Evangelisierung, Zeugnis, Freude: Exklusives Interview mit Erzbischof Georg Gänswein

Der Präfekt des Päpstlichen Hauses im Gespräch mit Angela Ambrogetti

Erzbischof Georg Gänswein
Foto: EWTN.TV/Paul Badde
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"Durch genauere Beobachtung des Himmels mit immer schärferen optischen Instrumenten gelingt es den Astronomen ab und zu einen neuen Stern zu entdecken, der bislang unbekannt war. Auch am Himmel der göttlichen Offenbarung wird von Zeit zu Zeit ein neuer Stern entdeckt, aber nicht geschaffen."

Das scheint der Schlüssel zu diesem Buch zu sein, das eine Reihe von Konferenzen, Predigten und Interviews enthält. Um das, was vor unseren Augen ist, besser zu betrachten. Warum die Wahl dieser Texte?

Der Satz entstammt einer Predigt, die ich vor ein paar Jahren anlässlich des Festes Mariä Himmelfahrt gehalten habe. Diesen Satz als Schlüssel oder roten Faden des Buches zu verstehen oder zu interpretieren, ist eine originelle Idee; das ist möglich, aber nicht notwendig.

Der Ursprung des Buches liegt ganz einfach in der Einladung eines deutschen Verlages, einige Texte meiner "pastoralen" Aktivität der letzten Jahre zu veröffentlichen. Ich habe sie sehr gerne angenommen und dem Herausgeber eine Sammlung an Konferenzen, Predigten und Interviews geschickt. Aus dieser Sammlung hat das geschulte Auge und die Erfahrung des Verlegers jene Schriften ausgewählt, die im vorliegenden Werk veröffentlicht wurden.

In dieser Sammlung zeigt sich Ihre Idee der Kirche für die Zukunft. Kann man sie in drei Schlagworten zusammenfassen? Und können Sie sie kurz erläutern?

Achtung! Ich habe keineswegs "meine Idee von Kirche für die Zukunft" entwickelt, wie die Frage suggeriert. Die Kirche, über die ich in allen Texten spreche, ist die Kirche Christi, nicht meine persönliche Konstruktion. Es ist die Kirche, zu der wir uns im Credo bekennen: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Es ist die Kirche aller Zeiten. Wer versucht, "seine" eigene Kirche zu schaffen, befindet sich auf dem falschen Weg und wird in einer Sackgasse enden. Wenn sie drei Schlagwörter möchten – hier sind sie: Evangelisierung, Zeugnis, Freude.

Das Evangelium ändert sich nicht in Anlehnung an die Zeiten. Es wurde von Christus offenbart, um verkündet und gelebt zu werden, "opportune, importune", um es mit den Worten des heiligen Paulus zu sagen (vgl. 2 Tim 4,2). Unsere Zeit braucht mutige und überzeugende Zeugen. Das Zeugnis ist eine Quelle der Freude, einer großen und starken Freude. So wird die Kirche Zukunft haben. Ich möchte die Leser daran erinnern, diese so einfache, aber fundamentale Tatsache nicht zu vergessen. 

In Bezug darauf, wie die Christen in der Kirche der Zukunft leben sollen, sagen Sie: Wir sind menschliche Wesen und keine Schnecken. Was heißt das?

Habe ich genau das gesagt? Das ist ein bisschen provokant. Ich wollte zu verstehen geben, dass eine rein intellektuelle Kenntnis der Heiligen Schrift oder des katholischen Glaubens keinerlei Frucht bringt. Sie bleibt ein steriles Wissen, das sich nicht im persönlichen Leben "inkarniert". Den Glauben lernt man, wie man das Schwimmen lernt - nicht, indem man ein Manual liest, sondern indem man schwimmt. Der Glaube wird also Fleisch, wird eine konkrete Realität, indem man ihn lebt. Es gab einmal das Katechumenat, sprich die Zeit, in der man konkret in das Leben und die christliche Lehre eingeführt wurde. So - den Glauben lebend - ging man Schritt für Schritt vorwärts, man wuchs, man wurde stark. Man entdeckte die Schönheit der christlichen Botschaft. Der Glaube wird gelebt oder er ist tot.

Sie sagen, dass das Bild der Kirche als Volk Gottes "Vorläufigkeit" bedeute und somit die Fähigkeit, historische Strukturen der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Was heißt das?

Ich lade dazu ein, das, was ich geschrieben habe, aufmerksam zu lesen. Lassen Sie mich erklären: Der Glaube ist nicht aus den Wolken auf uns herabgefallen. Man wird nicht als Christ geboren. Man wird Christ durch das Sakrament der Taufe. Die Taufe ist - wie alle Sakramente - keine Erfindung des Menschen. Die Sakramente sind freie Geschenke des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Und es ist die "Mutter" Kirche, die uns mit den Sakramenten nährt. Die Kirche, als Braut Christi, kann nicht provisorisch sein. Elemente oder Strukturen, die sich während einer bestimmten Periode entwickelt haben, in der sie nützlich und angemessen waren, könne provisorisch sein. Wenn diese Strukturen aber nicht mehr nützlich sind, mehr noch, wenn sie beginnen, ein Hindernis, ein Ballast für den Glauben und die Kirche zu werden, dann ist es Zeit, sie hinter sich zu lassen. Der Glaube des Gottesvolkes ist lebendig und bleibt lebendig nur dann, wenn er fähig ist, in überzeugender Weise auf die konkreten Herausforderungen der Zeit, in der wir leben, zu antworten.

Sie schreiben, dass die menschliche Würde nicht davon abhängt, was ein menschliches Wesen tut, denkt oder sagt, sondern vielmehr davon, was es ist. Was also ist ein menschliches Wesen? Was bedeutet es, dass der Mensch Abbild Gottes ist? Wie beantworten Sie Ihre eigene Frage?

Diese Frage bezieht sich auf den letzten Beitrag des Buches, das heißt auf eine Konferenz, die ich im Juni 2019 vor Richtern, Anwälten und Mitarbeitern des Bundesverfassungsgerichtes in Deutschland gehalten habe. Ich war eingeladen worden, aus katholischer Perspektive auf die Frage zu antworten: Was ist die menschliche Würde?

Die Antwort ist: Menschliche Würde ist nicht etwas, das wir besitzen, wie wir ein Bein, ein Ohr oder ein anderes Organ besitzen. Der Mensch erwirbt seine Würde nicht, deshalb kann er sie auch nicht verlieren. Die menschliche Würde ist jedem Menschen schon vor Beginn der Schöpfung gegeben, mehr noch geschenkt, denn sie gründet im Willen Gottes, der den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Diese Würde empfangen alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Sprache usw..

Alle Menschen sind Geschöpfe nach dem Bild Gottes. Ein Abbild Gottes zu sein bedeutet, die Freiheit zu besitzen, Gott zu suchen, Gott zu erkenne, aber auch Ihn nicht zu suchen, Ihn sogar zu leugnen. Die menschliche Würde hängt nicht davon ab,Erzbis was jemand tut oder denkt oder sagt, sondern davon, was er ist.

Fünf Texte sind Buchpräsentationen. Hat eines davon nicht die geschuldete Aufmerksamkeit erhalten? Sollte es noch einmal gelesen werden?

Gute Frage! Sie müssten sie vielmehr den Autoren selbst oder den Verlegern stellen. Ich weiß es nicht.

Wie haben Sie Mutter Angelica kennengelernt? Und was können wir, Ihrer Meinung nach, von dieser unbezwingbaren Schwester lernen?

Ich erlaube mir, diesbezüglich auf eine Predigt zu verweisen, die ich im Vatikan im März 2019 anlässlich des dritten Todestages von Mutter Angelica gehalten habe. Dort finden Sie die Antwort. 

Angela Ambrogetti ist Chefredakteurin von ACI Stampa, der italienischen Schwesteragentur von CNA Deutsch. Übersetzt aus dem italienischen Original von Susanne Finner. Von Erzbischof Gänswein in deutscher Sprache zuletzt erschienen: "Vom 9/11 unseres Glaubens". Das Buch ist im Fe-Medienverlag erschienen und hat 216 Seiten. 

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