigungen legt tiefer liegende Ängste und Eigeninteressen offen. Der gegenwärtige Trend zur Wiederaufrüstung bestätigt zudem, dass sich die Welt zunehmend multipolar entwickelt, mit mehreren Machtzentren, die miteinander konkurrieren, ohne jedoch bereits wirklich multilateral zu sein. Multipolarität ist eine Frage der Macht, Multilateralismus hingegen eine Frage der Regeln.
Ich bin überzeugt, dass unser Überleben davon abhängt, einen ethischen Multilateralismus aufzubauen, in dem Staaten – ebenso wie Religionen – das Gemeinwohl verfolgen, die Würde des Menschen achten und zugleich die Vielfalt der menschlichen Familie respektieren.
Erhalten Sie Top-Nachrichten von CNA Deutsch direkt via WhatsApp und Telegram.
Schluss mit der Suche nach katholischen Nachrichten – Hier kommen sie zu Ihnen.
Der Heilige Stuhl wirkt als Vertragspartei aller wichtigen Abrüstungsabkommen aktiv darauf hin, deren universelle Annahme und wirksame Umsetzung zu fördern. Diese Verträge werden dabei nicht nur als rechtlich verbindliche Instrumente verstanden, sondern auch als moralische Verpflichtungen – Verpflichtungen zum Schutz des menschlichen Lebens und der menschlichen Würde.
Der Heilige Stuhl betont, dass Frieden nicht durch Waffen, sondern durch Vernunft entsteht. Muss die Kirche geopolitische Narrative, die Abschreckung, Aufrüstung und den Einsatz wahlloser Waffen als normal darstellen, deutlicher und offensiver infrage stellen?
In vielen Zusammenhängen und auf unterschiedlichen Ebenen – auch auf der päpstlichen Ebene – hat die Katholische Kirche geopolitische Narrative infrage gestellt, die Aufrüstung und den Erhalt von Waffen mit unverhältnismäßigen Wirkungen normalisieren, etwa in Foren der Vereinten Nationen. Auch Papst Leo XIV. selbst hat, wie bereits erwähnt, zahlreiche Appelle in diese Richtung gerichtet.
An einen davon erinnere ich mich besonders: bei der Gebetswache und dem Rosenkranz für den Frieden im vergangenen Oktober 2025 betonte der Papst, dass wahrer und dauerhafter Frieden nicht durch Abschreckung, sondern durch Geschwisterlichkeit entsteht. Er unterstrich, dass nachhaltiger Frieden nicht das Ergebnis von Siegen über den Feind sei, sondern die Frucht von gesäter Gerechtigkeit und mutiger Vergebung.
In diesem Sinne hat die Kirche ihre Haltung stets klar und konsequent vertreten und sich kontinuierlich für diese Werte eingesetzt.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.




