Bischof Voderholzer: "Die Kirche ist nicht nur systemrelevant, sondern heilsrelevant!"

Bischof Rudolf Voderholzer zeichnet am Aschermittwoch, 26. Februar 2020 das Aschenkreuz auf die Stirn der Gläubigen im Dom zu Regensburg.
Foto: Julia Wächter
19 August, 2020 / 8:48 AM

Das Bistum Regensburg verfügt über eine Reihe von treuen Oberhirten, die mit Herzensgüte, theologischer Klar- und Weitsicht und frommer Demut im Dienst der Diözese, damit zugleich der Kirche des Herrn und der einfach gläubigen Katholiken vor Ort gestanden haben. Mein Herz schlägt seit langem für die schönste Donaustadt, die ich kenne, und ist stets aufs Neue erfüllt von großer Dankbarkeit, wenn ich stärkende, ermutigende Worte aus dem Glauben aus Regensburg lese und vernehme. Ich denke dabei an den im Ruf der Heiligkeit stehenden Johann Michael Sailer, an Michael Buchberger, an Rudolf Graber, Manfred Müller und Gerhard Ludwig Müller – und gegenwärtig besonders an die ebenso klare wie demütige, leuchtende Verkündigung des Evangeliums und der Lehre der Kirche durch Bischof Dr. Rudolf Voderholzer.

Der Regensburger Diözesanbischof hat ein neues Buch herausgegeben, in dem vor allem die Predigten aus der Zeit der "Corona-Pandemie" des Jahres 2020 versammelt, aber auch dogmatisch fundierte Klärungen, pastoraltheologisch wegweisende Überlegungen enthalten sind – ebenso wie energische Kommentare zu Signaturen der Gegenwart, etwa die eindeutige Abweisung jeglicher "Verschwörungstheorien" im Zusammenhang mit der Viruserkrankung.

Im Hirtenwort vom 25. März 2020 bekräftigt Voderholzer: "Wir dürfen auf das Prinzip »Stellvertretung« vertrauen! Der Bischof und die Priester feiern ja nicht für sich und privat. In dieser Situation wird uns besonders bewusst: Ins Gebet der Kirche sind immer alle eingeschlossen, insbesondere sind wir im gemeinsamen Leib Christi in der Tiefe miteinander verbunden." Bischof Voderholzer erhebt seine Stimme furchtlos, ungeschmeidig und souverän, wenn selbst inmitten der Krise dieses Jahres Theologinnen und Theologen ihre höchst eigensinnigen Privatideen unterbreiten, die unverkennbar vom Glauben der Kirche abweichen. Stellvertretend zelebrierten treue Priester die heilige Messe ohne die physische Anwesenheit der Gläubigen, als öffentliche Gottesdienste aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen untersagt waren. Aus der Vielstimmigkeit der deutschen Theologie wurde mit Blick auf diese Messen geringschätzig von "Retrokatholizismus" gesprochen. Noch schärfer äußerte sich der Theologe Daniel Bogner und relativierte das Weihepriestertum. Bischof Voderholzer hält dem entgegen: "Nach katholischem Verständnis von Eucharistie geht es letztlich um die Aufforderung zur Simulation eines Sakramentes. Eine Eucharistie ohne geweihten Priester für möglich zu halten oder gar vorzuschlagen, ist nicht einfach nur kanonisch und liturgierechtlich gesehen »Neuland«, wie Bogner sich ausdrückt, sondern ein Bruch mit dem Glauben der Kirche und somit häretisch." Voderholzer benennt aber nicht nur objektive Verstöße gegen die Glaubenslehre, er spricht auch positive Entwicklungen an, die in dieser Zeit entstanden sind und berichtet von seinen Wahrnehmungen. So habe in seiner Diözese "eine Verwesentlichung und eine spirituelle Vertiefung stattgefunden": "Macht-, Struktur- und Reformfragen traten eher in den Hintergrund." Einfach gläubige Christen – konfessionsübergreifend – haben von innen her immer gewusst, dass die Kirche nicht vom Gerangel um die ersten Plätze in den Medien oder in Gremien, nicht von der Leidenschaft für säkulare Strukturreformen oder von einer Anpassung an den virulenten Zeitgeist lebt, sondern einzig und allein von unserem Herrn Jesus Christus.

Mehrfach spricht Bischof Voderholzer vom "ersetzten Sabbat". In der hebräischen Bibel werde die Erfahrung des Exils als "Zeit der Läuterung" verstanden. Er fährt fort: "Im Zweiten Buch der Chronik … steht als einer der letzten Verse der bemerkenswerte Satz im Blick auf die Exilzeit: »Das Land bekam seine Sabbate ersetzt« (2 Chron 36,21). Das Land bekam seine Sabbate ersetzt! Nützen wir die uns jetzt geschenkte Zeit und Muße für das Gebet und die Intensivierung der Gottesbeziehung. Dafür steht der Sabbat." Aber haben wir alle, haben Sie und ich, die Corona-Zeit für die "Intensivierung der Gottesbeziehung" genutzt? Der Sabbat stehe für die "bewusste Hinordnung auf Gott", ja "für ein Leben im Einklang mit dem Schöpfergott und seiner Schöpfung": "Durch die Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche hat, beginnend schon in neutestamentlicher Zeit, für die Christen der Sonntag den Sabbat als Wochenfeiertag abgelöst. Aber der Segen, der vom Sabbat ausgeht, die mit ihm verknüpften Sinngebungen, sie gelten auch für den christlichen Sonntag als Tag der Auferstehung. Ein Tag der Ruhe, der Ausrichtung auf Gott, der Versammlung und der Gemeinschaft. Sollen uns vielleicht tatsächlich jetzt die Sonn- und Feiertage wiedererstattet werden, die wir unachtsam und undankbar allen möglichen Aktivitäten und Beschäftigungen geopfert haben? Wo haben wir gerade auch als Kirche in einem ekklesiologischen Atheismus allzu sehr Gottes Wort und seine Weisung geringgeachtet?"

Wer zu Gott betet, kehrt sich ab von der Sünde – aber die Gefahr eines "ekklesiologischen Atheismus" besteht. Darüber sollte heute nachgedacht werden. Eine Kirche, in der vor lauter Geschäftigkeit alles Mögliche kunterbunt-zeitgeistlich gestaltet wird, zugleich aber die Herzmitte, Jesus Christus, verkannt wird, ja außen vor bleibt, ist verweltlicht. Wer sich vom Sakrament des Heils, vom Leib Christi abgewandt hat, sieht nur noch eine Institution, die recht besehen auch ein Museum für abendländische Kulturgeschichte betreiben könnte.

Bischof Voderholzer aber macht Hoffnung: "Dass die Territorialseelsorge abgedankt, das sakramentale Priestertum sich als überflüssig erwiesen und der gesellschaftliche Einfluss der Kirche sich weiter minimiert habe, sind ganz offenkundig projektionsgesteuerte Urteile, gegen die ich mich verwahre. Ein Dekan berichtete mir schon Ende März, er beobachte, dass es in der Seelsorge plötzlich viel spiritueller zuginge. Die kirchenpolitischen Fragen seien zurückgetreten und alle bemühten sich, auf ihre Weise das Evangelium zu verkünden und den Gläubigen zu helfen, »Hauskirche« zu leben." Mit seinem Werben für die Hauskirche steht Bischof Voderholzer ganz im Einklang mit seinem großen Vorgänger Rudolf Graber. Was er selbst unter "Hauskirche" versteht, erläutert er mit Bischof Grabers Worten: "Ich möchte schließen mit einem Wort meines Vorgängers Rudolf Graber, der sich das Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Familien als Hauskirchen zu stärken, sehr zu Eigen gemacht hatte. »Was bedeutet nun ‚häusliche Kirche‘? Es bedeutet, daß sich die Familie stets ihrer sakramentalen Würde bewußt ist, die ihr durch das Sakrament der Ehe verliehen wurde, und daß auch zu Hause etwas Ähnliches geschieht wie in der Liturgie im steinernen Gotteshaus. So wie die heilige Messe mit dem Gebetsgottesdienst beginnt, so muß auch in der Familie das Gebet, und zwar das gemeinsame Gebet seinen Platz haben, vor allem am Abend. Das ist sicher nicht einfach heute, wo der Herrgottswinkel durch den Fernsehapparat ersetzt ist. Aber die Frage ist einfach: Sind wir Christen oder sind wir es nicht? Wenn wir Christen sind oder sein wollen, dann brauchen wir die lebendige Verbindung mit Gott im Gebet. Darüber gibt es nicht die geringste Diskussion.«"

Die in diesem Band versammelten theologischen Texte aus der Zeit der Corona-Pandemie bezeugen die Sorge des Regensburger Bischofs um die "lebendige Verbindung" mit Gott. Dieses Buch kann, möchte und soll nach dem Wunsch von Rudolf Voderholzer ein "Lichtlein des Glaubens" sein – im Bistum Regensburg und für die Kirche in Deutschland. Diesem Buch sind breite Aufmerksamkeit und einsichtige Leser sehr zu wünschen.

 

Rudolf Voderholzer: "Der ersetzte Sabbat" ist im Verlag Schnell & Steiner erschienen und hat 176 Seiten.

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