5. Februar 2026
Die Weltbevölkerung wird immer älter: Schon bis 2030 wird weltweit jeder sechste Mensch über 60 Jahre alt sein. Diese Entwicklung stellt Gesellschaften vor große soziale und moralische Herausforderungen. Mit genau diesen Fragen hat sich der Heilige Stuhl kürzlich vor dem UN-Menschenrechtsrat befasst.
Der Heilige Stuhl betonte wiederholt, dass die Würde des Menschen unverlierbar ist – unabhängig von Alter, Gesundheit oder Leistungsfähigkeit. Ältere Menschen seien keine Last, sondern Träger von Erfahrung, Erinnerung und Weisheit. Zugleich warnte er vor einer wachsenden Wegwerfmentalität, die sich in Debatten über Euthanasie, soziale Sicherung und Arbeit widerspiegelt.
Wie diese Positionen zu verstehen sind und welche Konsequenzen sie haben, darüber sprach Christian Peschken (EWTN) mit Erzbischof Ettore Balestrero, dem Ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf.
Wie ist es zu erklären, dass Staaten, die Euthanasie und assistierten Suizid fördern oder legalisieren, weiterhin in Menschenrechtsgremien der Vereinten Nationen vertreten sind, obwohl dies nicht mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar ist, die die innewohnende Würde und das Recht auf Leben jedes Menschen bekräftigt, auch bei körperlichem oder geistigem Abbau?
Das Völkerrecht erkennt kein Recht auf den Tod an. Es gibt ein Recht auf Leben, und Versuche, dieses als ein Recht auf den Tod umzudeuten – auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – sind konsequent zurückgewiesen worden. Staaten, die assistierten Suizid oder Euthanasie legalisieren und zugleich in Menschenrechtsgremien vertreten sind, rechtfertigen ihre Politik häufig, wie Sie erwähnt haben, durch den Rückgriff auf verzerrte Vorstellungen von Würde. Sie berufen sich auf Autonomie, Wahlfreiheit, Individualismus und sogar auf wirtschaftliche Effizienz. Diese Argumente beruhen jedoch auf einem falschen Menschenbild und schaden insbesondere Menschen in körperlichem oder geistigem Abbau.
Wenn eine Kultur assistierten Suizid oder Euthanasie legalisiert, beginnt sie faktisch damit, Urteile darüber zu fällen, welche Leben würdevoll sind und welche als lebenswert oder erhaltenswert gelten. In der Folge setzt sich eine utilitaristische Logik durch. Ältere Menschen oder wirtschaftlich nicht produktive Personen werden als Belastung wahrgenommen. Sie gelten als Konsumenten von Ressourcen, die angeblich anderen fehlen. Diese Denkweise zeigt sich sogar in Ländern, in denen Euthanasie nicht legal ist, etwa wenn Entscheidungen über medizinische Behandlungen anhand von Kriterien wie Alter, Leistungsfähigkeit oder Effizienz getroffen werden. Diese Mentalität und die daraus hervorgehenden „Wegwerfpolitiken“ fördern stets eine Kultur des Todes und nicht eine Kultur des Respekts – insbesondere nicht des Respekts gegenüber älteren Menschen.
Gleichzeitig ist es bemerkenswert, dass es im Kontext der Vereinten Nationen mehrere Sonderberichterstatter gibt – etwa zu Armut sowie zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen und älteren Personen –, die wiederholt vor dem Trend gewarnt haben, Gesetze zu erlassen, die den Zugang zu Euthanasie und assistiertem Suizid ermöglichen, vor allem wenn diese auf Behinderung oder beeinträchtigenden Gesundheitszuständen beruhen, einschließlich im Alter.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch diese UN-Experten anerkennen, dass menschliche Würde nicht bedingt ist. Aus ihrer Sicht ist ein gegenteiliges Verständnis nicht tragfähig. Ein Mensch, der aufhört zu leisten oder zu produzieren, hört niemals auf, ein Mensch zu sein.
Der Heilige Stuhl betont, dass ältere Menschen „Teil der Lösung und nicht Teil des Problems“ sind. Warum? Worin liegt ihr konkreter Beitrag für Gesellschaft und Gemeinschaft?
Angesichts der heute vorherrschenden utilitaristischen Einstellungen besteht die Tendenz, ältere Menschen auf bloße passive Empfänger unserer Zeit und Aufmerksamkeit zu reduzieren. Sobald sie wirtschaftlich nicht mehr produktiv sind, werden sie eher als Belastung denn als Geschenk wahrgenommen. In diesem Zusammenhang stechen aus meiner Sicht drei Punkte besonders hervor.
Erstens hat Papst Franziskus diese Sichtweise wiederholt und entschieden infrage gestellt. In seiner Lehre über das Altern betonte er, dass auch das Alter fruchtbar bleibt. Er hob die zentrale Rolle älterer Menschen hervor und bezeichnete sie als Hüter des Gedächtnisses. Sie bewahren Geschichte, Tradition, Kultur und Werte und geben zugleich ihre Weisheit an kommende Generationen weiter.
Zweitens lässt sich hier ein Leitgedanke aus den Menschenrechten von Menschen mit Behinderungen anwenden, der gewissermaßen zu einem Mantra geworden ist: „Nichts über uns ohne uns.“ Dieselbe Logik sollte auch politische Maßnahmen gegenüber älteren Menschen leiten. Sie müssen Gestalter ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft sein, als Partner in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und in voller Würde behandelt werden. Wenn dieses Prinzip für alle Lebensbereiche gilt, dann muss es für alle Menschen gelten – unabhängig vom Alter.
Der dritte Punkt betrifft jene älteren Menschen, die möglicherweise nicht mehr für sich selbst sprechen oder handeln können. Demenz, Alzheimer oder andere degenerative Erkrankungen können ihre Stimme zum Schweigen bringen. Doch gerade in diesen Fällen werden ihre bloße Existenz und unsere Fürsorge für sie zu einem Zeugnis der innewohnenden und unverlierbaren Würde jedes Menschen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Indem wir uns um sie kümmern, bekräftigen wir den Wert des bloßen Daseins. Das ist heute von außerordentlicher Bedeutung – aus christlicher Perspektive ebenso wie aus einer allgemein menschlichen.
Wie sollten katholische Gemeinschaften prophetisch Kulturen widersprechen, die Jugend, Produktivität und Autonomie verherrlichen – oft auf Kosten von Familie, Generationenbindung und Respekt vor Älteren?
Wenn Sie die Begriffe Jugend, Produktivität und individuelle Autonomie nennen, dann muss man feststellen, dass diese in der heutigen Gesellschaft häufig zu Maßstäben für den Wert eines Menschen werden. Als würdig gilt man nur dann, wenn man jung ist, produktiv ist und autonom handeln kann. Mit anderen Worten: Man zählt nur, wenn man nützlich ist, wenn es sich lohnt, ineinen zu investieren. Doch das ist eine verzerrte Vorstellung. Es ist eine Lüge, die Menschen ausnutzt und instrumentalisiert.
Gegen diese reale Ideologie ist die Katholische Kirche aufgerufen, ein Wort der Wahrheit zu sprechen. Der Wert des Menschen entspringt der innewohnenden Würde jedes Einzelnen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Deshalb möchte ich auf die drei von Ihnen genannten Begriffe mit drei anderen Worten antworten. Anstatt von Jugend oder Autonomie zu sprechen, sollten wir von Sorge, Solidarität und Familie sprechen.
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Sorge bedeutet, füreinander dazu sein und sich um unsere Brüder undSchwestern zu kümmern. Solidarität bringt das heilige Band zwischen den Generationen zum Ausdruck. Und Familie meint sowohl die kleine Gemeinschaft, in der die Jungen von den Alten Mitgefühl lernen und die Alten Freude an der Lebendigkeit der Jungen finden, als auch die größere Gemeinschaft, in der wir erkennen, dass wir eine einzige menschliche Familie sind, die nur dann aufblühen kann, wenn sie gemeinsam voranschreitet.
Mit diesen drei Begriffen kann man sagen, dass die Katholische Kirche prophetisch zu den heutigen Kulturen spricht. Zugleich tragen genau diese Werte dazu bei, dass soziale Systeme tragfähig und funktionsfähig bleiben.
Sollte die Kirche wirtschaftliche Strukturen deutlicher kritisieren, wenn sie – auch von christlichen Entscheidungsträgern – verteidigt werden, obwohl sie Marktlogik und Wachstum über menschliche Würde, Ruhe und Erholung stellen?
Ich denke, wir müssen mit Umsicht vorgehen und zumindest einige Vorbehalte berücksichtigen, wenn wir behaupten, dass Menschen – insbesondere in der westlichen Welt oder in Teilen der Entwicklungsländer – gezwungen seien, bis ins hohe Alter zu arbeiten. In vielen Gesellschaften zeigt sich vielmehr das entgegengesetzte Problem: Es ist schwierig, sinnvolle Tätigkeiten für die langen Jahre des Ruhestands zu finden. Zugleich darf nicht übersehen werden, dass sinkende Geburtenraten und eine zunehmende Lebenserwartung einige westliche Regierungen dazu veranlassen, das gesetzliche Rentenalter anzuheben.
Unabhängig davon stellt die Kirche ungerechte wirtschaftliche Strukturen grundsätzlich infrage, und ihre Botschaft ist eindeutig. Wirtschaft ist nur dann legitim, wenn sie dem Wachstum und der Entfaltung der menschlichen Person innerhalb der Gesellschaft dient. Die katholische Soziallehre wiederholt seit Jahrzehnten ein fundamentales Prinzip: Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht der Mensch der Wirtschaft.
Zugleich wird betont, dass Arbeit eine zentrale Rolle im menschlichen Leben einnimmt. Dabei ist es notwendig, Arbeit auf zwei Ebenen zu betrachten.
Erstens gibt es das, was wir gewöhnlich als Erwerbsarbeit oder Beruf bezeichnen. In diesem unmittelbaren Sinn ermöglicht Arbeit den Lebensunterhalt. Doch selbst hier darf Arbeit nicht auf einen bloßen Austausch von Leistung gegen Lohn reduziert werden. Eine Arbeitsstelle muss die Würde des Arbeitenden respektieren. Aus diesem Grund sind gerechte Entlohnung, angemessene Arbeitszeiten, Elternzeit sowie sichere und gesunde Arbeitsbedingungen grundlegende Rechte und keine Privilegien.
Zweitens besitzt Arbeit eine tiefere, existenzielle Bedeutung, die als Teilnahme an der Schöpfung Gottes verstanden werden kann. Durch Arbeit wird der Mensch zum Mitgestalter der Welt, indem er sie zum Wohl aller formt. Der heilige Johannes Paul II. schrieb, dass der Mensch durch Arbeit seine menschliche Erfüllung erreicht und in gewisser Weise immer mehr Mensch wird. In diesem umfassenden Sinn müssen wir den Begriff Arbeit verstehen.
Original-Interview aufgenommen von Alex Mur in Genf | Teamleitung Genf: Laetitia Rodrigues | Produktionsleitung: Patricia Peschken | Deutscher Sprecher: Jan Terstiege | Redaktion, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für Pax Press Agency, im Auftrag von EWTN und CNA Deutsch.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.




