Papst Benedikt XVI. hat nicht selten marxistisch orientierte Stimmen zu Gehör gebracht und deren Ansätze sorgfältig diskutiert. In seinem Schrifttum finden sich mitunter Bezüge zu Denkern wie Max Horkheimer. Er hat das Gespräch gesucht und die Auseinandersetzungen mit den Theorien, die auf der kritischen Gesellschaftsanalyse von Karl Marx fußen, nicht gescheut. In der Enzyklika „Deus caritas est“ kommt Benedikt XVI. darauf zu sprechen, dass seitens des marxistischen Denkens gegen die kirchliche Liebestätigkeit Einwände formuliert worden seien: „Die Armen, heißt es, bräuchten nicht Liebeswerke, sondern Gerechtigkeit.

Die Liebeswerke — die Almosen — seien in Wirklichkeit die Art und Weise, wie die Besitzenden sich an der Herstellung der Gerechtigkeit vorbeidrückten, ihr Gewissen beruhigten, ihre eigene Stellung festhielten und die Armen um ihr Recht betrügen würden. Statt mit einzelnen Liebeswerken an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse mitzuwirken, gelte es, eine Ordnung der Gerechtigkeit zu schaffen, in der alle ihren Anteil an den Gütern der Welt erhielten und daher der Liebeswerke nicht mehr bedürften.“

Erstaunlicherweise stimmt Benedikt der Kritik teilweise zu. Der Staat müsse die Gerechtigkeit verfolgen. Das „Ziel einer gerechten Gesellschaftsordnung“ liege darin, „unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips jedem seinen Anteil an den Gütern der Gemeinschaft zu gewährleisten“: „Das Entstehen der modernen Industrie hat die alten Gesellschaftsstrukturen aufgelöst und mit der Masse der lohnabhängigen Arbeiter eine radikale Veränderung im Aufbau der Gesellschaft bewirkt, in der das Verhältnis von Kapital und Arbeit zur bestimmenden Frage wurde, die es in dieser Form bisher nicht gegeben hatte. Die Produktionsstrukturen und das Kapital waren nun die neue Macht, die, in die Hände weniger gelegt, zu einer Rechtlosigkeit der arbeitenden Massen führte, gegen die aufzustehen war.“ Die Kirche habe das erst allmählich erkannt. Leo XIII. veröffentlichte 1891 die wegweisende Enzyklika „Rerum novarum“.

Die katholische Soziallehre wurde von den Päpsten des 20. Jahrhunderts vertieft. Immer wieder wurde die soziale Frage in den Mittelpunkt gerückt, besonders von Johannes Paul II. Die Konsequenzen der marxistischen Lehre, die „Weltrevolution“, beurteilt auch Benedikt XVI. als Tragödie: „Dieser Traum ist zerronnen.“ Orientierung aber schenke die Soziallehre der Kirche.

Die „gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates“ sei ein „zentraler Auftrag der Politik“. Grundsätzlich müsse geklärt werden, was das Wesen der Gerechtigkeit ausmache. Die Vernunft müsse gereinigt werden, damit sie ethisch nicht erblindet. Denn Interesse und Macht würden die Vernunft oft blenden: „An dieser Stelle berühren sich Politik und Glaube. Der Glaube hat gewiß sein eigenes Wesen als Begegnung mit dem lebendigen Gott — eine Begegnung, die uns neue Horizonte weit über den eigenen Bereich der Vernunft hinaus öffnet. Aber er ist zugleich auch eine reinigende Kraft für die Vernunft selbst. Er befreit sie von der Perspektive Gottes her von ihren Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst zu sein. Er ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das ihr Eigene besser zu sehen. Genau hier ist der Ort der katholischen Soziallehre anzusetzen: Sie will nicht der Kirche Macht über den Staat verschaffen; sie will auch nicht Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben zugehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen. Sie will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen und dazu helfen, daß das, was recht ist, jetzt und hier erkannt und dann auch durchgeführt werden kann.“

Die Kirche argumentiere von der Vernunft und – das kann man heute nicht oft genug wiederholen – vom Naturrecht her. An politischer Durchsetzung dieser Lehre sei ihr nicht gelegen, sie diene der „Gewissensbildung in der Politik“: „Die Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. Sie kann und darf nicht sich an die Stelle des Staates setzen. Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muß auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muß die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann.“

Liebe als Caritas werde immer nötig sein: „Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte. Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen.“ Der „totale Versorgungsstaat“ sei eine „bürokratische Instanz“. Benedikt beschreibt die Kirche sodann als eine „lebendige Kraft“, denn in ihr lebe die „Dynamik der vom Geist Christi entfachten Liebe, die den Menschen nicht nur materielle Hilfe, sondern auch die seelische Stärkung und Heilung bringt, die oft noch nötiger ist als die materielle Unterstützung“. Zur Caritas sind Kleriker wie Weltchristen berufen: „Von der Übung der Liebestätigkeit als gemeinschaftlich geordneter Aktivität der Gläubigen kann die Kirche nie dispensiert werden, und es wird andererseits auch nie eine Situation geben, in der man der praktischen Nächstenliebe jedes einzelnen Christen nicht bedürfte, weil der Mensch über die Gerechtigkeit hinaus immer Liebe braucht und brauchen wird.“ Ein Christ in der Welt von heute kann also nie sagen, dass er nichts Gutes tun oder bewirken kann. Er ist berufen zum Dienst der Liebe im Alltag, und auch das ist eine echte Berufung, die keiner Ämter bedürftig ist.

Die Geistlichen Betrachtungen zu den Enzykliken Papst Benedikt XVI. finden Sie hier im Überblick.

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