Das Jahr Johannes Pauls II: Wissenschaft, Glaube und der Fall Galileo Galilei

Papst Johannes Paul II. zu Besuch in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften
Foto: Päpstliche Akademie der Wissenschaften

 

Es folgt ein weiterer Beitrag von Angela Ambrogetti, Chefredakteurin unserer italienischen Schwesternagentur ACI Stampa zum Jubiläumsjahr des hundersten Geburtstag von Johannes Paul II.:

Eines der großen Themen, mit denen sich jeder "moderne" Papst konfrontiert sah, ist jenes der Beziehung zwischen Glaube und Wissenschaft. Johannes Paul II. richtete von den ersten Monaten seines Pontifikats an seine Aufmerksamkeit auf die Päpstliche Akademie der Wissenschaften.

Die Akademie blickt auf eine lange Geschichte zurück. Ihre Ursprünge sind mit der Accademia dei Lincei verbunden, die 1603 als erste exklusive naturwissenschaftliche Akademie der Welt gegründet.

Das wohl bekannteste Mitglied der Akademie war - vom 25. August 1610 an - Galileo Galilei. Nach dem Tod ihres Gründers, Federico Cesi, nahm die Akademie an Bedeutung ab, wurde 1840 sogar geschlossen und von Papst Pius IX im Jahr 1847 als Accademia dei Nuovi Lincei neu gegründet. Nach einer 1870 erfolgten Spaltung in eine italienische und eine päpstliche Akademie erhielt letztere dann unter Pius XI. den Namen Päpstliche Akademie der Wissenschaften.

Hauptsitz ist die prestigeträchtige Casina Pio IV, die 1561 als Sommerresidenz von Papst Pius IV. in den Vatikanischen Gärten errichtet wurde und auch als Symbol für die Internationalität der Akademiker gilt. Circa achtzig Männer und Frauen aus aller Welt wurden vom Heiligen Vater aufgrund ihrer wissenschaftlichen Verdienste dafür ernannt.

Die Besonderheit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften liegt in ihrer Unabhängigkeit. Ihre Arbeit wird nur durch die Statuten geregelt, um "den Fortschritt der mathematischen, physikalischen und naturwissenschaftlichen Wissenschaften und ihrer zugehörigen epistemologische Probleme zu fördern."

Die erste Begegnung Johannes Pauls II. mit der Akademie geht auf den 10. November 1979 zurück. Der Anlass war ein besonderer: der Gedenktag der Geburt von Albert Einstein. Der Papst betonte sofort die Vorteile der Wissenschaft und auch die Risiken einer Wissenschaft, die zu sehr auf sich selbst vertraut.

"Die reine Wissenschaft ist ein Gut, das wert ist, sehr geliebt zu werden, denn es sie ist Erkenntnis und somit Perfektion für den Menschen in seiner Intelligenz: sie muss um ihrer selbst willen - als integraler Bestandteil der Kultur - geehrt werden, noch vor ihren technischen Anwendungen. Die fundamentale Wissenschaft ist eine universelles Gut, welches jedes Volk in absoluter Freiheit von jeglicher Art der internationalen Knechtschaft oder des intellektuellen Kolonialismus pflegen muss."

"Aber es gibt ein Risiko, wie ich leider in meiner Enzyklika Redemptor Hominis bereits gesagt habe: ´Der Mensch von heute scheint immer wieder von dem bedroht zu sein, was er selbst produziert (…) Hieraus scheint das wichtigste Kapitel des Dramas der heutigen menschlichen Existenz in seiner breitesten und universellen Dimension zu bestehen´ (Nr. 15). Der Mensch muss aus diesem Drama siegreich hervorgehen, das droht, eine Tragödie zu werden, und muss seine wahre Königswürde über die Welt und die vollständige Herrschaft über die Dinge, die er produziert wiederfinden."
Der Papst sieht den Weg, den man einschlagen muss, im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils: "So wie Religion Religionsfreiheit erfordert, beansprucht die Wissenschaft zu Recht die Freiheit der Forschung. Das Zweite Vatikanische Konzil anerkennt, nachdem es mit dem Ersten Vatikanischen Konzil die berechtigte Freiheit der Künste und menschlichen Wissenschaften bekräftigt, die in ihrem Bereich ihre eigenen Grundsätze und ihre eigene Methode gebrauchen, feierlich ´die rechtmäßige Eigengesetzlichkeit der Kultur und vor allem der Wissenschaften´
 ( Gaudium et Spes, Nr. 59).

Anlässlich dieses feierlichen Gedenkens an Einstein möchte ich die Aussagen des Konzils zur Autonomie der Wissenschaft in ihrer Funktion, die Wahrheit zu suchen, die mit dem Finger Gottes in die Schöpfung geschrieben wurde, erneut bekräftigen."

Der vorgezeichnete Weg ist klar. Und die Aufgabe, die der Papst der Akademie anvertraut, ist großartig: Den Fall Galileo Galilei im Lichte der erneuerten Beziehung zwischen Wissenschaft und Glauben zu prüfen. Eine historische Aufgabe.

Der Konzil dient erneut als Richtschnur: "Das Bekenntnis Galileos von der göttlichen Erleuchtung im Geist des Wissenschaftlers findet sich bereits in der genannten Konstitution des Konzils über die Kirche in der Welt von heute wieder: ´Wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Wirklichkeit zu erforschen versucht, wird, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt und sie in sein Eigensein einsetzt.´ (Gaudium et Spes, Nr. 36). Die Demut, auf die der Konzilstext hinweist, ist eine Tugend des Geistes, die sowohl für die wissenschaftliche Forschung als auch für die Zustimmung zum Glauben notwendig ist. Die Demut schafft ein förderliches Klima für den Dialog zwischen dem Gläubigen und dem Wissenschaftler und verweist auf die Erleuchtung durch Gott, der demjenigen, der demütig die Wahrheit sucht, schon bekannt und noch unbekannt ist und trotzdem geliebt wird – sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall."

1992 folgte dann eine historische Erklärung zum Fall Galileo Galilei. Am 31. Oktober empfing der Papst von den Akademikern den Abschlusstext der Studienkommission zum ptolemäisch-kopernikanischen Streit.

Anlässliche der Vollversammlung der Akademie der Wissenschaften erklärte der Papst, dass es "bei der Auseinandersetzung, in deren Mittelpunkt Galilei stand, um eine doppelte Frage ging. Die erste betrifft das Verstehen und die Hermeneutik der Bibel." Mit Verweis auf die Problemen, vor denen die Theologen jener Zeit standen, erläuterte er: "Wenn eine neue Form des Studiums der Naturerscheinungen auftaucht, wird eine Klärung des Ganzen der Disziplinen des Wissens nötig. Sie nötigt sie zur besseren Abgrenzung ihres eigenen Bereiches, ihrer Zugangsweise und ihrer Methoden, wie auch der genauen Tragweite ihrer Schlußfolgerungen. Mit anderen Worten, dieses Neue verpflichtet jede Disziplin, sich genauer ihrer eigenen Natur bewußt zu werden."

Der Papst beleuchtet aber auch einen zweiten, pastoralen Aspekt. "Kraft der ihr eigenen Sendung hat die Kirche die Pflicht, auf die pastoralen Auswirkungen ihrer Predigt zu achten. Vor allem muß klar sein: Diese Predigt muß der Wahrheit entsprechen. Zugleich muß man es verstehen, eine neue wissenschaftliche Tatsache zu berücksichtigen, wenn sie der Wahrheit des Glaubens zu widersprechen scheint."

Der Papst stellt gegen Ende dieser denkwürdigen Ansprache eine Schlussfolgerung an: "Der Irrtum der Theologen von damals bestand dagegen am Festhalten an der Zentralstellung der Erde in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert. Doch wir müssen uns hier an das berühmte Wort erinnern, das dem Baronius zugeschrieben wird: ´Der Heilige Geist wollte uns zeigen, wie wir in den Himmel kommen, nicht wie der Himmel im einzelnen aussieht.´ Tatsächlich beschäftigt sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird. Es gibt also zwei Bereiche des Wissens. Der eine hat seine Quelle in der Offenbarung, der andere aber kann von der Vernunft mit ihren eigenen Kräften entdeckt werden. Zum letzteren Bereich gehören die experimentellen Wissenschaften und die Philosophie. Die Unterscheidung der beiden Wissensbereiche darf aber nicht als Gegensatz verstanden werden. Beide Bereiche sind vielmehr einander durchaus nicht fremd, sie besitzen vielmehr Begegnungspunkte. Dabei gestattet die Methode eines jeden Bereiches, unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit herauszustellen."

Johannes Paul II schließt: "Für die Menschheit gibt es eine doppelte Form der Entwicklung. Die erste umfaßt die Kultur, die wissenschaftliche Forschung und Technik oder alles das, was zum Horizont des Menschen und der Schöpfung gehört und sich mit eindrucksvoller Schnelligkeit entwickelt. Wenn diese Entwicklung aber dem Menschen nicht rein äußerlich bleiben soll, muß notwendig das Bewußtsein und seine Anwendung entwickelt werden. Die zweite Weise der Entwicklung betrifft alles Tiefere im Menschen, insofern er, die Welt und sich selbst überschreitend, sich dem zuwendet, der der Schöpfer von allem ist. Nur dieser Weg nach oben kann am Ende dem Sein und Tun des Menschen einen Sinn geben, weil er ihn mit seinem Ursprung und Ziel in Verbindung bringt. Auf diesem doppelten horizontalen und vertikalen Weg verwirklicht sich der Mensch voll als geistiges Wesen und homo sapiens."

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