Nächstenliebe – Wie geht das? Eine ganz, ganz praktische Gebrauchsanleitung (Teil 1)

Der heilige Martin einer der Wappenscheiben des Kreuzgangs im Kloster Wettingen im Kanton Aargau (Schweiz). Die Zisterzienser-Abtei wurde 1227 gegründet und 1841 aufgehoben.
Foto: Badener via Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
07 November, 2016 / 9:55 AM

Vor 1700 Jahren wurde der heilige Martin von Tours geboren. Jedes Kind kennt den frommen Soldaten, der seinen Mantel mit dem frierenden Bettler geteilt hat, und so zum Vorbild aufrichtiger Nächstenliebe geworden ist. Sein Gedenktag, der am kommenden 11. November gefeiert wird ist Anlass, ihn nachzuahmen und die Liebe zu unseren Mitmenschen zu trainieren. In drei Teilen präsentiert Monsignore Florian Kolfhaus praktische Tipps für jedermann.

Den Nächsten lieben wie sich selbst

Der heilige Augustinus, einer der größten Theologen der Kirche, hat einmal darüber nachgedacht, welcher Satz der Bibel der allerwichtigste sei. Man stelle sich vor, so sagt er, alle Bibeln der Welt würde verbrennen und nur eine einzige Seite bliebe vergilbt und kaum leserlich übrig. Ja nur ein einziger Satz auf ihre wäre noch zu entziffern, so wäre doch die wichtigste Botschaft gerettet, wenn es das Wort des heiligen Johannes aus seinem ersten Brief wäre: Gott ist die Liebe. Im Mittelpunkt des Christentums steht tatsächlich die Botschaft von der Liebe. Noch einmal deutlich wird das in dem wichtigsten Gebot das Jesus seinen Jüngern gibt – eine Norm, an der, wie er selbst sagt, alles andere hängt, was ein guter Christ tun oder lassen soll: Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Müssten Christen nicht Spezialisten in Sache Liebe sein? - Theoretisch scheint alles klar, aber in der Praxis ist es für Christen oft nicht weniger schwer als für andere zu lieben. Auch für sie ist eine alltagstaugliche Gebrauchsanleitung hilfreich. In diesem Kapitel geht es daher um ganz praktische Tipps für Gläubige – und nicht Nicht-Gläubige – für engagierte Christen und für zweifelnde, wie Nächsten- und Selbstliebe funktionieren kann.

Im Doppelbett mit dem Penner von der Ecke?

Fast jeder, auch unter Nicht-Christen, kennt das bereits erwähnte Gebot Jesu: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Und fast jeder fragt sich dabei sofort, wie soll das gehen? Je konkreter man darüber nachdenkt, umso provokanter, ja absurder und unrealistisch kann diese Forderung werden. Ich will in einem schönen Haus mit Garten wohnen, ein Auto haben und jeden Tag genug zu essen... Muss ich jetzt also den Landstreicher an der Ecke meiner Straße einladen, bei mir zu leben, ihm eine große Scheibe vom Sonntagsbraten abschneiden und ihm sagen, er könne jederzeit meinen Wagen benutzen? Das kann ja nicht sein. Niemand will das, niemand kann das. Das Mass für die Nächstenliebe ist die Selbstliebe. Deshalb sollten wir zuerst darüber nachdenken, was es heißt sich selbst zu lieben. Der Fehler bei der Überlegung, was ich aus Liebe dem nächstbesten Bettler alles schenken sollte,  liegt in einem falschen Begriff von "lieben", genauer gesagt, in einer falschen Vorstellung von dem, wie ich mich selbst liebe. Bedeutet mich selbst zu lieben, dass ich mir alle meine materiellen Wünsche erfülle? Finde ich meine Liebe – oder besser gesagt mein Glück – in einem Traumhaus, schnellen Autos, Reisen, gutem Essen... Die erste ganz praktische Übung ist es sich darüber klar zu werden, was mich wirklich glücklich und zufrieden macht. Was ich mir selbst wünsche, weil ich mich liebe.

Amore lernt man von den Italienern

Im Italienischen gibt es neben dem Wort "ti amo" den schönen Ausdruck "ti voglio bene", um zu sagen "Ich liebe Dich", "Ich mag Dich". Wörtlich kann man das vielleicht auch übersetzen mit: Ich will Dir Gutes. Stellen Sie sich vor, Sie sind Ihr allerbester Freund. Sie lieben sich. Und deshalb wünschen Sie sich nur das Beste, all das, was Sie glücklich macht. Sagen Sie: "Mi voglio bene!" - "Ich wünsche mir selbst Gutes". Nicht nur für einen Moment – auch das darf auf der Wunschliste stehen – aber vor allem auf Dauer, vielleicht für immer. Zählen Sie alles auf. Auf dieser Liste dürfen natürlich materielle Sachen auftauchen, an denen Sie Freude haben. Sie dürfen auch an Ihre Hobbys denken, die ihnen Spaß machen: Sie reiten gerne, also wünschen Sie sich selbst einen feurigen Araberhengst. Sie sammeln Briefmarken, also schenken Sie sich in Gedanken die "Blaue Mauritius". Hören Sie auf alle Fälle nicht zu schnell auf, sie etwas zu wünschen. Sie können sich alles schenken: Also auch Gesundheit, ein hohes Alter, einen liebevollen Partner, einen besten Freund, mit dem man durch Dick und Dünn gehen kann, … Wenn Sie mit dieser Übung nicht zu früh aufhören, werden in ihrem Kopf – und in ihrem Herzen – immer mehr immaterielle Wünsche auftauchen. Und dann stellen Sie sich die Frage, könnte ich noch glücklich und zufrieden sein, wenn ich in eine andere Wohnung umziehen muss, wenn ich meine Familienfotos verliere, wenn ich dies und das nicht mehr habe …

Stellen Sie sich auch vor – und das ist eine sehr harte Übung – was Ihrem Leben noch Sinn geben könnte, wenn Sie nicht gesund wären, nach einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzen oder blind am Stock gehen müssten. Wäre das wirklich das Ende oder gäbe es noch etwas, was Ihr Leben trotzdem noch lebenswert machen könnte?Nick Vujicic, ein junger Mann ohne Arme und Beine, wollte sich als Jugendlicher das Leben nehmen. Gerade in diesem Moment aber hat er Jesus entdeckt und sich bekehrt. Er hat verstanden, dass selbst dieses scheinbar armselige Leben wertvoll ist, weil es voller Liebe und Sinn, Verantwortung und Tugend sein kann.

Das Totenhemd hat keine Taschen

Schließlich denken Sie an den Tag, an dem Sie sterben werden. Verlieren Sie dann alles, was sie glücklich und zufrieden gemacht hat, oder gibt es etwas, das bleibt – selbst über diese Welt hinaus? Wie wollen Sie gelebt haben, wenn Sie auf dem Totenbett zurückblicken? Entdecken Sie, was wirklich für Sie selbst zählt und worauf es in ihrem Leben ankommt. Bleiben Sie aber nicht bei abstrakten Begriffen stehen wie Glück, Zufriedenheit, Sinn, sondern werden sie konkret. Merken Sie, dass Ihnen wie jedem von uns am Ende Familie und Freunde, Vertrauen und Liebe am meisten zählen. Sich selbst lieben heißt daher sich selbst wirklich dieses wahre Glück, dieses gelungene Leben zu wünschen. Christen werden sich unverlierbares Glück, ewiges Leben, kurz gesagt den Himmel wünschen. Das ist auch gut so, denn das ist für uns Menschen tatsächlich das letzte und größte Ziel. Es geht um mein Herz. Hier sitzt die Liebe zu mir selbst und zu den anderen.

Geld beruhigt, aber es macht nicht glücklich

Zurück zu unserem Bettler an der Ecke. Es geht nicht einfach darum, dass sie den nächstbesten Armen in ihre Wohnung holen oder ihm einen mehrstelligen Scheck in den Hut legen. Es geht darum, auch ihm das zu wünschen, was sie sich von ihrem Leben als tiefsten (oder wenigstens tieferen Sinn) erhoffen. So lieben sie ihn. Wie dieser Wunsch konkret werden kann, zur Tat, zur Hilfe, das werden wir noch sehen.

(Teil 2 erscheint am 9. November 2016)

Msgr. Florian Kolfhaus hat folgende Bücher veröffentlicht: "Ganz Dein, Maria" (2. Auflage, Dominus Verlag, Augsburg), "Via Dolorosa" (2. Auflage, Dominus Verlag, Augsburg), "Der Rosenkranz – Theologie auf Knien" (1. Auflage, Dominus Verlag Augsburg). Es sind Bücher für die Praxis eines christlichen Gebets- und Glaubenslebens. Im Media Maria Verlag ist unlängst das Buch erschienen "Stärker als der Tod – Warum Maria nicht gestorben ist".