Was steckt hinter den Schlagzeilen über die Bischofsnachfolge in Chur?

Die Stadt Chur in der Schweiz.
Foto: EWTN.TV

Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für den Bischofsstuhl des Bistums Chur gestaltet sich weiterhin schwierig. Der Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" zufolge hatte das Domkapitel die Vorschlagsliste von Papst Franziskus abgelehnt.

Medienberichte, dass die drei mutmaßlichen Kandidaten aus Sicht des Domkapitels "zu wenig eng mit der römisch-katholischen Kirche verbunden" seien, hat CNA Deutsch nicht bestätigten können.

Bistumsinterne Quellen sprechen indessen gegenüber CNA Deutsch von Einmischungsversuchen anderer Schweizer Diözesen, die offenbar zum Ziel gehabt hätten, die Bischofswahl kirchenpolitisch zu instrumentalisieren. 

Am vergangenen Montag, dem 23. November, sollte das Domkapitel den Nachfolger für Bischof Vitus Huonder wählen; die 22 Mitglieder des Domkapitels hatten sich dazu im Rittersaal des bischöflichen Schlosses von Chur versammelt. Die Wahl sollte im Geheimen stattfinden, zur Auswahl standen demnach  Kandidaten, die der Vatikan auf seiner Dreierliste nach Chur geschickt hatte: Der bisherige Bischofs- und Gerichtsvikar Joseph Bonnemain (72), Abt Vigeli Monn (55) von Disentis und Mauro-Giuseppe Lepori (61), der frühere Zisterzienser-Abt von Hauterive.

Ideologische Grabenkämpfe?

Joseph Bonnemain ist der einzige der drei Kandidaten, der direkt aus dem Bistum stammt und Beobachtern zufolge ohnehin kaum eine Chance gehabt hätte, da aufgrund seines Alters und der kirchenrechtlich verankerten Altersgrenze für Bischöfe bald erneut eine Bischofswahl nötig gewesen wäre.

Bonnemain, der Mitglied der Personalprälatur "Opus Dei" sei, soll Beobachtern zufolge Verfechter des Modells der Landeskirchen sein. Von diesem erhoffen sich Unterstützer eine größere Unabhängigkeit vom Vatikan. Kenner aus dem Umfeld beschreiben den Kleriker zudem als einen "Anwalt des Kirchensteuersystems", der sich am "gesellschaftlichen Mainstream" orientiere, "um politisch mehrheitsfähig zu bleiben".

Schon länger ist von einem ideologischen Kampf innerhalb des Bistums die Rede, in dem es auch um die Zukunft des Kirchensteuersystems geht.

Gut unterrichtete Kreise bestätigten gegenüber CNA Deutsch, dass Teile des Domkapitels die Dreiervorschlagsliste als "feindliche Übernahme" des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und des Abtes von Einsiedeln interpretiert hätten.

Unter diesen Umständen habe man deshalb am 23. November die Wahl eines neuen Bischofs abgelehnt. Schon im Vorfeld hätten die Protagonisten aus Basel, St. Gallen und Einsiedeln in Rom zugunsten der Bischofsernennung in Chur interveniert. Eine solche Einmischung von außen habe im Churer Domkapitel für Empörung gesorgt, so die Quelle aus dem Bistum gegenüber CNA Deutsch.

Die vorgelegte Kandidatenliste sei ein Indiz dafür, dass man "die bisher vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Stimme des Bistums Chur zum Schweigen" bringen möchte, berichtet ein weiterer Insider:

"Man hofft, das Kirchensteuersystem retten zu können, indem man Zeitgeist-Politik macht. Es sollte zukünftig niemanden mehr geben, der den gesellschaftlichen Anpassungskurs der Deutschschweizer Bischöfe sowie Äbte und der Vertreter des staatskirchenrechtlichen Systems stört."

Die Diözese von Chur ließ nach einer Anfrage von CNA Deutsch über ihren Pressesprecher Guiseppe Gracia unterdessen ausrichten, dass man "keinen Kommentar" abgebe.

Beeinflussungsversuche?

Nach dem altersbedingten Rücktritt von Bischof Huonder ist der langjährige, auch innerdiözesan geführte Streit über die kirchenpolitische Ausrichtung des Bistums Chur immer wieder neu aufgeflammt. Wie CNA Deutsch berichtete, ist erst im Oktober eine Gruppe von Gläubigen gegen den Diözesanadministrator Pierre Bürcher vor das Diözesangericht gezogen, nachdem dieser den früheren Bischofsvertreter Martin Kopp abgesetzt hatte.

Martin Kopp arbeitete bis dahin als Delegierter des Apostolischen Administrators für die Urschweiz, bevor er im März von Bürcher entlassen wurde (CNA Deutsch hat berichtet). Als Grund gab der Diözesanadministrator mangelnde Loyalität an, mit der Kopp versucht habe, die ausstehende Bischofsernennung unrechtmäßig zu beeinflussen.

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