"Ökumene von Blut, Armut und Mission": Papst begegnet Orthodoxie (Bericht & Wortlaut)

Kein gemeinsames Gebet mit der bulgarisch-orthodoxen Kirche in Sofia - Kritische Anmerkungen in Rede des orthodoxen Patriarchen

Papst Franziskus und Patriarch Neofit (Mitte) beim Treffen am 5. Mai 2019 in Sofia (Bulgarien).
Foto: Vatican Media
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Nach der ersten Rede seiner Bulgarienreise – bei der Papst Franziskus über den Geburtenmangel und Migration sprach – hat der Pontifex am heutigen Sonntag in Sofia die Führung der bulgarisch-orthodoxen Kirche getroffen.

Patriarch Neofit begrüßte Papst Franziskus mit den Worten: "Ihr Wunsch, uns im Heiligen Synod zu besuchen, wird von uns als Ausdruck des Respekts vor der Orthodoxen Kirche Bulgariens wahrgenommen. Wir versichern Ihnen, dass dieser Respekt auf Gegenseitigkeit beruht.”

Wie jedoch nicht nur das protokollarische Minimal-Aufgebot deutlich zeigte, ist das Verhältnis der großen Mehrheitskirche Bulgariens zu Rom nicht gerade herzlich. Grund dafür ist einmal die Kirchengeschichte. So sprach Patriarch Neofit in seiner Rede laut "Vatican News" über "Unstimmigkeiten" bei der Evangelisierung der bulgarischen Nation.

"Es scheint uns, dass dieser Teil der Kirchengeschichte – obgleich gut dokumentiert – nicht ausreichend unparteiisch analysiert wurde und man es versäumt hat, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Und so kann es sein, dass wir erkennen müssen, dass gerade in dem Moment, in dem sich die Geschichte der Weltkirche mit der Geschichte des Staates Bulgarien verflochten hat, einige der Antworten auf die Fragen, die uns heute noch beschäftigen, geschuldet bleiben."

Zudem gab Patriarch Neofit deutlich in Anwesenheit von Papst Franziskus zu Protokoll, er sei "fest davon überzeugt, dass es in Bezug auf den Glauben keine Kompromisse geben darf und kann." Vor diesem Hintergrund klangen die folgenden Worte für manche Beobachter wie Kritik am Kurs in Rom:

"Wir versuchen, die Kirche zu bewahren, die 'makellos, ohne Flecken oder Falten' ist (Eph 5,27), und bemühen uns, keine Kompromisse mit dem Glauben zuzulassen. Wir freuen uns immer, wenn wir erkennen, dass auch andere geistliche Führer ähnliche Überzeugungen haben wie wir."

Neben diesen historischen und theologischen Spannungen klangen auch politische Differenzen an.

So betonte das orthodoxe Oberhaupt zwar gegenüber Papst Franziskus, man habe "zur Verteidigung der christlichen Wurzeln Europas" sowie gegen neue Christenverfolgungen eine ähnlich Sicht: "In diesen Punkten stimmen unsere Meinungen überein." Zu Themen, die Franziskus stets in den Vordergrund rückt, etwa Migration und Umweltschutz, gab es jedoch nur beredtes Schweigen.

Papst Franziskus wiederum sprach in seiner Rede auch über die "Wunden, die sich im Lauf der Geschichte unter uns Christen geöffnet haben".

Doch eine dreifache Ökumene eröffne einen Horizont für eine gemeinsame Zukunft, betonte der Pontifex: Erstens, die Ökumene der Blutzeugen: "Wie viele Christen in diesem Land haben für den Namen Jesu gelitten, besonders während der Verfolgung des letzten Jahrhunderts!" Zweitens eine "Ökumene der Armen": Hier könne man "gemeinsam unterwegs" sein und den Armen dienen. Drittens gebe es, neben der Ökumene der Märtyrer und Armen, die missionarische. Die Verkündigung stehe auch im Geist der Slawenapostel Kyrill und Method, so der Papst.

Nach dem Treffen besuchte Papst Franziskus die orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale. Ein gemeinsames Gebet mit den orthodoxen Geschwistern gab es nicht: Der Papst betete alleine.

Als zweiter Papst der Geschichte besucht Franziskus auf seiner 29. Auslandsreise, die vom 5. bis 7. Mai dauert, Bulgarien - und am kommenden Dienstag auch Nordmazedonien. Der Papst verbringt den größten Teil der Reise in den bulgarischen Städten Sofia und Rakovski, bevor er am 7. Mai in Skopje landet.

In Bulgarien ist die Mehrheit - 65 Prozent - der Bevölkerung bulgarisch-orthodoxen Glaubens, während 10 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Katholisch sind nicht einmal 0,8 Prozent der Bevölkerung.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut der Papstrede in der deutschen Übersetzung, wie sie der Vatikan zur Verfügung gestellt hat.

Eure Heiligkeit, verehrte Metropoliten und Bischöfe, liebe Brüder,

Christos woskrese! – Christus ist auferstanden!

In der Freude des auferstandenen Herrn ergeht mein Ostergruß an euch an diesem Sonntag, der im christlichen Osten „Sonntag des Heiligen Thomas“ genannt wird. Betrachten wir den Apostel, der seine Hand in die Seite des Herrn legt, seine Wunden berührt und bekennt: »Mein Herr und mein Gott!« (Joh 20,28). Die Wunden, die sich im Laufe der Geschichte unter uns Christen geöffnet haben, sind schmerzhafte Verletzungen am Leib Christi, der die Kirche ist. Auch heute noch sind die Folgen dieser Verletzungen mit Händen zu greifen. Aber wenn wir gemeinsam unsere Hände in diese Wunden legen und bekennen, dass Jesus auferstanden ist, und wenn wir ihn als unseren Herrn und unseren Gott verkünden, wenn wir unsere Fehler erkennen und so in seine Wunden der Liebe eintauchen, können wir vielleicht die Freude der Vergebung wiederentdecken und den Tag im Voraus verkosten, an dem wir mit Gottes Hilfe das Ostergeheimnis am selben Altar feiern können.

Ökumene des Bluts

Auf diesem Weg werden wir von vielen Brüdern und Schwestern unterstützt, denen ich vor allem die Ehre erweisen möchte: sie sind die Zeugen des Osterfestes. Wie viele Christen in diesem Land haben für den Namen Jesu gelitten, besonders während der Verfolgung des letzten Jahrhunderts! Die Ökumene des Blutes! Sie haben im „Land der Rosen“ einen süßen Duft verbreitet. Sie gingen durch die Dornen der Prüfung, um den Duft des Evangeliums zu verströmen. Sie sind in einem fruchtbaren und gut bearbeiteten Boden gewachsen, in einem Volk, das reich an Glauben und echter Menschlichkeit ist, die ihnen feste und tiefe Wurzeln gegeben hat. Ich denke insbesondere an das Mönchtum, das von Generation zu Generation den Glauben der Menschen genährt hat. Ich glaube, dass diese Osterzeugen, Brüder und Schwestern verschiedener Konfessionen, die durch die göttliche Liebe im Himmel vereint sind, jetzt auf uns blicken, wie auf Samen, die in den Boden gepflanzt werden, damit sie Früchte hervorbringen. Und während viele andere Brüder und Schwestern in der Welt weiterhin wegen ihres Glauben leiden, bitten sie uns, nicht verschlossen zu bleiben, sondern uns zu öffnen, denn nur so bringen die Samen Früchte.

Dieses Treffen, das ich mir so gewünscht habe, folgt auf die Begegnung des heiligen Johannes Paul II. mit dem Patriarchen Maxim, jenen ersten Besuch eines Bischofs von Rom in Bulgarien, und es folgt auch den Spuren des heiligen Johannes XXIII., der in den Jahren, die er hier verbrachte, dieses »einfache und gute« Volk so lieb gewonnen hat (vgl. Geistliches Tagebuch, Klagenfurt 1983, 246) und seine Ehrlichkeit, seinen Fleiß und seine Würde in den Prüfungen schätzte. Auch ich befinde mich hier als ein Gast, der mit Zuneigung empfangen wird, und ich spüre in meinem Herzen die Sehnsucht nach dem Bruder, jene gesunde Sehnsucht nach Einheit unter den Söhnen desselben Vaters, die bei Papst Johannes XXIII. sicherlich in dieser Stadt reifen konnte.

Während des von ihm einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzils entsandte die bulgarisch-orthodoxe Kirche eigene Beobachter. Seither haben sich die Kontakte vervielfacht. Ich denke an die Besuche der bulgarischen Delegationen, die seit fünfzig Jahren in den Vatikan kommen und die ich jedes Jahr gerne begrüße, und an die Anwesenheit einer bulgarisch-orthodoxen Gemeinschaft in Rom, die in einer Kirche meiner Diözese betet. Ich freue mich über die exzellente Aufnahme meiner Gesandten, deren Präsenz sich in den letzten Jahren intensiviert hat, und über die Zusammenarbeit mit der lokalen katholischen Gemeinschaft, insbesondere im kulturellen Bereich. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Kontakte mit Hilfe Gottes und in der Zeit, die die Vorsehung bestimmen wird, positiv auf viele andere Aspekte unseres Dialogs auswirken werden. In der Zwischenzeit sind wir gerufen, gemeinsam unterwegs zu sein und zu handeln, um Zeugnis vom Herrn abzulegen, insbesondere indem wir den ärmsten und vergessensten Brüdern und Schwestern dienen, in denen er gegenwärtig ist.

Ökumene der Armen

Diesen Weg weisen uns insbesondere die Heiligen Cyrill und Methodius, die uns seit dem ersten Jahrtausend miteinander verbinden und deren lebendiges Gedächtnis in unseren Kirchen als Quelle der Inspiration erhalten bleibt, weil sie trotz aller Widrigkeiten der Glaubensverkündigung, dem Ruf zur Mission den ersten Platz einräumten. Der heilige Cyrill sagte einmal: »Mit Freude mache ich mich für den christlichen Glauben auf den Weg; egal wie müde und körperlich geplagt ich auch bin, ich werde mit Freude gehen« (Vita Constantini VI,7; XIV,9). Und als die warnenden Vorzeichen der schmerzhaften Spaltungen, die sich in den folgenden Jahrhunderten ereignen würden, bereits vorhersehbar waren, wählten sie die Option der Gemeinschaft. Mission und Gemeinschaft: zwei Worte, die im Leben der beiden Heiligen vielfachen Ausdruck fanden und die unseren Weg eines Wachstums in der Brüderlichkeit erleuchten können.

Missionarische Ökumene

Cyrill und Methodius, die dem byzantinischen Kulturraum entstammten, besaßen die Kühnheit, die Bibel in eine den slawischen Völkern zugängliche Sprache zu übersetzen, so dass das göttliche Wort dem menschlichen Wort vorausging. Ihr mutiges Apostolat bleibt ein Modell der Evangelisierung für alle. Ein Bereich, der uns in der Verkündigung besonders fordert, ist der der jüngeren Generationen. Wie wichtig ist es, dass wir uns in Respekt vor den jeweiligen Traditionen und Eigenheiten helfen und Wege finden, den Glauben in Sprachen und Formen zu vermitteln, die es jungen Menschen ermöglichen, Freude an einem Gott zu erleben, der sie liebt und ruft! Andernfalls werden sie versucht sein, den vielen irreführenden Sirenen der Konsumgesellschaft zu vertrauen.

Gemeinschaft und Mission, Nähe und Verkündigung. Die Heiligen Cyrill und Methodius haben uns viel zur Zukunft der europäischen Gesellschaft zu sagen. In gewisser Weise »waren sie die Förderer eines geeinten Europas und eines tiefen Friedens unter allen Bewohnern des Kontinents, die die Grundlagen für eine neue Kunst des Zusammenlebens aufzeigten, welche die Unterschiede respektiert, die für die Einheit keineswegs ein Hindernis sind« (Johannes Paul II., Grußwort an die offizielle Delegation Bulgariens, 24. Mai 1999: Insegnamenti XXII,1 [1999], 1080). Auch wir, die Erben des Glaubens der Heiligen, sind gerufen, Stifter von Gemeinschaft und Werkzeuge des Friedens zu sein im Namen Jesu. In Bulgarien, das »ein geistiger Kreuzungspunkt, ein Land der Begegnung und des gegenseitigen Verständnisses« ist (vgl. ID., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, Sofia, 23. Mai 2002: Insegnamenti XXV,1[2002], 864), haben verschiedene Konfessionen, von der armenischen bis zur evangelischen und verschiedene Religionen, von der jüdischen bis zur muslimischen, Aufnahme gefunden. Die katholische Kirche erfährt Aufnahme und Respekt sowohl in ihrer lateinischen als auch in ihrer byzantinisch-slawischen Tradition. Ich bin Eurer Heiligkeit und dem Heiligen Synod für dieses Wohlwollen dankbar. Auch in unseren Beziehungen erinnern uns die Heiligen Cyrill und Methodius daran, dass »eine gewisse Verschiedenheit der Sitten und Gebräuche […] nicht im geringsten der Einheit der Kirche entgegensteht« und dass man zwischen Ost und West bei »verschiedenartigen theologischen Formeln oft mehr von einer Ergänzung als von einer Gegensätzlichkeit« sprechen muss. (Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, 16-17). »Wie viele Dinge können wir voneinander lernen!« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 246).

Bald werde ich die Gelegenheit haben, die Alexander-Newski- Patriarchalkathedrale zu betreten, um im Gedenken an die Heiligen Cyrill und Methodius im Gebet innezuhalten. Der heilige Alexander Newski aus der russischen Tradition wie auch die heiligen Brüder aus der griechischen Tradition, die zugleich Apostel der slawischen Völker sind, zeigen, wie sehr Bulgarien ein Brückenland ist. Eure Heiligkeit, liebe Brüder, ich versichere euch meiner Gebete für euch, für die Gläubigen dieses geliebten Volkes, für die hohe Berufung dieses Landes, für unseren Weg einer Ökumene des Blutes, der Armen und der Mission. Ich wiederum bitte um einen Platz in euren Gebeten, in der Gewissheit, dass das Gebet die Tür ist, die jeden Weg zum Guten öffnet. Ich möchte mich nochmals für den mir zuteilgewordenen Empfang bedanken und euch versichern, dass ich die Erinnerung an diese brüderliche Begegnung in meinem Herzen bewahren werde.

Christos woskrese!

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