Papstbesuch in Kasachstan: Franziskus warnt vor "Rückwärtsgewandtheit"

Papst Franziskus vor der Ikone "Maria, Mutter der großen Steppe" in der Kathedrale "Muttergottes von der immerwährenden Hilfe" in Nur-Sultan.
Foto: Rudolf Gehrig / CNA Deutsch
Previous Next

Papst Franziskus ist am Donnerstag morgen in Nur-Sultan (Kasachstan) mit Bischöfen, Priestern, Ordensleuten, Diakonen, Seminaristen und Pastoralarbeitern zusammengetroffen.

Bei dem Treffen in der Kathedrale "Muttergottes von der immerwährenden Hilfe" in der kasachischen Hauptstadt sprach der Heilige Vater über die Herausforderungen einer kriselnden Kirche und die Aufgaben dieser "kleinen Herde". Anschließend segnete Franziskus eine Marien-Ikone, die "Maria, Mutter der großen Steppe".

"Vielfalt ist Reichtum"

Papst Franziskus dankte zunächst dem Orstbischof Mumbiela Sierra, dem Hirten der Diözese der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu Almaty, der in seinem Grußwort sagte: "Die meisten von uns sind Ausländer". Papst Franziskus pflichtete ihm bei und ergänzte, dass die Kirche "eine einzige Familie" sei, in der es keine "Fremden" gebe. "Die Stärke unseres priesterlichen und heiligen Volkes liegt genau darin, aus der Vielfalt einen Reichtum zu machen, indem wir teilen, was wir sind und was wir haben: das Geringe, das wir haben und sind, vervielfacht sich, wenn wir es teilen", so der Pontifex.

"Die Kirche erbt eine Kirche immer eine Geschichte", fuhr Franziskus fort, "sie ist immer Tochter einer ersten Verkündigung des Evangeliums, eines ihr vorausgehenden Ereignisses, anderer Apostel und Verkündiger des Evangeliums, die sie auf das lebendige Wort Jesu gegründet haben; andererseits ist sie auch die Gemeinschaft derer, die Gottes Verheißung in Jesus erfüllt gesehen haben und als Kinder der Auferstehung in der Hoffnung auf die zukünftige Erfüllung leben."

Warnung vor der "Versuchung der Rückwärtsgewandheit"

Die Kirche sei immer unterwegs zwischen Erinnerung und Zukunft, führte der Papst aus. Das "Erbe der Vergangenheit" sei die Erinnerung, die Verheißung des Evangeliums wiederum "die Zukunft Gottes, der uns entgegenkommt". Wörtlich sagte er:

"Wenn wir heute in diesem großen, multikulturellen und multireligiösen Land lebendige christliche Gemeinden und einen religiösen Geist finden, der sich durch das Leben der Bevölkerung zieht, dann ist das vor allem der reichen Geschichte zu verdanken, die euch vorausging. Ich denke an die Ausbreitung des Christentums in Zentralasien, die bereits in den allerersten Jahrhunderten stattfand, an die vielen Verkünder des Evangeliums und die Missionare, die alles gegeben haben, um das Licht des Evangeliums zu verbreiten indem sie Gemeinschaften, Heiligtümer, Klöster und Gotteshäuser gründeten. Es gibt also ein christliches, ökumenisches Erbe, das geehrt und bewahrt werden muss, eine Glaubensweitergabe, bei der auch so viele einfache Menschen, so viele Großväter und Großmütter, Väter und Mütter eine wichtige Rolle gespielt haben."

Deshalb dürfe man die Erinnerung an diejenigen nicht verlieren, die den Glauben verkündet haben, betonte Franziskus. Das Erinnern helfe uns, "einen Geist der Kontemplation zu entwickeln, der die Wunder wahrnimmt, die Gott in der Geschichte gewirkt hat, selbst inmitten der Nöte des Lebens und der persönlichen und gemeinschaftlichen Schwächen". Der Papst weiter:

"Aber seien wir vorsichtig: Es geht nicht darum, nostalgisch zurückzublicken, an den Dingen der Vergangenheit festzuhalten und uns in Unbeweglichkeit lähmen zu lassen. Das ist die Versuchung der Rückwärtsgewandtheit. Der christliche Blick will uns zum Staunen vor dem Geheimnis Gottes anregen, wenn er sich der Erinnerung zuwendet, um unsere Herzen mit Lob und Dankbarkeit für das zu erfüllen, was der Herr vollbracht hat. Ein dankbares Herz, das vor Lob überfließt, nährt kein Bedauern, sondern nimmt das Heute an, das es als Gnade lebt."

Begegnung mit Christus im Zentrum der Verkündigung

Der Schatz der Kirche sei die "lebendige Erinnerung an Jesus, die uns mit Staunen erfüllt und die wir besonders aus dem eucharistischen Gedenken beziehen". Erinnerung sei daher immer mit Staunen verbunden. Dies gelte es zu bewahren, wie der Pontifex mahnte:

"Wenn wir die lebendige Erinnerung verlieren, besteht die Gefahr, dass Glaube, Frömmigkeit und pastorale Aktivitäten schwinden, dass sie wie Strohfeuer sind, die zwar schnell brennen, aber bald wieder erlöschen. Wenn wir unsere Erinnerung verlieren, erschöpft sich die Freude. Auch die Dankbarkeit gegenüber Gott und unseren Brüdern und Schwestern geht verloren, weil wir der Versuchung erliegen, zu denken, dass alles von uns abhängt."

Der Glaube sei keine Angelegenheit, die aus Dingen bestehe, "die man verstehen und tun muss (...) wie ein ein für alle Mal festgelegter Kodex". Der Glaube werde stattdessen durch das Zeugnis weitergeben.

An die anwesenden Geistlichen appellierte Franziskus, nicht müde zu werden, "das Herzstück der Erlösung zu bezeugen, die Neuheit Jesu". Der Glaube sei "keine schöne Ausstellung von Dingen aus der Vergangenheit, sondern ein immer gegenwärtiges Ereignis, die Begegnung mit Christus", die hier und jetzt im Leben stattfinde.

Papst: Laien mehr Raum geben

Papst Franziskus ging auch auf die spürbare Krise der Kirche in Europa ein, die sich vielerorts im massiven Rückgang der Gottesdienstbesucher zeige. "Es liegt eine verborgene Gnade darin, eine kleine Kirche, eine kleine Herde zu sein", erklärte der Heilige Vater, "statt unsere Stärke, unsere Anzahl, unsere Strukturen und jede andere Form von menschlicher Relevanz zur Schau zu stellen, lassen wir uns vom Herrn führen und stellen uns demütig an die Seite der Menschen".

Die christlichen Gemeinschaften, insbesondere das Priesterseminar, sollen daher "Schulen der Aufrichtigkeit" sein und "keine starren und formalen Umgebungen, sondern Fitnessstudios der Wahrheit, der Offenheit und des Miteinanderteilens". Nicht nur der Klerus, sondern jeder Getaufte sei in das Leben Christi eingetaucht worden und deshalb dazu berufen, "das Erbe zu empfangen und die Verheißung des Evangeliums anzunehmen", appellierte Franziskus. Wörtlich:

"Deshalb muss den Laien Raum gegeben werden: Das wird euch guttun, damit die Gemeinden nicht erstarren und sich nicht klerikalisieren. Eine synodale Kirche, auf dem Weg in die Zukunft des Geistes, ist eine Kirche der Teilhabe und der Mitverantwortung. Es ist eine Kirche, die fähig ist, hinauszugehen und auf die Welt zuzugehen, weil sie in Gemeinschaftlichkeit geübt ist. (...) Lasst uns eine Kirche erträumen und mit Gottes Gnade aufbauen, die mehr von der Freude des Auferstandenen erfüllt ist, die Ängste und Klagen zurückweist, die sich nicht von Dogmatismus und Moralismus verhärten lässt."

Den Bischöfen und Priestern schrieb der Papst bei der Begegnung ins Stammbuch, sie sollen keine "Verwalter des Heiligen oder Gendarmen zu sein, die sich um die Durchsetzung religiöser Normen sorgen", sondern stattdessen "Hirten, die den Menschen nahe sind, lebendige Abbilder des barmherzigen Herzens Christi". 

Das könnte Sie auch interessieren: