Die Welt soll Jesus sehen! Ein Kommentar über die Kirche als Antlitz Christi in der Welt

Der Petersdom.
Foto: Vassilis738 via Pixabay

Wer Jesus nicht kennt, weiß nicht, wer Gott ist. Er ist die Offenbarung des großen Geheimnisses, dem sich der Verstand zwar zu nähern vermag, um zu erkennen, dass es Gott gibt, aber  doch nie in dieses Mysterium eintreten kann, es sei denn durch den Glauben.

Jesus sagt uns, wer Gott wirklich ist; besser ausgedrückt, er zeigt uns, wer er ist: der Mensch gewordene Sohn Gottes ist selbst die Offenbarung Gottes, das vollkommene Bild des Vaters, die Ikone des Ewigen. Je inniger wir daher sein Antlitz betrachten, je tiefer wir Jesus in die Augen blicken und je aufmerksamer wir ihn anschauen, umso deutlicher erkennen wir, wer Gott ist. Wer gläubig auf Jesus schaut, erkennt das innerste Wesen Gottes, das der heilige Johannes in einem Satz zusammenfaßt: "Gott ist die Liebe!"

Wenn die vielen ein Leib werden

Wer die Petersbasilika besucht, der betritt gleichsam eine zu Stein gewordene Katechese, eine die Jahrhunderte überdauernde in Marmor gemeißelte Predigt, eine von der Kunst geformte Lehre über das Christentum und die Geheimnisse seines Glaubens. Wer ist nicht schon staunend unter der gewaltigen Kuppel des Petersdomes gestanden und hat dabei geahnt, wie groß die aus lebendigen Steinen geformte Kirche Christi ist?

Es gibt eine Besonderheit in der Basilika, die oft übersehen wird und selbst dem aufmerksamen Betrachter entgeht. Über keinem der Altäre befindet sich ein gemaltes Bild; stets handelt es sich um Mosaike, und erst, wenn man nur wenige Schritte davorsteht, erkennt man, daß diese Kunstwerke nicht mit Pinselstrichen, sondern aus unzähligen bunten Steinchen geschaffen worden sind.

Das ist das Geheimnis der Kirche, des mystischen Leibes Christi: Aus unzähligen lebendigen Steinen formt der Herr das Bild seines Antlitzes. Jeder ist gerufen und jeder nimmt einen wichtigen, unersetzbaren Platz in diesem Kunstwerk ein. Ja, Jesus ist in der Tat der göttliche Künstler, der jeden Menschen diesem großartigen Bild eingliedern will, das durch die Jahrhunderte wächst und immer deutlicher Christus zeigen soll, damit die Welt erkennt und glaubt. Und jeder hat in diesem Bild seinen, unverwechselbaren Platz: Ob alt oder jung, ob schwarz oder weiß, ob Priester oder Laie, ob Mann und Frau – wie ein Mosaik aus vielen Steinen zusammengesetzt ist und doch nur ein Bild darstellt – so formen die unterschiedlichsten Menschen die eine Kirche – in der einen Liebe, in der einen Wahrheit. Ja, in Christus werden die vielen eins, ohne ihre Individualität aufzugeben. So ist die Kirche in ihrer Katholizität und Universalität, in der Vielzahl der in ihr beheimateten Berufungen lebendige Ikone, des einen Gottes in drei Personen. Wer die Kirche sieht, sieht den geheimnisvollen Leib Christi. Und wer Christus sieht, sieht den Vater, schaut schon auf Erden das große Geheimnis: Gott ist die Liebe!

Ohne Schnitt und Schliff bleibt selbst ein Diamant ohne Glanz

Unsere Berufung ist es, uns Christus ganz zur Verfügung zu stellen, uns von ihm, dem göttlichen Künstler formen und umgestalten zu lassen. Oft sind wir ja grobe, harte und kantige Steine. Wir müssen "bearbeitet", ja geschlagen und geschnitten werden, um uns an den von Gott gewollten Platz einfügen zu lassen. Der Meister greift immer wieder zum Werkzeug des Kreuzes, um uns so zu formen, wie es das Beste ist. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir goldene Mosaiksteinchen im Zentrum des Bildes oder dunkle Punkte am Rande sind, ob wir reich oder arm, gesund oder krank, in der Kirche Lehrende oder Hörende sind. Jeder ist wichtig, ja unersetzbar für das ganze Bild, das Christus, der Welt zeigen soll. Es geht nicht nur darum, dass wir aktiv unsere Berufung leben – freilich auch das! – sondern dass wir uns "bearbeiten" lassen, selbst wenn nicht der Meister in Person, sondern seine Lehrlinge zum Werkzeug greifen.

Der heilige Johannes vom Kreuz, den seine Mitbrüder geschlagen und eingekerkert haben, soll gesagt haben, dass man nicht heilig werde, wenn man für die Kirche arbeite und streite, sondern wenn man liebend auch unter ihr selbst leide.

Das bedeutet nicht, Unrecht gut zu nennen und Krisen schön zu reden, sondern darauf zu vertrauen, dass jeder Schlag, der mich trifft, kein sinnloses Leid bedeutet, sondern – wie aus einem Rohdiamanten – einen wertvollen, schönen Stein macht. Sich in Gottes Hand legen – jeden Tag auf’s Neue – damit auch durch mich sein lebendiges Bild, die sichtbare Kirche, wächst und immer klarere Gestalt annimmt. In dieser Haltung konnte die heilige Benedicta a Cruce (Edith Stein), auch in der sich immer mehr verfinsternden Nacht des Dritten Reichs, kindlich vertrauend beten:

"Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen leg' ich meinen Tag in Deine Hand.

Sei mein heute, sei mein morgen, sei mein gestern, das ich überwand.

Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen,

bin aus Deinem Mosaik ein Stein.

Wirst mich an die rechte Stelle legen,

Deinen Händen bette ich mich ein."

 

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