'Genau das erwarte ich': Ein Gespräch mit Robert Spaemann (MIT VIDEO)

Robert Spaemann: Das Foto, das ihn als Wanderer zeigt, ist das letzte, das sein Sohn Christian im September 2018 von ihm gemacht hat.
Foto: Christian Spaemann
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Im  "Jahr des Glaubens" 2013 hat Paul Badde - für den Autor Peter Seewald - mit Robert Spaemann ein Interview geführt, das hier zum ersten Mal exklusiv veröffentlicht wird. 

Herr Spaemann, was ist das eigentlich, der "Glaube"?

Das heißt, von etwas überzeugt sein aufgrund des Vertrauens auf das Wort eines anderen, der es wissen muss. Christlicher Glaube ist das Vertrauen auf das Zeugnis Jesu.

Welche Rolle spielten Ihre Eltern in dieser Beziehung?

Die entscheidende. Meine Mutter lehrte mich, ehe sie mit 32 Jahren starb, das "eine Notwendige": sie lehrte mich das Wichtige vom weniger Wichtigen zu unterscheiden. Meine früheste Kindheitserinnerung ist das Wohlbehagen eines Dreijährigen, der auf dem Schoß seiner Mutter liegend aufwacht beim Psalmodieren der Mönche in der Benediktinerabtei St. Josef in Gerleve, wo meine Eltern in die Kirche aufgenommen worden waren.

Die beiden waren nicht katholisch?

Nein, sie konvertierten. Meine Mutter war eine aus dem Schwäbischen stammende Tänzerin, die der Truppe von Mary Wigman angehörte, ehe sie sich selbständig machte. In Berlin lernte sie meinen Vater kennen, einen Dichter und Bauhaus-Schüler, obendrein Mitarbeiter der legendären "Sozialistischen Monatshefte". Die Wende in ihrem Leben kam mit einem Blutsturz. Dies war, unter anderem, der Beginn einer gänzlichen Neuorientierung. Mit meinem Vater, der erst im hohen Alter starb, war die Kommunikation nicht immer konfliktfrei. Mein Widerspruchsgeist und seine eher künstlerische Natur – mit einer Neigung zu prophetisch-apodiktischer Rede – haben die tiefe Übereinstimmung in Fragen des Glaubens aber nie zerstört.

Was haben Sie mitgenommen von ihm?

Seine Weise, die Heilige Schrift zu lesen, war für mich immer vorbildlich. Außerdem war er ein großer Marienverehrer. "Maria ist die liebste Frau", waren seine letzten Worte zu mir. Ich muss dazusagen, dass mein Vater sich Jahre nach dem Tod meiner Mutter entschlossen hatte, Priester zu werden. Er war 1942 vom Bischof von Münster, Graf Galen, einem mutigen Nazigegner, geweiht worden.

Sie selbst, meinten Sie einmal, wären gerne Gärtner geworden.

Der dunkelste Augenblick meines Lebens war die Nachricht vom gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Damit hieß es, alle Hoffnungen auf die Befreiung von diesem Reich des Bösen fallen lassen. In der Universität, mit NS-Studentenbund, wäre für mich kein Platz gewesen. Und Gärtner, überlegte ich, braucht man immer. Mein Vater nahm mich damals beiseite und schlug vor, die Bibel auf gut Glück aufzuschlagen, was er sonst nie tat. Ich tippte dann blind auf einen Vers. Und da – Kap. 16, Vers 20 Römerbrief – stand: "Der Gott des Friedens wird den Satan in Bälde unter euren Füßen zertreten." Ich glaubte dem Orakel nur zu gerne. Zwei Tage vor dem Fahneneid auf den "Führer" setzte ich mich am Abend einige Stunden lang nur mit einem Hemd bekleidet ins Freie und ließ mich vom Schneeregen bis auf die Knochen durchnässen. Die Vereidigung fand dann ohne mich statt.

Ihre Frau war Jüdin, Sie haben sie in Dorsten kennengelernt.

Sie war damals in der Nachbarschaft meines Vaters in einem Ursulinen-Kloster untergetaucht, bei einer konvertierten Tante, weil der Boden in Berlin für sie zu heiß war. Sie war Halbjüdin von Geburt, weil sie eine jüdische Mutter hatte, doch dem jüdischen und jedem Glauben ganz fern. Ich habe ihr Konvertiten-Unterricht gegeben. Später war sie mir in ihrer vollständigen geistlichen Unbestechlichkeit immer ein Maßstab für das Wichtige und das Unwichtige. Sie war katholisch geworden nicht aus Sympathie für die katholische Kirche, sondern weil sie an die apostolische Sukzession glaubte, also die ungebrochene und authentische Nachfolge aller Bischöfe auf die zwölf Apostel, die – bis auf Matthias – alle von Jesus Christus selbst auserwählt wurden. Später verteidigte sie vehement gerade das spezifisch Katholische, so die alte Messe. Sie war sozusagen eine fromme Anarchistin, nachdem sie die Verfolgung als Halbjüdin überstanden hatte.

Mit Ihrer Frau und Ihren drei Kindern waren sie einmal, an Fronleichnam, bei Heinrich Böll eingeladen.

Als wir ankamen stand am Eingang schon Kriminalpolizei. Das Haus war umstellt von Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag. Böll hatte im Spiegel einen Artikel veröffentlicht: "Freies Geleit für Ulrike Meinhof", was ihn in den Verdacht brachte, mit den Terroristen zu sympathisieren. Und offenbar hielt man meine Frau und mich nun für Baader-Meinhof. Ich hatte Ulrike Meinhof als Assistent an der Uni Münster mehrfach Mahnbriefe schreiben müssen wegen entliehener Bücher, die sie nicht zurückbrachte. Die Situation entspannte sich erst, als zwei Polizisten bei unseren Kindern Zuhause nachfragten, wo ihre Eltern seien und die Antwort bekamen: "Bei Bölls in der Eifel."

Sie haben sich stets in die gesellschaftliche Debatte eingemischt, etwa auch mit der Ablehnung der Atomenergie.

Rousseau schreibt einmal: "Ich würde mir nicht anmaßen, Menschen belehren zu wollen, wenn ich nicht beobachtete, wie andere sie irreführen." Das gilt auch für mich. Ich würde lieber nur schöne Dinge tun und zum Beispiel die Last des Schreibens vermeiden. Aber wenn die Provokation stark genug ist, meldet sich bei mir unwillkürlich Widerspruch.

Für Ihr geistliches Leben ist Liturgie besonders wichtig, warum?

Das alltägliche Leben der Christen soll Gottesdienst sein. Aber damit es das sein kann, muss es eine ausgegrenzte Zeit und einen ausgegrenzten Raum geben, wo Gottesdienst nichts als Gottesdienst ist. Im Übrigen zweckfrei. So wie das Schöne zweckfrei ist. In der "göttlichen Liturgie", wie die Ostkirche sie nennt, tauchen wir ein in die göttliche Welt in ritueller Gestalt.

Was würden Sie in der Erziehung Ihrer Kinder heute anders machen?

Ich weiß es nicht. Man ist so, wie man ist. Und wie man ist, das ist ohnehin das einzige, was bei der Erziehung wirklich zählt. Es ist darum schwer zu sagen, was man anders gemacht hätte. Meine Kinder sind Gott sei Dank praktizierende katholische Christen geblieben oder wieder geworden. Aber das Klima in unserem Haus war doch stark von moderner Intellektualität geprägt. Und ich beobachte, dass Familien wirkungsvoller den Glauben weiter geben können, wenn sie stärker verwurzelt sind in einem eher schlichteren, eher volkstümlichen Glaubensleben. Das Wichtigste, das es hier weiterzugeben gibt, ist letztlich die Liebe zu Jesus und zu seiner Mutter.

Was erwarten Sie in der Stunde des Todes?

Dass mir das Geschenk des Glaubens nicht abhanden kommt, wenn ich es am meisten brauche. "Was gewährt dir der Glaube?", fragt der Priester vor der Taufe. Die Antwort lautet: "Das ewige Leben." Genau das erwarte ich. 

Das Video des Interviews von EWTN-Romkorrespondent Paul Badde mit Robert Spaemann sehen Sie hier.

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