Krise im Libanon: "Politiker haben nicht auf Gott gehört", sagt Patriarch

Proteste in Beirut am 18. Oktober 2019
Foto: Shahen books / Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

Angesichts der andauernden Krise im Libanon hat der maronitische Kardinal Bechara Boutros Rai die Korruption, Spaltung und Gottlosigkeit der Politiker im Land verurteilt. 

"Wenn die führenden Politiker auf die Stimme Gottes gehört hätten, dann hätten sie keine öffentlichen Gelder verschwendet, die Ministerien nicht unter sich aufgeteilt und die Forderungen der Demonstranten und Streikenden nicht ignoriert."

In einer Predigt am 15. Dezember betonte der Patriarch, dass die Unzufriedenheit der Bevölkerung über sektiererische Spaltungen quer durch alle religiösen und gesellschaftlichen Gruppen gehe.

"Wenn Politiker wirklich vom göttlichen Willen inspiriert wären und beten würden, würde sich der Libanon heute nicht in einer verzweifelten wirtschaftlichen und finanziellen Situation mit gelähmten Institutionen befinden", predigte der Kardinal.

Rund ein Drittel der Libanesen lebe dank Korruption und Misswirtschaft unterhalb der Armutsgrenze, ringe mit Hunger und Not, so das Oberhaupt der Maroniten laut "Fides".

Bechara Rai ist seit 2011 Maronitischer "Patriarch von Antiochien und des ganzen Orients", und somit Oberhaupt der mit Rom unierten Syrisch-Maronitischen Kirche von Antiochien, deren Name auf den heiligen Maron von Beit zurückgeht. Heute zählt die Kirche über drei Millionen Anhänger.

In der libanesischen Politik spielen die maronitischen Patriarchen eine wichtige Rolle – vor allem als Stimme der größten christlichen Gemeinde im Land.

Hintergrund: Krise im Libanon

Tatsächlich leidet der Libanon nicht nur unter einer korrupten Elite und Klientilismus: Eine massive Staatsverschuldung, bröckelnde Infrastruktur – etwa ständige Stromausfälle und keine funktionierende Müllabfuhr  – sowie ein Mangel an Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten sind Symptome der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme des Landes, das zwischen Syrien und Israel am Mittelmeer liegt.

Bereits Ende Oktober war – nach wochenlangen Protesten – Premierminister Saad Hariri zurückgetreten. Hariri ist sunnitischer Muslim, während der Präsident Michael Aoun, ein Christ ist: Ausdruck des fragilen religiösen Gleichgewichts, dessen Erhalt eine Priorität für den multireligiösen Staat ist.

Zuverlässige Zahlen über die religiöse Verteilung der Bevölkerung gibt es nicht. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 1932 waren noch 54 Prozent der Bevölkerung Christen. Den meisten Beobachtern zufolge hat sich diese Zahl im Lauf der vergangenen Jahrzehnte jedoch verschoben. Die Zahl der Christen liegt neueren Schätzungen zufolge noch bei etwa einem Drittel der Bevölkerung. Muslime machen demnach inwzischen etwa 60 Prozent der knapp 7 Millionen Einwohner aus. 

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