Die verborgenen Heiligen

Eine Predigt von des Priesters und Philosophen Aldo Vendemiati zu Allerheiligen

Die Heiligen: Statuen auf den Kolonnaden am Petersplatz in Rom
Foto: Paul Badde / EWTN.TV
01 November, 2021 / 3:59 PM

An jedem Tag des Jahres gibt es im Kalender das Fest oder den Gedenktag an einen Heiligen – und oft sogar an mehr als einen. Warum also ein Fest Allerheiligen?

Weil die Mehrheit der Heiligen nicht im Kalender steht. Diejenigen, deren Feste und Gedenktage wir feiern, sind die Spitze eines Eisbergs - der kleine sichtbare Teil eines riesigen und verborgenen Berges. Wir könnten uns vorstellen, dass die kanonisierten Heiligen den 144.000 mit dem Siegel gekennzeichneten gleichen, die im Buch der Offenbarung erwähnt werden; aber die Heiligen, die wir heute feiern, sind jene große Schar, die niemand zählen konnte, von der gleich danach gesprochen wird.

Es sind all jene Männer und Frauen, die den Herrn Moment für Moment in ihrem Leben aufgenommen haben, weil sie die Gnade Gottes angenommen haben in allem, was geschieht.

Der Herr kommt in jedem Moment, in jeder Situation. Jeder Augenblick bringt etwas mit sich, das wir treu erfüllen sollen. Die Heiligen sind diejenigen, die sich in allem vom Willen Gottes leiten lassen und deshalb den Weg finden, Gott in allen Dingen zu verherrlichen, von den Größten bis zu den Kleinsten.

Deshalb sind sie “selig“, das heißt voller Freude, weil sie alles, was sie in jedem Moment zu tun oder zu leiden haben, als Geschenk aus der Hand Gottes betrachten, die alles mit Gutem erfüllt.

Das ist das einfache Geheimnis der Heiligkeit: Es geht darum, Gott in allem zu lieben, was uns umgibt; in allem, was geschieht; in jedem Augenblick - ohne etwas anderes zu wünschen, weil wir wissen, dass das, was Gott uns gibt, das Beste für uns ist.

Es geht darum, ihm alles anzuvertrauen und zufrieden und glücklich mit Gott zu sein, zufrieden und glücklich mit dem, was er in uns tut und was er uns tun lässt. Das schenkt große Freude und großen Frieden, denn wir wissen, dass Gott uns führt.

Die Heiligkeit liegt nicht in der Quantität oder Qualität der menschlichen Handlungen. Die Heiligkeit entspricht der Liebe zum Willen Gottes. Es gibt keine vollkommeneren und weniger vollkommenen Wege: Jeder Lebensstand bringt seine Kreuze mit sich, in jedem Moment. Und jeder Lebensstand bringt seine Gnaden mit sich, in jedem Moment. Der Heilige ist jener, der Gott in allem preist und alles bereitwillig und gerne annimmt – und das ist seine Seligkeit und seine Glück.

Heute feiern wir die verborgenen Heiligen. Deren Leben unbedeutend und erbärmlich ist in den eigenen Augen und in den Augen der anderen. Es gibt nichts Spektakuläres in ihrem ganzen Leben, alles ist “gewöhnlich”.

Manchmal sind es Menschen, die krank sind - körperlich oder auch psychisch; sie sind tausenden Schwächen und Bedürftigkeiten unterworfen. Sie vollbringen nichts Außergewöhnliches, nichts Heldenhaftes, nichts Spektakuläres. Sie gefallen der Welt nicht und sie gefallen sich selbst nicht. Aber sie gefallen Gott und finden in Gott allein ihre Ruhe und ihre Freude.

Die Heiligen sind vielleicht jene Menschen, die am Wenigsten an ihre eigene Heiligung denken, weil sie Gott die Sorge für alles überlassen. Ihnen genügt es, zu wissen, was sie tun müssen: Gott lieben und jeden Tag ihre Pflicht erfüllen. Und während sie an nichst anderes denken, als zu lieben und zu gehorchen, tut Gott große Dinge in ihnen.

Den Willen Gottes in den außergewöhnlichen Dingen zu lieben braucht nicht so viel Glauben, als den Willen Gottes in den gewöhnlichen und alltäglichen zu lieben, die ihm zu widersprechen scheinen. Sich mit dem gegenwärtigen Augenblick zufrieden zu geben bedeutet, den Willen Gottes in allem, was uns zu leiden und zu lieben aufgegeben wird, zu kosten und anzubeten. Die Heiligen beten Gott auch in den demütigendsten Situationen gleichermaßen an.

Was geschieht ist “Wort Gottes” für uns, Moment für Moment. Wir sehen normalerweise nur das Äußere, den Zufall, die Werke der Menschen – und so beschweren wir uns über alles, wir würdne gerne etwas hinzufügen, etwas wegnehmen, etwas ändern und wir verlieren den Frieden. Die Heiligen sind jene, die nicht mit den Sinnen und dem Verstand messen wollen, was man nur mit dem Glauben messen kann. So übermitteln alle Dinge die Gedanken Gottes und erwkecken neue Gedanken, neue Leiden, neue Taten, neue Propheten, neue Apostel, neue Heilige, die es nicht nötig haben, das Leben voneinander zu kopieren, sondern die nur nötig haben, in vollkommener Hingabe an den Willen Gottes leben

Aldo Vendemiati ist Priester, Professor für Moralphilosophie und Dekan der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.