Der „Mafia-Skandal" um Kardinal Danneels und die Verschwörungstheorie um zwei Päpste

Die Behauptung, die Reform-Gruppe „Sankt Gallen" mit Kardinälen Danneels, Kasper und Lehmann hätte Papst Benedikt XVI „gestürzt" ist haltlos

Nur ein Luftschloss? Nach dem Ort Sankt Gallen, dessen berühmte Kirche hier Bodenhaftung verliert, hatte sich die Reformgruppe mit Kardinälen Martini, Danneels, Kasper und Lehmann benannt, heißt es.
Foto: CC Pascal Vuylsteker via Flickr
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Sogar die Bild-Zeitung machte damit Schlagzeilen: „Kasper und Lehmann: Deutsche Kardinäle in ‘Mafia-Skandal’ verstrickt?” So die Überschrift des Boulevardblattes. Im Artikel steht zu lesen, was auch andere Medien berichteten: Der ehemalige Bischof von Brüssel, Kardinal Godfried Danneels, habe selber damit angegeben, Mitglied eines „Mafia-Klubs Sankt Gallen” gewesen zu sein. Mitglieder seien auch die deutschen Kardinäle Walter Kasper und Karl Lehmann gewesen.

Die Agenda der Gruppe: Radikale Reformen in der Kirche zu erreichen; und angeblich der Sturz von Papst Benedikt XVI. und die Wahl von Papst Franziskus – das behaupten zumindest einige Medien. Eine Verschwörungstheorie, die an Dan Browns Romane erinnert. Tatsächlich wurde behauptet, der Rücktritt von Benedikt XVI. und die Wahl von Papst Franziskus seien auf das Wirken dieser Lobby „progressiver“ Kardinäle zurückzuführen. Nicht selten wurde dann auch noch darauf hingewiesen, dass sowohl Kardinal Danneels als auch Kardinal Kasper von Papst Franziskus speziell eingeladen wurden, an der Familiensynode teilzunehmen.

Doch wie der Autor und Journalist Phil Lawler in einem Artikel für „Catholic Culture” schreibt, sind solche Verschwörungstheorien nach Prüfung der Tatsachen nicht haltbar und faktisch widerlegt.

Phil Lawler, Herausgeber von Catholic World News (CWN) und Verfasser mehrerer Fachbücher über religiöse und politische Themen, schreibt auf der Catholic Culture Webseite, dass die Verschwörungstheorie ihren Ursprung in der neu erschienenen Biographie über Kardinal Danneels hätte. Der emeritierte Erzbischof ist aus mehreren Gründen eine umstrittene Figur; nicht zuletzt, weil er Kritikern zufolge versuchte, ein Missbrauchsopfer zum Schweigen zu überreden, um den Täter, einen anderen Bischof, zu schützen. In der Biografie nun wird nicht von der Gruppe „progressiver“ Kardinälen erzählt, die „mit dem Einfluss des damaligen Kardinal Joseph Ratzinger im Vatikan unzufrieden” waren.

Das Buch beschreibt die „Gruppe Sankt Gallen“ – so genannt nach dem Ort, wo sich die Kardinäle trafen. Zur Gruppe gehörten neben Danneels der verstorbene Kardinal Carlo Maria Martini, Erzbischof von Mailand, sowie die Kardinäle Achille Silvestrini, Cormac Murphy-O’Connor, Karl Lehmann und Walter Kasper. Bei der Vorstellung eben des Buches bezeichnete der belgische Kardinal diese Gruppe als einen „Mafia-Klub”.

„Nun, das Wissen um eine Verschwörung der Kardinäle mit dem Zweck, die Politik des Vatikans zu beeinflussen, wäre wenig erbaulich. Gut informierten Lesern würde ein Blick auf die Namen reichen, um sich möglicherweise um den Einfluss der Kardinäle Sorgen zu machen. Man kann es aber nicht als Verschwörung bezeichnen, wenn einige Bischöfe sich versammeln, um über kirchliche Angelegenheiten zu diskutieren“, betont Phil Lawler.

Der Autor Lawler weist darauf hin, dass die Verfasser der Biografie ursprünglich noch weiter gegangen seien. Sie hätten gegenüber einer französischen Zeitung behauptet, dass die Gruppe Sankt Gallen beim Konklave von 2005 aktiven Widerstand gegen Kardinal Ratzinger geleistet und Kardinal Bergoglio gefördert habe.“

„Würde es stimmen, dass die Kardinäle während des Konklaves aktiv eine Lobby gebildet hätten, wäre diese Haltung zweifellos ein Skandal gewesen, ein eindeutiger Verstoß gegen das Kirchenrecht. Für dieses Vergehen hatte der heilige Johannes Paul II. die Exkommunikation vorgesehen”, bemerkt Lawler.

Aber sobald die Verschwörungstheorie öffentliches Aufsehen erregte, gaben die Verfasser der Danneels-Biografie an, „dass sie missverstanden worden waren”. Sie änderten ihre Darstellung der Fakten und versicherten nun, dass „während des Konklaves von 2005 die Gruppe von Sankt Gallen nicht als aktive Lobby aufgetreten war, und dass sie kurz nach der Wahl von Benedikt XVI. ihre Treffen einstellten“.

„Sollten wird diese Korrektur für bare Münze nehmen?”, fragte Lawler.

Der Fachmann wies darauf hin, dass das Buch eine autorisierte Biographie war, und dass Danneels aktiv an der Werbeaktion für die Buchvorstellung mitgewirkt hatte. „Es erscheint daher unwahrscheinlich, dass sich die Autoren hinsichtlich der Natur dieser Treffen von Sankt Gallen gänzlich getäuscht hatten. Als der Kardinal über einen ‚Mafia-Klub‘ sprach – auch wenn der Satz möglicherweise leichtfertig gebraucht wurde –, riefen diese Worte Gedanken an eine geheime Intrige hervor”.

„Es ist daher nicht unangemessen zu vermuten“, führt Lawler vorsichtig fort, „dass die Verfasser des Buches zu ehrlich gewesen sind, wie es viele konservative Fachleute auch vermuteten”. Als sie aber sahen, welches Ausmaß der Skandal angenommen hatte, „waren sie bereit, Verwirrung zu stiften, um den Schaden zu beheben.“

 

Überzeugende Gründe, dass die Theorie nicht stimmt

 

Abgesehen von einer möglichen Werbetaktik sieht Lawler weitere „überzeugende Gründe“, um eine Verschwörungstheorie zu verwerfen.

An erster Stelle führt er an, dass die Biografen von Danneels einen „klaren Werbeanreiz hatten, die Macht der Gruppe von Sankt Gallen zu übertreiben.“ „Die Geschichte einer geheimen Gruppe würde sich höchst wahrscheinlich besser verkaufen als das Leben eines emeritierten Kardinals.“

Außerdem: „Wenn die Gruppe von Sankt Gallen sich wirklich bemüht hätte, das Konklave von 2005 zu kontrollieren, wäre sie darin vollkommen gescheitert.“ Denn fast unmittelbar danach wählte das Konklave als Kardinal Ratzinger zum Papst, „den Mann, dessen Einfluss die Gruppe angeblich zu stoppen versuchte“.

Kardinal Martini wurde allgemein als der Anführer der liberalen Gruppe angesehen, die eine Alternative zum Kardinal Ratzinger gesucht haben könnte. Allerdings wissen Vatikan-Insider, dass Martini seinen Jesuiten-Mitbruder Kardinal Bergoglio nicht wohlgesonnen war, und dass er seine Wahl nicht unterstützt hätte”, so Lawler weiter.

Die Gruppe von Sankt Gallen stellte ihre Treffen 2006 ein, so dass sie „beim Konklave von 2013, als Franziskus gewählt wurde, keinen Einfluss mehr ausüben konnte.“ Dazu kommt, dass „Kardinal Martini zu dieser Zeit bereits verstorben war, und dass andere Mitglieder der Gruppe – die Kardinäle Silvestrini und Murphy-O’Connor –zu alt waren, um am Konklave teilzunehmen“.

„In den Tagen vor dem Konklave von 2013 erwartete fast niemand die Wahl von Kardinal Bergoglio“. In dieser Hinsicht, fügt Lawer hinzu, „wenn eine Gruppe Kardinäle seit Jahren daran gearbeitet hätte, Begeisterung für seinen Kandidaten zu wecken, dann wären sie äußerst ungeschickt gewesen.“

Lawler wies zudem darauf hin, dass „eine Biografie über Kardinal Danneels leider geeignet ist, einen Skandal auszulösen“, auch aufgrund seiner Unterstützung der „staatlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und seines Ratschlags an König Baudoin, ein Gesetz zur Erlaubnis der legalen Abtreibung zu unterschreiben”.

„Angesichts dieser Hintergründe ist erstaunlich, dass Papst Franziskus ihn als Teilnehmer der Synode in Oktober gewählt hat. Aber zu behaupten, dass der Kardinal ein erfolgreicher Verschwörer sei, das hieße, einen Sprung über die Beweise hinaus zu machen“, so der Experte.