Moderner Individualismus spiegelt alte Häresien wider, mahnt neues Schreiben des Vatikans

"Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt".
Foto: Pixabay / Markus53 (CC0)
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Nur Christus und seine Kirche bringen die Erlösung, nicht der Mensch sich selbst: Daran erinnert die Bischöfe der Welt ein heute veröffentlichtes Schreiben der Glaubenskongregation. Der Brief verurteilt zwei Häresien, die in der heutigen Zeit der Säkularisierung in neuer Form erscheinen – und ruft dabei zur Missionierung auf.

Jeder Mensch erfahre sich direkt oder indirekt "als Rätsel", so der Brief, und strebe nach einem Sinn im Leben. Heute drücke sich dies oft aus im Streben nach körperlicher Fitness oder Wohlstand. 

Die Neigung vieler Menschen der heutigen Zeit, sich so auf sich selbst – statt den Heiland – zu verlassen, ist jedoch falsch: Sie ist Ausdruck der uralten Häresien des Pelagianismus und Gnostizismus, warnt das von Erzbischof Luis Ladaria SJ, dem Präfekt der Glaubenskongregation, unterschriebene, gut vier Seiten lange Schreiben

Der Brief trägt den Titel Placuit Deo – zu Deutsch "Gott hat es gefallen" – und richtet sich gegen den kranken Individualismus, der sich in der irrigen Meinung zeigen kann, man könne sich selbst erlösen (Pelagianismus) oder in der Irrlehre, Geist und Körper seien voneinander getrennt, und der Verstand könne sich vom Leib abkoppeln (Gnostizismus).

"In unseren Tagen gedeiht ein Neu-Pelagianismus, gemäß dem das radikal autonome Individuum vorgibt, sich selbst zu erlösen, ohne anzuerkennen, dass es im Tiefsten seines Seins von Gott und von den anderen abhängig ist." 

Natürlich seien diese neue Formen ein Zeichen der heutigen Zeit, und so zu interpretieren, erklärt das Schreiben: "Groß ist nämlich der Unterschied zwischen dem heutigen historischen Kontext, der von der Säkularisierung geprägt ist, und der Situation der ersten christlichen Jahrhunderte, in denen diese Häresien entstanden sind".

Doch weil der Gnostizismus und der Pelagianismus in ihrer neuen Form bleibende Gefahren für ein falsches Verständnis des biblischen Glaubens darstellten, sei es eben möglich, eine "gewisse Ähnlichkeit" zu finden.

Das Schreiben zitiert vor diesem Hintergrund neben der Heiligen Schrift, den Kirchenlehrern Augustinus und Thomas, Papstdokumente von Johannes Paul II. bis Franziskus – darunter die Enzyklika Deus Caritas Est von Benedikt XVI.:

"Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt".

Wer sich davon abwendet, begibt sich in Sünde – mit entsprechenden Konsequenzen, warnt der Brief Placuit Deo die Bischöfe. 

"Der Individualismus des Neu-Pelagianismus sowie die Leibverachtung des Neu-Gnostizismus entstellen das Bekenntnis des Glaubens an Christus, den einzigen und universalen Retter. Wie könnte Christus den Bund mit der ganzen Menschheitsfamilie aufrichten, wenn der Mensch ein isoliertes Individuum wäre, das sich nur mit eigenen Kräften selbstverwirklichen könnte (...)?"

Neben der Absage an Leibfeindlichkeit und moderne Ich-Bezogenheit enthält der Brief vor allem auch eine Aufforderung, aus diesem Verständnis heraus zu missionieren

"Das Bewusstsein der Lebensfülle, in die uns Jesus, der Retter, hineinnimmt, drängt die Christen zur Mission, um allen Menschen die Freude und das Licht des Evangeliums zu verkünden."