5 Jahre nach dem Rücktritt Benedikts: Ein Interview mit Papstkenner Paul Badde

Benedikt XVI. an seinem letzten Osterfest als Papst im Jahr 2012.
Foto: EWTN / Paul Badde
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Am 11. Februar 2013 – vor fast genau fünf Jahren – gab Papst Benedikt XVI. während eines Konsistoriums bekannt, zum 28. Februar „auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri" zu verzichten.

Aus nächster Nähe hat über Jahre der bekannte EWTN-Romkorrespondent  Paul Badde den heutigen Papst emeritus begleitet. Julius Müller-Meiningen hat mit dem Historiker und Autor gesprochen.

Herr Badde, wie nahe waren Sie an Benedikt dran?

Wir waren Nachbarn und sind es immer noch. Er war mir aber auch davor schon sehr vertraut. Seine Welt war meine Welt. Seine „Einführung in das Christentum“ hat den Glauben auch bei mir neu grundgelegt. Natürlich war er mir auch von seiner Sprache her nahe, das heißt: von unserer Sprache. Er war mein Papst und mein Schicksal.

Wie geht es Benedikt heute?

Gut und natürlich dem hohen Alter und den nachlassenden Kräften entsprechend. Er liest viel, lässt sich auch gerne vorlesen, hört Musik und hat in den letzten Jahren zahlreiche Gäste empfangen. Dem aber setzen seine nachlassenden Kräfte nun immer engere Grenzen. Das heißt: die Gäste werden weniger, die Korrespondenz wird weniger, die Bewegung wird weniger, zu der er immer den Rollator benutzt, manchmal auch den Rollstuhl. Nur sein Geist ist immer noch hellwach.

Wie sieht sein Alltag aus?

Sein Leben ist vom liturgischen Rhythmus geprägt. Bei ihm ruht jeder Tag auf dem Fundament der heiligen Messe, die der alte Priester jeden Morgen mit seinem Privatsekretär und im kleinsten Kreis in der Früh feiert, und dem nachmittäglichen Rosenkranz. Der Tag endet mit der Komplet vor der Nachtruhe, dem letzten Gebet der Kirche.

Was sind die tatsächlichen Gründe für seinen Rücktritt vor fünf Jahren?

Gespielt hat er mit dem Gedanken eines Amtsverzichts wohl von Anfang an. Im Laufe des Jahres 2012 wurde ihm aber felsenfest klar, er kann nicht mehr und hat sich wohl selbst nur noch ein knappes halbes Jahr gegeben. Vergessen Sie auch nicht, welchen zerstörten Eindruck er nach seinem Rücktritt machte.

Der Vatileaks-Skandal mit den von seinem Kammerdiener an die Presse weiter gegebenen Dokumenten oder Machtkämpfe im Vatikan spielten auch psychologisch keine Rolle?

Nicht direkt für den Rücktritt. Es war eine große persönliche Enttäuschung mehr für Benedikt, das stimmt. Den Entschluss zur Resignation selbst aber haben sie nicht mehr wirklich begründet. Zu diesem Skandal erzählen die besonderen Stücke meines Buches, mit denen ich sein Pontifikat in jenen Jahren begleitet habe, eigentlich fast schon alles. Es gab zwar Versuche, diese Deutung mit Briefen an die Chefredaktion der WELT zu unterbinden und zu verhindern, jedoch ohne jedes Ergebnis.

Wie sehr mischt sich Benedikt XVI. heute noch ein?

Überhaupt nicht. Gar nicht. Er wird sich hüten und hat natürlich auch Papst Coelestin V. (1209 – 1296) vor Augen, der von Bonifaz VIII. (1235 – 1303) in den Kerker von Fumone gesteckt wurde, damit er nicht hinter dem Rücken seines Nachfolgers eine Art Gegenpontifikat entfaltete.

Was vermissen Sie an Benedikt?

Dazu eine kleine Anekdote. Als ich ihn das letzte Mal in den Vatikanischen Gärten traf, sagte ich: „Darf ich Ihnen sagen, heiliger Vater, wie sehr ich Sie vermisse?“ Darauf er, wie aus der Pistole geschossen: „Nein, das dürfen Sie nicht!“ – Was ich an ihm also vermisse ist dies: Seine freundliche Bescheidenheit, seine zurückhaltende Geistesgröße, seine gewinnende Milde.

(Artikel wird unten fortgesetzt)

Was denkt Benedikt über Papst Franziskus und den Zustand der Kirche?

Dazu wird er kein Sterbenswort sagen. Er wird schon genug mit dem Staunen zu tun haben, und mit dem Hören, und mit dem, was ihm sein Bruder Georg alles am Telefon erzählt.

Aber man kann doch davon ausgehen, dass er nicht mit allem einverstanden ist?

Kann man, ja. Aber er ist es auch gewohnt, sich unter das Amt zu stellen, und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Wie kommt Benedikt mit der Tatsache zurecht, dass er den nicht zu leugnenden Wandel in der Kirche unter Bergoglio mit seinem Rücktritt ausgelöst hat?

Auch das wird er wohl eher in seinem Herzen bewegen: dass er diese Folgen nicht alle bedacht hat und einfach auch nicht alle bedenken konnte. Gewiss ist ihm dabei auch mehr als einmal die Erkenntnis des Propheten Jesaja in den Sinn gekommen: “Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, spricht der Herr, und eure Wege sind nicht meine Wege.“

Was würden Sie als das geistige Erbe Benedikt XVI. bezeichnen?

Seine Trilogie über Jesus von Nazareth, sein Ringen um die Versöhnung von Glaube und Vernunft (und der Reinigung von beiden) und seine Riesenschritte auf das Judentum zu - und natürlich sein Amtsverzicht, an dem er sich aber wohl eher an dem Rücktritt von Kaiser Karl V. im Jahr 1555 orientierte als an den des Abruzzeser-Papstes Coelestin V. im Jahr 1294.

Dann die Rettung der Liturgie aller Zeiten für die katholische Kirche. Doch nicht zuletzt seine Kniebeuge vor dem Antlitz Christi in der „Vera Icon“ von Manoppello am 1. September 2006 als erster Papst nach 476 Jahren, das er mit einem leisen Gebet zurück in die Geschichte holte. Diese Begegnung mit demSanctissimum Sudarium ist das Siegel seines Pontifikats. Seine Bücher werden in hundert Jahren wohl nur noch von wenigen Gelehrten gelesen werden. Dieses Bild wird von ihm bleiben – für alle Welt.

Welches waren Seine größten Versäumnisse und Fehler?

Er hatte nicht immer eine glückliche Hand in Personalentscheidungen und war zuweilen auch recht ängstlich oder zu vorsichtig. Oder anders, problematisch wurde bisweilen auch seine freundliche Milde.

Warum tat sich die Öffentlichkeit so schwer mit Benedikt? Und inwiefern ist er für andere hingegen eine Figur der Orientierung?

Vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil er einerseits wie ein Fels in der Brandung stand und ganz fest und entschlossen in einer Welt ständiger Relativierungen am Begriff einer unwandelbaren Wahrheit festgehalten hat. Zweitens weil er über solch einen überlegenen und souverän-luziden Geist verfügte, dass er von Anfang an den Neid und Ablehnung zahlloser Professoren auf sich zog, wie Kardinal Meisner einmal sagte. Unvergessen bleibt mir etwa ein Auftritt Kardinal Ratzingers in Rom bei einem Podiumsgespräch zur Identität Europas im Palazzo Colonna im Oktober 2004 mit Ernesto Galli della Loggia, einem der führenden Intellektuellen Italiens, wo der arme Professor fast schon resignierte und seufzte, egal was er sage, ahne er immer schon die überlegene Antwort Ratzingers vorweg. Das war aber sehr nobel und souverän ausgedrückt. Häufiger ging es in den Debatten mit ihm weniger nobel und auch durchaus gehässig zu.

Ist mit Benedikt eine Epoche in der katholischen Kirche zu Ende gegangen?

Ich denke schon. Als eine seiner ersten Amtshandlungen schaffte er kurz nach seiner Wahl von den ursprünglich neun traditionellen Titeln des Papstes jenen ab, der da hieß: Patriarch des Abendlandes. Bis dahin war er es aber noch. Für kurze Zeit war er der letzte Patriarch des Abendlandes, und zwar als ein umfassend gebildeter homo historicus. In die Geschichte wird er wohl eingehen als der letzte Europäer auf dem Thron Petri.

Was ist er eigentlich für ein Mensch?

Dazu hat sein Privatsekretär ein sehr schönes Wort Conrad Ferdinand Meyers zitiert. „Er ist kein ausgeklügelt Buch. Er ist ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

Hat die Macht ihn verändert?

Überhaupt nicht. Sie war ihm immer eher unangenehm.

Wie sind seine oder die öffentlichen Äußerungen seines Privatsekretärs in letzter Zeit einzuschätzen, der von einer „kontemplativen Amtsführung“ sprach? Sind Benedikts lobende Worte über die Kardinäle Müller oder Sarah, denen ein kompliziertes Verhältnis zu Jorge Bergoglio nachgesagt wird, einzuschätzen?

Dazu zweierlei. Erstens hat Georg Gänswein in seiner fast schon berühmten Vorstellung einer Benedikt-Biographie im Mai 2016 vor allem die Worte von dessen letzter Generalaudienz am 27. Februar 2013 korrekt und sehr wortgetreu ausgelegt. Und in dieser Audienz hat Benedikt auch schon das Bild des Bootes bemüht, das in schwere Wasser gerät und dennoch nicht kentern wird. Zweitens bleibt Benedikt Kardinal Müller und Kardinal Sarah einfach treu. Das ist schließlich ein weiterer Punkt seines Charakters, die Stärke und Schwäche in einem ist: das ist seine unbedingte Treue und Loyalität zu Personen, denen er einmal sein Vertrauen geschenkt hat.

Wird es demnächst oder irgendwann drei Päpste geben?

Theoretisch ja, praktisch eher nicht, jedenfalls nicht mehr in diesem Pontifikat. Dazu liebt Franziskus die Fülle seiner Macht als letzter absoluter Monarch der Erde doch zu sehr. Außerdem werden die vielen Unwägbarkeiten des Rücktritts und die Schaffung des eher professoralen Emeritus-Status beim Amt des Papstes den Rücktritt in Zukunft wohl doch eher ein Einzelfall bleiben lassen - wie schon bei Coelestin V. im Mittelalter. 

 

Das Buch "Benedikt XVI. – Seine Papstjahre aus nächster Nähe" ist bei Langenmüller erschienen und hat 256 Seiten. Eine Übersicht der Beiträge von und mit Paul Badde bei CNA Deutsch finden Sie hier.

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