“Wir sind Brüder”: Der gemeinsame Weg von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill

Beiderseitig unterschriebene Erklärung spricht Christenverfolgung, Ehe und Familie, Abtreibung, Krieg und vieles mehr an – Herausforderung für Christen in Ost und West, gemeinsam Zeugnis für Christus abzugeben – Besondere Geschenke ausgetauscht

Die historische Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna, Kuba, am 12. Februar 2016
Foto: L'Osservatore Romano
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Papst Franziskus und Patriarich Kyrill I. von Moskau haben zum Abschluss ihres historischen Treffens eine Erklärung unterschrieben. Darin werden Katholiken und Orthodoxe aufgerufen, "gemeinsam brüderlich die Frohe Botschaft der Erlösung zu verkünden"; die Welt und die Zukunft der Menschheit würden davon abhängen, wie Christen gemeinsam in allen Bereichen des persönlichen wie gesellschaftlichen Lebens Zeugnis abgeben für den Geist der Wahrheit.

Zum ersten Mal in der Geschichte hatten sich zuvor ein Papst und ein Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche getroffen, um "auf neutralem Boden", in Kuba, einander zu begegnen und nach einem mehrstündigen Gespräch diese offenbar von langer Hand vorbereitete gemeinsame Erklärung zu unterschreiben.

"Wir sprachen als Brüder", sagte Papst Franziskus. "Wir haben die gleiche Taufe. Wir sind Bischöfe. Wir sprachen über unsere Kirchen." Gegenüber Klerikern und Journalisten sagte der Heilige Vater nach dem Treffen: "Wir stimmten beide darüber ein, dass Einheit dadurch geschaffen wird, dass man gemeinsam einen Weg geht". Das private Treffen sei offen und authentisch gewesen, so Franziskus. Er lobte die Unterstützung und Vorbereitung, unter anderem von Kardinal Kurt Koch.

Breiter Themenfächer in dreißig Absätzen

Die Erklärung hat es in sich. Sie umfasst 30 Punkte, und darin geht es teilweise sehr deutlich zur Sache. Zuallererst das Martyrium der verfolgten Christen im Nahen Osten und Afrika.

Unser Augenmerk richtet sich in erster Linie auf die Gebiete in der Welt, wo die Christen Opfer von Verfolgung sind. In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas werden Familien, Dörfer und ganze Stände unserer Brüder und Schwestern in Christus ausgelöscht. Ihre Kirchen werden verwüstet und barbarisch ausgeplündert, ihre sakralen Gegenstände profaniert, ihre Denkmale zerstört. In Syrien, im Irak und in anderen Ländern des Nahen Ostens stellen wir mit Schmerz eine massenhafte Abwanderung der Christen fest, aus dem Gebiet, in dem sich unser Glaube einst auszubreiten begonnen hat und wo sie seit den Zeiten der Apostel zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften gelebt haben.

Die internationale Gemeinschaft müsse die weitere Vertreibung von Christen aufhalten, fordern sie. Des weiteren wird die Religionsfreiheit thematisiert samt den Grenzen interreligiösen Dialogs, die Rolle von Ehe und Familie, Abtreibung, aber auch Armut und der Krieg in der Ukraine.  

Verteidigung der traditionellen Ehe und Familie

Die Familie basiere auf der Ehe, und diese sei ein Akt der frei geschenkten Liebe "zwischen einem Mann und einer Frau", so der Papst und der Patriarch. "Andere Formen des Zusammenlebens" seien bedauerlicher Weise auf die gleiche Stufe gestellt worden; damit werde jedoch Vaterschaft und Mutterschaft als je eigene Berufung von Mann und Frau in der Ehe aus dem öffentlichen Bewußtsein verbannt, mahnen Franziskus und Kyrill.

Direkt im Anschluss daran verurteilen die beiden scharf Abtreibungen: "Das Blut der ungeborenen Kinder schreit zu Gott", schreiben sie.

Berufung auf christliche Wurzeln Europas

Europa müsse seinen christlichen Wurzeln treu bleiben, fordern Franziskus und Kyrill im Abschnitt 16, und kritisieren den Säkularismus: 

"Der Prozess der Integration Europas, der nach Jahrhunderten blutiger Konflikte begonnen wurde, ist von vielen mit Hoffnung aufgenommen worden, wie eine Garantie für Frieden und Sicherheit. Wir möchten allerdings dazu einladen, gegenüber einer Integration, die die religiöse Identität nicht achtet, wachsam zu sein."

Auch wenn Europa weiter offen sei für den Beitrag anderer Religionen zur europäischen Zivilisation, sei es doch beider Überzeugung, "dass Europa seinen christlichen Wurzeln treu bleiben muss". Beide rufen die Christen von Ost- und Westeuropa auf, sich im gemeinsamen Zeugnis für Christus und des Evangeliums zu vereinigen, "damit Europa seine Seele bewahrt, die sich in zweitausend Jahren christlicher Tradition gebildet hat", so Franziskus und Kyrill.

Neben den deutlichen Worten fand das historische Treffen einen herzlichen Rahmen.

Ein Geschenk mit einer ganz besonderen Geschichte

Anwesende Journalisten berichten, der Papst habe dem Patriarchen eine Reliquie des heiligen Kyrill, eine Ausgabe von Laudato Si sowie einen Kelch übergeben; der Moskauer Patriarch wiederum habe ein Abbild der Madonna von Kasan für Franziskus mitgebracht.

Diese berühmte Ikone erzählt tatsächlich eine besondere Geschichte, welche die beiden Kirchen vereint. Sie gilt nicht nur in der russisch-orthodoxen Kirche als eine der heiligsten Ikonen; die Kasaner Kathedralen in Moskau und in Sankt Petersburg sind ihr gewidmet.

Im Zug der kommunistischen Revolution in Russland wurde die Petersburger Kathedrale in ein Museum verwandelt und das dem Evangelisten Lukas zugeschriebene Bildnis verkauft. Über mehrere Länder hinwegwechselte es den Besitzer, um schließlich 1970 von der Blauen Armee Mariens, dem Fatima-Weltapostolat, erworben zu werden, für die byzantinische Kirche in Fatima. Dann war sie für 11 Jahre in den privaten Räumlichkeiten von Papst Johannes Paul II., bevor sie im August 2004 an die russisch-orthodoxe Kirche übergeben wurde.

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