Endlich ist es auch in deutscher Sprache zu lesen: das 1984 in Mailand erschiene Buch von Renzo Allegri über den heiligen Kapuziner Pater Pio. Das italienische Original „Padre Pio – l’uomo della speranza“ wurde von Ellen Badde übersetzt. Deren Ehemann Paul bezeugt im Vorwort, dass er sie bei der Arbeit immer wieder leise rufen hörte: „Das darf doch nicht wahr sein!“

Der „Mensch der Hoffnung“ wurde wie alle Menschen als hilfloses Wesen am 25. Mai 1987 in Pietrelcina geboren, einem Dorf in der Provinz Benevento in Kampanien. Im Jahr vor dessen Tod am 23. September 1968 konnte Renzo Allegri Pater Pio noch persönlich kennenlernen. Der 33-jährige Journalist war mit einer Reportage über den wundersamen Kapuziner von San Giovanni Rotondo betraut worden. Der Kapuzinerkonvent, an den er sich um eine Erlaubnis gewandt hatte, willigte ein und gab ihm die Möglichkeit, zweimal dem alten und bereits sehr kranken Pater Pio zu begegnen und mit ihm reden.

Es tat weh zu sehen, wie er sich zur Sakristei oder durch die Korridore schleppte. Er schlurfte auf geschwollenen Füßen daher und stützte sich an der Mauer ab, um nicht der Länge nach hinzufallen. Sein Leiden war enorm und er ertrug es ohne Klagen und gab sich weiter allen hin, die ihn brauchten. Wenn er seinen Kopf hob und umherschaute, sah es aus, als würden seine großen Augen brennen, jedoch nicht vor Schmerz, sondern von übermächtiger Güte.“

Allegri war „von der überaus großen moralischen Kraft“ beeindruckt, mehr jedenfalls als von den Wundergeschichten, von denen ihm Menschen berichteten, die wegen Pater Pio zu zigtausenden nach San Giovanni Rotondo gekommen waren.

Der Vollblutjournalist Renzo Allegri hatte das Potenzial erkannt, das im Wissen um die Wahrheit bestand, welches das Geheimnis Pater Pios umgab. Er setzte seine Recherchen über sein Leben und Werk verstärkt fort, knüpfte Kontakte – und bald erhielt er „hochinteressante, unveröffentlichte Dokumente“, von denen es „Abertausende“ gab.

Als ich diese Dokumente las, entdeckte ich etwas von Pater Pio, das nur ganz wenige Menschen über ihn wissen: Das unsägliche Leiden, das ihn sein ganzes Leben lang begleitete, war voller Verfolgungen, Anschuldigungen, Verleumdungen, Prozesse, Verurteilungen und Demütigungen schlimmster Art.“

Dokumente aller Art, vor allem auch die Aussagen von noch lebenden Zeugen sind in dem Buch verarbeitet worden. Allegri beansprucht nicht, mit dem Buch eine kritische Biografie vorgelegt zu haben, vielmehr ist es eine „Chronik des Lebens von Pater Pio“.

Dem Autor ist es wichtig, nicht bloß den Aspekt des Büßers Pater Pio hervorzuheben. Um ihn genau zu beschreiben, sei es auch wichtig, betont er, ihn als „Mensch der Hoffnung“ zu sehen: „In seinem ganzen Leben und inmitten aller großen Schwierigkeiten, die schwer und dunkel waren, hat er doch nie aufgehört, optimistisch in die Zukunft zu schauen: mit Vertrauen und Zuversicht.“

Pater Pio hatte einen „Glauben, der Berge versetzte“; er war „ein Mann, der an die Zukunft glaubte“. Vor allem als unermüdlicher Beichtvater ist er bekannt. Im Beichtstuhl erwies er sich als unbestechlich, als prophetisch und als Glaubenszeuge:

Als ich dann im Beichtstuhl von Pater Pio war, hörte ich ihn sagen: ,Fange 1936 an.‘ ,Ich habe vor einigen Tagen gebeichtet‘, protestierte ich. ,Ich habe dir gesagt, du sollst 1936 anfangen‘, donnerte es heraus und er fügte noch hinzu, dass ich ein Feigling wäre, wenn ich mich schämen würde, meine Sünden zu beichten, mich aber nicht schämte, Jesus zu beleidigen. Diese Beichte änderte mein Leben komplett. Am Ende umarmte und küsste mich der Pater. Er schenkte mir einen Rosenkranz und empfahl mir, ihn oft zu beten. Dann fügte er noch hinzu: ,Ich werde immer in deiner Nähe sein.‘“

Pater Pio hatte im Alter Sehprobleme und war deswegen vom gemeinsamen Stundengebet befreit. Er litt unter Problemen mit seinen Beinen, die er nicht mehr fühlen konnte, weswegen er ab 1962 die Messe im Sitzen zu zelebrieren durfte. Bald wurde er im Rollstuhl transportiert. Asthma-Attacken, Brustschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot waren ihm eine große Last. „Der Pater hatte dazu Arthritis in den Knien und im Kreuz.“

Vor allem hatte Pater Pio auch unter geistlichen Problemen zu leiden, die ihm Qualen verursachten.

Er hatte Visionen des Teufels, die durch die Kraft des Bösen provoziert wurden. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1964 hörte man aus seiner Zelle ein Dröhnen. Die Mitbrüder eilten herbei und fanden ihn auf dem Boden liegend mit einer Wunde am Bogen der Augenhöhle. Zu einem Mitbruder, der ihm half und mit dem er über dämonische Geister sprach, sagte er: ,Sie lassen mich nicht in Ruhe, nicht einmal eine Sekunde!‘ Bei einer anderen Gelegenheit, als er von fürchterlichen Visionen erschreckt wurde, sagte er zu Pater Alessio: ,Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe, würdest du nicht mehr leben.‘“

Doch mehr, als über sein eigenes Leiden zu klagen, hat sich Pater Pio mit dem leidenden Christus vereinigt. Bruder Guglielmo hat berichtet:

Nach der Lektüre der Schrift, die immer über das Leiden unseres Herrn Jesus Christus war, ging er auf die Knie für lange Zeit und weinte. Um seine Gebetszeiten zu verlängern, auch über die festgesetzte Zeit hinaus, bat er, von der Erholungszeit, dem Spaziergang und manchmal auch vom Abendessen dispensiert zu werden.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“ – Das ist tatsächlich ein Ausruf, zu dem einen die Lektüre des erstmals und ungekürzt in deutscher Sprache erscheinen Buches immer wieder mitreißt.

Renzo Allegri: Pater Pio – Mensch der Hoffnung. Das unglaubliche Leben des größten Heiligen Italiens im 20. Jahrhundert; fe-Medienverlag 2023; 344 Seiten; ISBN: 978-3863573904; 16,80 Euro

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