"Akzeptieren lernen"

Zur Osterzeit: Leseprobe aus: "33 Tage zur barmherzigen Liebe" -- Teil 3

Bibel (Referenzbild)
Foto: James Chan / Pixabay (CC0)
21 April, 2022 / 11:00 AM

Zur Vorbereitung auf den Sonntag der Barmherzigkeit am 24. April veröffentlichen wir mit Erlaubnis des Fe-Medienverlags, dem CNA Deutsch herzlich dafür dankt, einen Ausschnitt aus dem Buch: "33-Tage zur barmherzigen Liebe. Selbstmach-Exerzitien als Vorbereitung zur Weihe an die Göttliche Barmherzigkeit". 

Theresias Entdeckung des „Kleinen Weges“ – eines „geraden“, „kurzen“ und „vollkommen neuen“ Weges zu den Höhen der Heiligkeit für kleine Seelen – ist wirklich eine Entdeckung der Göttlichen Barmherzigkeit. Mit anderen Worten, es ist eine Wiederentdeckung des Herzens des Evangeliums. Und was ist das Herz des Evangeliums? Der Katechismus sagt, das Evangelium ist die in Jesus Christus ergangene Offenbarung, dass Gott mit den Sündern Erbarmen hat.

[...] Beim „Kleinen Weg“ geht es um das Mitleid Jesu (Herz), der das Leiden der kleinen Seelen sieht, die danach verlangen, die Höhen der Heiligkeit zu erreichen, aber zu klein sind, die „rauen Treppen der Vollkommenheit“ zu besteigen. Es geht um die Tat Jesu (Arme), der aus Mitleid nach unten greift, vertrauende kleine Seelen aufhebt und sie in die Höhe platziert.

Also, der Aufzug ist die Barmherzigkeit Jesu. Es ist die Barmherzigkeit Jesu in der Tat, das Mitleid Jesu, der hinabgreift, um die Niedrigen zu erhöhen. Und all dies geht zurück auf das Herz der Heiligen Schrift, die erfüllt ist von Barmherzigkeit. Die heilige Theresia deutet dieses selbst aus in einer bemerkenswerten Passage am Ende ihrer Autobiografie, eine Passage, die ihre Lieblingswahrheiten des Evangeliums zusammenfassen – die Wahrheiten, die sie wiederentdeckt hat:

Ich muss nur das Evangelium aufschlagen, im gleichen Moment kommen mir die Wohlgerüche des Lebens Jesu entgegen, und ich weiß, in welche Richtung ich zu laufen habe. … Ich stürze mich nicht hin zum ersten Platz, sondern zum letzten. Anstatt wie der Pharisäer nach vorne zu gehen, spreche ich voll Vertrauen das demütige Gebet des Zöllners nach. Vor allem aber ahme ich das Verhalten Magdalenas nach. Ihre verblüffende oder besser gesagt aus der Liebe geborene Kühnheit, die das Herz Jesu bezaubert, hat es meinem Herzen angetan. Ja, ich weiß genau, würden auf meinem Gewissen auch alle Sünden lasten, die man überhaupt begehen kann, so würde ich doch mit reumütig zerknirschtem Herzen hingehen und mich in die Arme Jesu werfen. Denn ich weiß, wie sehr er den verlorenen Sohn liebt, der zu Ihm zurückkehrt. Nicht weil der liebe Gott meine Seele in Seiner zuvorkommenden Barmherzigkeit vor der Todsünde bewahrt hat, erhebe ich mich zu Ihm durch Vertrauen und Liebe.

[…] Okay, wir bleiben also einfach „klein“ und warten dann auf den Herrn, dass Er sich herunterbückt, uns in Seine Arme nimmt und uns zu den Höhen erhebt, richtig? Damit wir nicht fälschlicherweise denken, wir brauchten uns nur zurücklehnen, ein Eis zu essen und auf unsere Heiligsprechung zu warten, teilt die heilige Theresia uns ein aufschlussreiches Bild eines kleinen Mädchens am Boden eines Treppenaufganges mit (wahrscheinlich ist die „raue Treppe der Vollkommenheit“ gemeint).

Das Kind, welches wir kleinen Seelen sind, kann noch nicht einmal die erste Stufe dieser großen Treppe erklimmen – wir sind zu klein. Aber Theresia ermuntert uns, es zu versuchen. Sie sagt: „… heben Sie immer Ihren kleinen Fuß, um die Treppe der Heiligkeit zu besteigen.“62 Natürlich wird es uns nicht einmal gelingen, aber dann fügt Theresia hinzu: „… doch der liebe Gott verlangt von Ihnen nur den guten Willen.“

Mit anderen Worten, wir müssen es nur versuchen. Und wenn wir das tun, so sagt uns Theresia, wird Gott „von unseren fruchtlosen Anstrengungen bewegt“ zu uns herunterkommen und uns auf Seine Arme nehmen und uns so für immer in Sein Reich emportragen.

So scheint es Theresias Punkt zu sein, dass unsere Anstrengungen im geistlichen Leben unbedingt erforderlich, aber auch absolut nutzlos sind. Wie bitte? Ich meine das in dem Sinne, wie es die selige (Anm. d. Übers.: jetzt heilige) Mutter Teresa von Kalkutta meinte, wenn sie oft sagte: „Gott hat uns nicht zum Erfolg berufen, nur zur Treue.“ Mit anderen Worten, auf unser geistliches Leben übertragen, bedeutet das: Der Herr verlangt nicht, dass wir alle Tugenden erlangen (Erfolg), sondern dass wir es einfach weiter versuchen (Treue). Für diejenigen auf dem „Kleinen Weg“ ist der Erfolg nicht das Wichtigste. In der Tat ist es im gewissen Sinne manchmal besser, dass kleine Seelen nicht erfolgreich sind.

Ich will Folgendes sagen: Jesus mag es, kleine Seelen klein zu halten. Denn wenn sie sich plötzlich darin sehen würden, wie sie die rauen Treppen der Vollkommenheit mit großem Fortschritt hinaufspringen, mag es ihnen zu Kopf steigen und sie würden zu „groß“ für Jesus, um sie hochzuheben. Und so erlaubt der Herr manchmal, dass kleine Seelen in der Dunkelheit von verschiedenen Untugenden und Sünden verbleiben, so dass sie nicht in schlimmere verfallen, wie die Sünde des Stolzes. Hören wir, was Theresia zu einer ihrer Novizinnen sagt, die oft bei den Tugendübungen fiel:

Und wenn der gute Gott dich schwach und hilflos wie ein Kind haben möchte … glaubst du, dass du weniger Verdienste hast? … Stimme deshalb an jeder Stufe zu, sogar zu fallen, schwach dein Kreuz zu tragen, deine Hilflosigkeit zu lieben. Deine Seele wird mehr Nutzen davon ziehen, als wenn, getragen durch Gnade, du mit Enthusiasmus heroische Taten erreichen würdest, was deine Seele mit persönlicher Zufriedenheit und Stolz erfüllen würde.

Zusammengefasst ist der „Kleine Weg“ somit oft ein kleiner Weg der Dunkelheit. Es geht darum zu akzeptieren, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen müssen – mit all der Dunkelheit, der Schwäche, der Zerbrechlichkeit und der Sünde – ohne uns entmutigen zu lassen. Es ist Erkennen, ohne aufzugeben, dass einige Kämpfe chronisch sind. Es ist Erkennen, ohne zu verzweifeln, dass sie in uns sein werden bis zum Tag unseres Todes. Aber es geht auch darum zu begreifen, dass dieses uns nicht daran hindert, Heilige zu werden.

Leseprobe aus: Michael E. Gaitley:33 Tage zur barmherzigen Liebe. Selbstmach-Exerzitien als Vorbereitung zur Weihe an die Göttliche Barmherzigkeit.

Hier geht es los mit dem ersten Teil der Leseprobe.