Er wollte den Kreuzweg erleben, um ihn zu malen

In diesem Jahr wurde diese außergewöhnliche „Via Crucis“ von Gaetano Previati in der Basilika St. Peter im Vatikan während der Fastenzeit ausgestellt.
Foto: Joanna Łukaszuk-Ritter
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Das Thema des Leidens Christi nimmt seit Jahrhunderten einen wichtigen Platz in der christlichen Kunst ein. Die Künstler, die die letzten Tage Christi auf Erden darstellten, versuchten, mit ihren Werken das Geheimnis seines Leidens und Sterbens am Kreuz näher zu bringen. Das Motiv der Passion ist für viele von ihnen nicht nur zu einer kreativen Herausforderung geworden, sondern zu einem Versuch, sich der eigenen Sensibilität, Emotionen und der Fähigkeit, Leiden zu stellen. 

Gaetano Previati (1852-1920), ein italienischer Maler aus Ferrara, Vertreter der Strömung des italienischen Divisionismus, wollte den Kreuzweg erst erleben, um ihn danach zu malen. Als er 1901 mit der Arbeit an seiner besonderen „Via Crucis“ begann, war er 49 Jahre alt. Er kaufte vierzehn großformatige Leinwände und ein großes, massives Holzkreuz, das ihn bei der Entstehung des Werks begleitete. Zehn Monate lang, eingesperrt in seinem Mailänder Atelier und in Meditation versunken, kämpfte er mit dem Thema des Leidens Christi. Immer wenn er seine Inspiration verlor, nahm er ein schweres Kreuz auf seine Schultern, um sein Gewicht zu fühlen, und versuchte auf diese Weise, das Geheimnis und die Leiden Jesu zu verstehen. So entstand ein bewegendes Werk, geboren aus tiefer Kontemplation, das die Frucht des Glaubens des italienischen Künstlers ist. 

Im Vordergrund aller vierzehn Stationen des Kreuzweges zeigt Previati den Schmerz durch die großartige Gestalt des Heilands, die das Bild gleichsam erfüllt. Die dominierende Farbe ist das tiefe Rot des Gewandes Christi, das das Blut Jesu symbolisiert, das er für uns am Kreuz vergossen hat. 

 

Ein wichtiges Element ist das Licht. Previati verwendet starke Kontraste – der Himmel, der vom Schein eines hellen Sonnenuntergangs verdeckt wird, begleitet den Eingang zum Kalvarienberg und trifft auf die im Hintergrund gezeigten Gestalten, die sich um Jesus drängen. Die Intention des Künstlers war es, Station für Station die gesamte Passion in einer Sequenz zu zeigen, die durch den Rhythmus des Fallens und Aufstehens Christi und die Betonung der roten Farbe seines Gewandes wie eine Filmsequenz wirkt. 

„Via Crucis“ von Previati ist ein innovatives Werk, das über Standardschemata und traditionelle Ikonographie hinausgeht, gleichzeitig sehr religiös ist und das Gebet durch Kunst unterstützen soll. 

Previati verwirklichte seine „Passion“ ohne einen bestimmten Auftrag und einen bestimmten Zweck, als wäre er von einem inneren Bedürfnis getrieben, einem persönlichen Wunsch, seiner spirituellen Suche Ausdruck zu verleihen. Interessant ist, dass er es zum ersten Mal direkt nach Abschluss der Arbeiten, sozusagen noch „frisch“, auf der Turiner Quadriennale 1902 ausstellte, also nicht an einem sakralen Ort. 

Bereits zu Lebzeiten des Künstlers wurde „Via Crucis“ in verschiedenen Ausstellungen in Italien und im Ausland präsentiert. Nach Previatis Tod im Jahr 1920 befand sich die „Passion“ in Privatbesitz und es wurden mehrere Versuche unternommen, es in Basiliken und Kathedralen zu präsentieren. Letztendlich wurde es 1969 an Papst Paul VI. übergeben. Seitdem ist es Teil der Sammlung zeitgenössischer religiöser Kunst in den Vatikanischen Museen und trägt den Namen „Vatikan Via Crucis“. Fast 50 Jahre lang befanden sich die Gemälde in den diversen Räumen des Apostolischen Palastes und wurden erst 2018 in einer Ausstellung im Diözesanmuseum in Mailand wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die dem Maler aus Ferrara gewidmet war.

In diesem Jahr wurde diese außergewöhnliche „Via Crucis“ von Gaetano Previati in der Basilika St. Peter im Vatikan während der Fastenzeit ausgestellt. Nach einer sorgfältigen Restaurierung durch die Vatikanischen Museen erhielten die Leinwände ihre lebendigen Farben und einen neuen Glanz zurück. Es war die erste öffentliche Ausstellung dieser Arbeit in einem sakralen Raum seit ihrer Fertigstellung.

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