Die Suche nach dem Antlitz des Herrn

Geistliche Betrachtungen zur Jesus-Trilogie von Benedikt XVI. – Teil 16

Hans von Aachen: Erweckung des Jünglings von Nain. Eine Illustration des Wunders von Jesus Christus aus dem Lukas-Evangelium.
Foto: Wikimedia (CC0)
23 January, 2021 / 7:00 AM

Das Kirchenjahr schenkt uns allen Begegnungen mit Christus. In den Schriftlesungen hören wir etwa die prophetischen Worte aus dem Alten Testament, die das Kommen des Herrn ankündigen. Wir werden mit Briefen der Apostel und der Geschichte der jungen Kirche vertraut gemacht. Bei der Verkündigung des Evangeliums tritt die Gestalt Jesu uns nahe. Viele Christen finden im Lauf der Jahre Lieblingsstellen und erkennen in den Worten der Schrift auch Stationen ihres eigenen Lebens wieder. Wir schöpfen weiter aus der Quelle, die unser Leben im Glauben begleitet, aus Wort und Sakrament, getragen von der Hoffnung auf Vollendung. Auf diesem nicht immer einfachen Weg begleiten uns wechselnde Zeichen der Zeit. Mitunter treten auch irritierende, verstörende Signale aus dem Raum von Kirche und Theologie hinzu, die verwundern oder sogar rat- und sprachlos machen können.

Auch für Augenblicke oder Zeiten wie diese – denn die Gegenwart zählt bestimmt dazu – ist die Jesus-Trilogie von Benedikt XVI. ein guter Begleiter, eine geistliche Einladung, sich vertieft und neu auf die Begegnung mit Christus vorzubereiten und in allem, wie der Psalmist sagt, nie zu vergessen: "Mein Herz denkt an dich: / Suchet mein Angesicht! / Dein Angesicht, Herr, will ich suchen." (Ps 27,8)

Das innere Bedürfnis ist uns allen bekannt: Wir möchten Jesus sehen, ihm begegnen und verstehen, was uns in diesem Leben geschenkt, gegeben und auch verhängt ist. Wir bitten um den Beistand, wir sprechen Gebete – und wie oft betteln, ja stammeln wir vor Gott. Doch wer macht uns mit Jesus Christus bekannt? Der berühmte Philosoph Immanuel Kant" etwa stellte den Herrn in seiner Religionsschrift als idealen Menschen, als Verkörperung des Sittengesetzes vor und blieb doch befangen in sehr weltlichen Vorstellungen.

Im ersten Band der Jesus-Trilogie greift auch Benedikt einige Jesus-Bilder auf, die in der Theologie entstanden sind oder Resonanz fanden. Vom "antirömischen Revolutionär" war die Rede, von einem "sanften Moralisten", der gute Worte sprach und doch scheiterte: "Wer mehrere dieser Rekonstruktionen nebeneinander liest, kann alsbald feststellen, dass sie weit mehr Fotografien der Autoren und ihrer Ideale sind als Freilegung einer undeutlich gewordenen Ikone." (Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg im Breisgau 2007, 10 f.)

Aus der Vielzahl an persönlichen Betrachtungsweisen, teilweise auch kirchenpolitischen Zerrbildern und philosophischen Deutungsversuchen erwächst mitnichten eine Klarheit, eher wird die Verwirrung vermehrt: "Als gemeinsames Ergebnis all dieser Versuche ist der Eindruck zurückgeblieben, dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und dass der Glaube an seiner Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt hat. Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit vorgedrungen." (ebd., 11)

Vielleicht lassen sich heutige Versuche, den christlichen Glauben auf eine kulturelle Prägung zu reduzieren oder zeitgemäß daran auszurichten, auch von daher verstehen, dass viele Menschen, die im Auftrag der Kirche Dienst tun, Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, in ihrer Rede ungemäß verkleinert haben – zu einem Bruder, Menschenfreund oder netten Nachbarn. Dass Christus aber derjenige ist, auf den alles ankommt und von dem alles abhängt, scheint mitunter in Vergessenheit zu geraten. 

In der Jesus-Trilogie insgesamt bekräftigt der heute emeritierte Papst die Historizität der Person Jesus Christus. Der biblische Glaube gründe auf Geschichte, diese sei "nicht eine auswechselbare symbolische Chiffre, sondern konstitutiver Grund": "Et incarnatus est – mit diesem Wort bekennen wir uns zu dem tatsächlichen Hereintreten Gottes in die reale Geschichte. Wenn wir diese Geschichte wegschieben, wird der christliche Glaube als solcher aufgehoben und in eine andere Religionsform umgeschmolzen." (ebd., 14)

Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. verbindet in seinen Büchern über Jesus die bewährten Formen der Exegese mit einer theologischen Deutung, so dass es gelingt und möglich ist, den Glauben einzufordern, ohne den "historischen Ernst" aufzugeben. Diese geistlichen Schriften gehören zu den Schätzen seines Pontifikates. Indessen schreibt er, dies sei nicht als ein "lehramtlicher Akt", sondern als "Ausdruck meines persönlichen Suchens" nach dem Antlitz des Herrn zu verstehen. Diese Suche verbindet den einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn, der von 2005 bis 2013 zum Dienst auf dem Stuhl Petri bestellt war, mit jedem Einzelnen von uns.

Zu der Neuevangelisierung, der wir alle so sehr bedürfen und zu der Kleriker wie Weltchristen heute bestellt sind, gehört die persönliche Vertiefung des Glaubens, die geistliche Lektüre der Heiligen Schrift, die Besinnung auf und die Begegnung mit Christus. Benedikt XVI. sagte, er habe mit seinen Büchern dazu beitragen wollen, "dass lebendige Beziehung zu ihm wachsen kann". Diese Beziehung bedarf der Annäherung, des Austauschs und des fruchtbaren Gesprächs. Wir verstehen so vielleicht immer mehr, dass wir nicht als losgelöste, autonome Subjekte einsam vor einem fernen Gott stehen, sondern dass der Glaube eine Liebes- und Beziehungsgeschichte ist, zwischen Gott und den Menschen – und so auch untereinander als Glieder des Leibes Christi. Wie anders könnten wir die Kirche des Herrn verstehen als eine Familiengemeinschaft? Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. hat uns mit den Jesus-Büchern wichtige Beiträge zur Beziehungspflege mit Gott und untereinander geschenkt. Die Lektüre kann uns im Glauben bestärken und in die Freundschaft mit Christus tiefer hineinführen.

Ausdrücklich ermunterte Benedikt zu einem kritischen Austausch über die Jesus-Trilogie: "Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt." In den sechzehn kleinen Texten zur Jesus-Trilogie habe ich versucht, auf einzelne Passagen aus den Bänden besonders hinzuweisen und zu einer geistlichen Betrachtung anzuregen. Heute endet diese Reihe, nicht aber ohne dazu zu ermuntern, in großer Dankbarkeit neu auf die drei Bände "Jesus von Nazareth" zuzugehen und damit der persönlichen wie gemeinsamen Suche nach dem Antlitz des Herrn im Glauben der Kirche treu zu bleiben.  

Das könnte Sie auch interessieren: 

;

;

;

;

;

;