Jakarta-Attentat: IS ist in Indonesien angekommen – Indonesischer Pater erzählt

Interview mit dem Steyler Missionar Pater Markus Solo über den Anschlag von Jakarta und die Rolle des Christentums im größten muslimischen Land der Welt

Einsatz im zweitgrößten Ballungsraum der Welt: Der Terror-Anschlag in Jakarta am heutigen 14. Januar 2016
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Mindestens sieben Tote, darunter ein Polizist, sowie eine unbekannte Zahl Verwundeter: Das ist die bisherige, blutige Bilanz des Terror-Anschlags von Jakarta heute. Augenzeugen berichten von mehrereren Explosionen und Schusswechseln in der Innenstadt der Millionen-Metropole auf Java.

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Wie dieser Anschlag einzuschätzen ist, und was er für die Christen im Land bedeutet: Darüber sprach CNA mit dem indonesischen Pater Markus Solo. Der Steyler Missionar interessiert sich für den interreligiösen Dialog. Er lebt in Rom.

CNA: Pater Solo, Sie sind Indonesier und verfolgen die Entwicklung in Ihrem Heimatland sehr genau. Wie bewerten Sie diesen neuen Anschlag?

SOLO: Der neue Anschlag von heute – die Sarinah-Bomben – hat bei mir Entsetzen ausgelöst. Meine Befürchtung, dass so etwas wie in Paris oder Istanbul in meiner Heimat jederzeit passieren könnte, ist nun wahr geworden. Unsere Heimat ist in den letzen Jahren immer wieder der Schauplatz terroristischer Handlungen geworden. Früher waren Al Kaida und Jemaatul Islamiyyat die Täter. Dank der stärkeren Präsenz sowie der strengeren Sicherheits- und Geheimdienstarbeit der Regierung wurden verschiedene Terrorzellen frühzeitig zerstört und Terrorplanungen gestoppt. Ich muss unsere Sicherheitskräfte und Geheimdienstarbeit für ihre tolle Leistung loben.

CNA: Dennoch kam es nun zu einem neuen Anschlag.

SOLO: Ja. Das Problem, das leider immer noch existiert, ist, dass sich Gruppen religiös motivierte Radikaler frei bilden können, und problemlos existieren. Diese Gruppen agieren wie eine Art “Moralpolizei”: Sie zerstören Gebetshäuser, verfolgen und töten die “Andersgläubigen”, kontrollieren Vergnügungs- und Unterhaltungsorte, und so weiter.

CNA: Diese Gruppen sind nicht verboten?

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SOLO: Genau. Die legale Existenz solcher eigentlich krimineller Vereinigungen mit religiösem Charakter wiederum schaffen Raum für neue Gruppen und Anhänger des Islamischen Staates. In einigen Teilen Indonesiens wehen IS-Fahnen. Die Sicherheitskräfte reagieren nur, wenn es Hinweise auf Terrorakte oder Gewaltdelikte gibt; es fehlen Disziplinarverfahren. Solange solche Gruppen scheinbar friedlich existieren, hat der Staat keine Handhabe, sie anzugreifen, denn die Verfassung Indonesiens erlaubt die Bildung dieser Organisationen und Gruppen, solange diese die Staatssicherheit nicht gefährden. So die Argumentation.

CNA: Aber der IS selber gilt nicht als “friedliche Organisation”, oder?

SOLO: Es ist im ganzen Land bekannt, dass sich viele junge Muslime radikalisiert haben und für den IS in Syrien und Irak kämpfen. Sie sind in einigen Videos aufgetaucht und haben ihre Glaubenbrüder in unserem Land aufgefordert, sie in ihrer Mission zu unterstützen. Mittlerweile hat sich der IS für den heutigen Anschlag verantwortlich erklärt. Sie haben ihre Drohung damit wahrgemacht, die sie vor wenigen Tagen skurril und undeutlich hinter dem Wort “ein grosses und weltberühmtes Konzert in Jakarta” verschleiert haben. Die indonesische Polizei hat Entsprechendes geahnt und die Bevökerung vor den Anschlägen gewarnt. Es hätte noch mehr Opfer geben können, denn das Ganze ist in einem sehr belebten Viertel der Metropole passiert.

CNA: Die Behörden haben Schlimmeres verhindert?

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SOLO: So sehe ich das, ja. Der leitende Polizeidirektor in Jakarta hat mittlerweile auch einen konkreten Namen erwähnt, der dem IS sehr nahe steht und anscheinend starke Ambitionen hat, die Führungsposition der Organisation des IS im im südost-asiatischen Raum zu übernehmen. Nun konkurrieren mehrere einflussreiche Anhänger in der Region um die Führungsposition.

CNA: Wie hat die Kirche in Jakarta reagiert?

SOLO: Heute, nur wenigen Minuten nach dem Anschlag, publizierte das katholische Forum der Erzdiözese Jakarta eine Stellungnahme zum Ereignis in vier Punkten. Sie drückt ihr tiefes Beilied und Mitgefühl mit den Opfern und Leidenden aufgrund des Attentats aus. Sie verurteilt aufs Schärfste das Attentat, das unschuldigen Menschen den Tod brachte. Sie apelliert an die Regierung, die Terrorverdächtigen zu fassen und  ihre Verbindungen auszuforschen. Und sie lädt Menschen anderer Religionen und Menschen guten Willens ein, Hand in Hand zu stehen und zusammenzuarbeiten, um gegen die dunkle Macht zu kämpfen, damit Friede und Hamonie möglich ist.

CNA: Wie groß ist die christliche Minderheit im Land, und wie ist ihre Situation?

SOLO: Die Christen im Allgemeinen bilden eine starke Minderheit im Land mit der grössten islamischen Bevölkerung der Welt. Muslime sind etwa 88,58 Prozent, Protestanten sind 5,79 Prozent, Katholiken sind 3,07 Prozent von etwa 250 Millionen Einwohnern. Die Christen geniessen prinzipiell ein sehr gutes Verhältnis zu der Mehrheit der Muslime. Mit einigen radikalen Gruppen haben die Christen immer Probleme, denn sie zerstören die Kirchen, verbieten Christen, in Häusern zu beten, verhindern die Genehmigung für Kirchenbau, Schulbau, und so weiter. Aber die Mehrheit der Muslime ist moderat, und die Menschen leben ihren Glauben nach der indonesischen Kultur und Gepflogenheiten, die schon immer die Werte von Einheit und Harmonie betonen

CNA: Und schrumpft die Kirche, oder wächst sie?

SOLO: Die katholische Kirche wächst stark. Sie ist auch sehr engagiert im öffentlichen Dienst und genießt Ansehen und Anerkennung. Der jetzige Präsident, Joko Widodo, hat kürzlich Weihnachten in der christlich-geprägten Region “Nusa Tenggara Timur” gefeiert, und dadurch ein sehr starkes Signal gegeben, dass Christen ein wichtiger Bestandteil des Landes sind, dem er persönlich Respekt zollt. Selbst der Posten des Governeurs von Jakarta ist zum ersten Mal in seiner 70-jährigen Geschichte seit der Unabhängikeit von einem Protestanten besetzt. Seine Präsenz wurde und wird immer wieder von muslimischen Radikalen angegriffen, aber viele moderate Muslime stehen hinter ihm.

CNA: Was erhoffen Sie sich nun für Ihre Heimat?

SOLO: Es ist zu hoffen, dass die Regierung weiterhin souverän, stark und klar bleibt, um die Macht der Radikalen unter Kontrolle zu halten. Wissen Sie, es ist immer das gleiche, wie überall: Wenn eine Regierung versagt, dann übernehmen die Rebellen und religiöse Extremisten das Ruder; denn sie behaupten, sie hätten die Lösung. Das wird in Indonesien hoffentlich nicht passieren.