Neu im Videoblog: "Gemäß Matthäus Kapitel 25, 40"

Christian Peschken (EWTN.TV) im Gespräch mit Erzbischof Fortunatus Nwachukwu, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf

Christian Peschken (EWTN.TV) im Gespräch mit Erzbischof Fortunatus Nwachukwu, Ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf
Foto: Screenshot
27 March, 2022 / 10:01 AM

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “Jeder weiß, dass die Hauptlast der Aufnahme von Flüchtlingen bei den Nachbarländern liegt. Und wir wissen auch, dass die Bereitschaft dieser Nachbarländer oft von ihrer Fähigkeit abhängt, diese Menschen aufzunehmen... Wir beten und wünschen, dass dieses Beispiel auch auf andere Konfliktsituationen und Flüchtlingskrisen in der Welt ausgedehnt wird.”

Bürgermeister Alexander Simon, Eppstein: “Wir sind dafür da, dass die Ukrainer sich wenigstens in der Zeit, wo sie hier sind, wohlfühlen können. Sie sind unsere Gäste und sind herzlich willkommen.”

Mit der aktuellen, durch den Krieg in der Ukraine, ausgelösten Flüchtlingssituation beschäftigte sich   in diesem Monat die UN in Genf während ihrer Menschenrechtsrats Sitzungen. 

Der Heilige Stuhl, im Einklang mit Papst Franziskus, lobte in einer Ausschuss Sitzung des Hohen Kommissars der UN für Flüchtlinge, die Nachbarländer der Ukraine, insbesondere Polen und bekräftigte seine Dankbarkeit für die Großzügigkeit, mit der man Menschen in Not als wahre Völkerfamilie aufnehme.

Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine haben viele Menschen Angst vor einer atomaren Ausweitung. In dem jährlich stattfindenden Zusammentreffen der UN-Gruppe von Regierungsexperten zum Übereinkommen über bestimmte konventionelle Waffen, zitierte die Delegation des Heiligen 

Stuhls Papst Franziskus der mahnte:” Wer Waffen besitzt, wird sie auch benutzen, denn ein Mensch kann nicht lieben, wenn er Angriffswaffen in den Händen hält.”

Ukrainische Flüchtlinge in Deutschland und zum Thema Atomwaffen Verbot. Zu diesen zwei Themen die Meinung des Heiligen Stuhls in Genf und ein kleiner Ausflug nach Eppstein im Taunus, in diesem Bericht. 

Es ist sehr schwierig, genau zu sagen, wie ukrainische Geflüchtete auf die einzelnen Bundesländer verteilt sind. Hier zum Beispiel in dem idyllischen ca. 14.000 Einwohner kleinen Städtchen Eppstein im Taunus, in Südhessen empfing man vor einigen Tagen die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine und man war darauf gut vorbereitet. “. Ja, wir haben hier in Epstein, rund 200 geflüchtete Personen aus der Ukraine, “ sagte uns der Bürgermeister von Eppstein Alexander Simon, “ Das ist alles schwer planbar. Es eine schreckliche Zeit in diesen Tagen mitten in Europa. Ein Angriffskrieg von Putin geführt gegen ein unschuldiges Land, gegen unschuldige Menschen. Und die Menschen sind auf der Flucht und es werden täglich mehr. Es ist schwer zu sagen, wo sie ankommen, ob in Berlin, ob sie weitergehen und wo sie hinkommen. Aber in Eppstein sind aktuell rund 200 Personen und sind sehr gut untergebracht. Wir sind in Eppstein sehr dankbar, denn es gibt viele Menschen, die haben privat, in privaten Häusern, in privaten Wohnungen Menschen aufgenommen. Das ist eine großartige Leistung und große Solidarität, stelle ich hier fest. Wir haben in der Sparkassen Akademie in unserem Stadtteil Vockenhausen auch Platz für 220 Personen geschaffen, gemeinsam mit dem Main-Taunus-Kreis und der Sparkassen Akademie. 

Und da haben wir eine wirklich würdige Unterkunft, kann man sagen, geschaffen. Denn dort gibt es keine Feldbetten. Dort gibt es abschließbare Zimmer, dort gibt es eine Dusche, dort ist auch ein Kühlschrank auf dem Zimmer. Und das ist, glaube ich, angemessen nach einer so großen Tortur, die die Menschen hinter sich haben.”

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden zwischen dem 24. Februar und dem 24. März 2022 rund 246.000 Einreisen von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine dokumentiert. Es ist derzeit nicht möglich, genau zu sagen, wie viele Personen, die aus der Ukraine geflohen sind, Deutschland erreicht haben. 

Übrigens: ukrainische Staatsbürger können ohne Visum in die Europäische Union einreisen und sich in EU-Mitgliedstaaten des Schengen-Raums frei bewegen. 

Wir sprachen mit dem ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf Erzbischof Fortunatus Nwachukwu. 

Exzellenz vor dem Krieg in der Ukraine waren viele Europäer sehr gegen Flüchtlinge, die aus Syrien oder Afghanistan kamen. Viele Europäer äußerten sogar ihre Feindseligkeit. Jetzt im Fall der Flüchtlinge aus der Ukraine scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Menschen heißen die Flüchtlinge sehr willkommen. Ist diese aktuelle Situation Ihrer Meinung nach eine Chance, die Wahrnehmung von Flüchtlingen, Migranten und Asylbewerbern im Allgemeinen zu verändern?

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “ Vielen Dank, Christian. Eine Änderung der Wahrnehmung von verschiedenen Regierungen im Allgemeinen, ist etwas, was wir uns alle für die internationale Gemeinschaft wünschen würden, für jeden, besonders für Flüchtlinge, die am meisten leiden. 

Aber ich glaube nicht, dass dies automatisch zu einer Änderung der Wahrnehmung führen wird. Was wir hier haben, ist eine Manifestation des politischen Willens und Handlungen dieser Länder und der führenden Politiker. Wenn der politische Wille vorhanden ist, kann die internationale Gemeinschaft hier eine ganze Menge tun.

Der politische Wille war sehr stark, vielleicht auch aufgrund der allgemeinen Reaktion der Bevölkerungen hier in Europa. Und die Reaktion der Menschen und der politische Wille, der Empfang und die Offenheit waren überwältigend. Ich habe heute gelesen, dass wir bis zu 10 Millionen Flüchtlinge aufnehmen können.

Jeder weiß, dass die Hauptlast der Aufnahme von Flüchtlingen bei den Nachbarländern liegt. Und wir wissen auch, dass die Bereitschaft dieser Nachbarländer oft von ihrer Fähigkeit abhängt, diese Menschen aufzunehmen. Was also erwartet wird, ist ein guter u und starker politischer Wille der Länder. 

Wir beten und wünschen, dass dieses Beispiel auch auf andere Konfliktsituationen und Flüchtlingskrisen in der Welt ausgedehnt wird und dass in solchen Fällen derselbe politische Wille gezeigt wird. Nicht unbedingt, dass die Grenzen entfernter Länder für die Aufnahme von Flüchtlingen geöffnet werden, aber zumindest in einer robusteren Zusammenarbeit mit den Nachbarländern oder den näheren Ländern, um ihnen die notwendigen Möglichkeiten, wirtschaftliche und logistische Unterstützung zu bieten, damit sie in der Lage sind, sich um diese Migration und die Flüchtlingsströme zu kümmern. 

Natürlich wissen wir, dass einige Leute die Flüchtlingsströme auch ausnutzen. Und wo wir Flüchtlinge haben, haben wir oft auch das, was man als gemischte Migrationsströme bezeichnen könnte. Damit meine ich, dass es sich in der Regel um einen sehr kleinen Prozentsatz von Menschen handelt, die die unglückliche Situation der echten Flüchtlinge ausnutzen, um zu versuchen, ihre Heimat zu verlassen, vielleicht aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Nöte. Und das sind nicht unbedingt Flüchtlinge. Sie sind vielleicht Wirtschaftsmigranten. Und wegen dieser Art von gemischten Strömen werden die Länder unsicher und sind vielfach nicht sehr offen.

Aber, es ist die Hoffnung, dass diese Erfahrung, die Erfahrung der Solidarität, die überwältigende Solidarität, die jetzt zu sehen ist, und der politische Wille, der gezeigt wurde, diese Erfahrung etwas ist, wie ich bereits sagte, dass auch auf andere Konflikt- und Flüchtlingssituationen in der Welt Einfluss haben, wird. “

Die derzeitige Welle von Flüchtlingen aus der Ukraine ist das Ergebnis des Krieges. Der Heilige Stuhl sagte in seiner Erklärung an den Hohen Kommissar der UN für Flüchtlinge, ich zitiere: "Der Heilige Stuhl möchte den Appell von Papst Franziskus erneuern, Krieg als Mittel zur Beilegung von Streitigkeiten abzulehnen.”

Exzellenz, die Theorie des "gerechten Krieges" ist eine Doktrin, die nicht nur von der katholischen Kirche, sondern auch von anderen Religionen, Ethikern, politischen Entscheidungsträgern und militärischen Führern befolgt wird. Bitte erklären Sie unseren Zuschauern, was "gerechter Krieg" aus katholischer Sicht ist. 

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “Nun, lassen Sie mich zunächst unterstreichen, dass Papst Franziskus in dieser Hinsicht sehr deutlich ist. Das Kriege nicht als bevorzugtes Mittel zur Lösung oder Beilegung von Streitigkeiten gesehen werden. Ich habe schon zuvor erwähnt, dass Frieden, den man durch Krieg erreicht, nur aufgeschobener Frieden ist. Dauerhafter Frieden oder eine dauerhafte Lösung wird nur durch Dialog erreicht. Die christliche Lehre, die in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt ist, ist in diesem Punkt sehr klar.

Wir gehen zurück in die Bibel, ins Alte Testament, ins Buch Exodus, Kapitel 20, Vers 13. Wir alle kennen es. Es ist das fünfte Gebot. Es lautet: Du sollst nicht töten. Das ist die grundlegende Sache, die grundlegende Lehre, die wir im Christentum haben. 
Und Jesus selbst ging noch einen Schritt weiter, als er sagte: "Du sollst nicht vergelten. Und das heißt, wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Das ist Matthäus, Kapitel 5, Vers 38, Vers 39 genau. Aber Jesus sagt nicht, dass Du die Wange von jemand anderem hinhalten sollst. Er sagt Du sollst deine eigene Wange hinhalten.

Wenn Sie also sehen, dass das Recht einer anderen Person mit Füßen getreten wird, ist es ein Akt der Nächstenliebe, einzugreifen. Deshalb greifen oft Menschen ein, um die Schwächeren zu verteidigen. Und das führt oft dazu, dass Menschen in den Krieg ziehen. Die Theorie des gerechten Krieges gab es schon vor Jahrhunderten in der katholischen Kirche. 

Ich glaube, die Theorie wurde von St. Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert etwas gestrafft, als er das aufstellte, was man heute als die Prinzipien des gerechten Krieges kennt, die sowohl die Gerechtigkeit, das gerechte Handeln oder das gerechte Denken vor dem Krieg 'jus ad Bellum' als auch das gerechte Handeln während des Krieges 'jus in bello' umfassen. Und dann, was nach dem Krieg zu tun ist, 'jus post bellum'. 

Und das alles zusammen ist die ganze Theorie, über die wir sprechen und die wir gerechten Krieg nennen, die Prinzipien, dass es eine gerechte Ursache geben muss und dass zunächst alle anderen Optionen ausprobiert wurden und erschöpft sind. Es muss also ein letztes Mittel sein, und es muss eine anerkannte Autorität sein, die den Krieg erklärt. Und diese Autorität muss eine ehrliche Absicht haben. Nicht eine Absicht jedoch eine andere verkünden. Und dann muss diese Autorität sicher sein, dass sie den Krieg gewinnen kann, damit er sich nicht ewig in die Länge zieht.

Und dann müssen die Mittel, die während des Krieges eingesetzt werden, dem angestrebten Ziel entsprechen, müssen verhältnismäßig sein. Das ist es, was wir gerechten Krieg nennen.

Aber … lassen Sie mich noch erwähnen, dass wir dies aufgrund menschlicher Unzuverlässigkeit und Reibungen sozusagen geächtet haben. Wir lösen nichts durch Krieg, wie es Papst Franziskus sehr richtig sagt, und das ist die christlich-katholische Position. Den Krieg so weit wie möglich immer zu vermeiden. Versuche alles im Dialog zu lösen, indem man miteinander redet. Menschliche Solidarität, nicht Krieg. Ich denke, wir alle sollten dieses besondere Dokument des Papstes, “Fratelli Tutti - über die weltweite Brüderlichkeit”, noch einmal lesen, um zu verstehen, dass wir keine Kriege brauchen.”

In Bezug auf die aktuelle Krise in der Ukraine hat der Heilige Stuhl bei der UN in Genf, unter Berufung auf Papst Franziskus erklärt:  Wer Waffen besitzt, wird sie schließlich auch einsetzen. 

Exzellenz, ist das Ziel der UN, ein generelles Verbot von Atomwaffen zu erreichen, angesichts der jüngsten Entwicklungen erfolgversprechend? 

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “ Nun, wir tun die Dinge nicht, weil wir sicher sind, dass wir Erfolg haben werden. Ich denke, der Besitz von Atomwaffen ist eine ständige Bedrohung.

Gott sei Dank, für die derzeitigen Staatsoberhäupter von Ländern, die Atomwaffen besitzen.
Wenn man Atomwaffen besitzt, kann man das als Abschreckung gegen Angriffe aus anderen Ländern betrachten. Aber es besteht immer die Möglichkeit, und man braucht nur eine Person zu haben, die vielleicht nicht das nötige Gleichgewicht hat, und dann wird eine Katastrophe über unsere Menschheit hereinbrechen. 

Es bleibt also eine ständige Gefahr. Und Gott sei Dank wird in den Foren der Vereinten Nationen darüber diskutiert, wie man die Atomwaffen ganz und gar verbieten kann. Wir wissen nicht, ob und wann dies gelingen wird, aber ich denke, es ist etwas, für das wir alle beten und auf das wir weiterhin hinarbeiten.

Und wenn ich hinzufügen darf, dass der Heilige Stuhl einer der ersten Unterzeichner des Atomwaffenverbots war, das Anfang dieses Jahres bei der UNO erneut diskutiert wurde und bei dem der Heilige Stuhl sehr aktiv an den Verhandlungen beteiligt war und wiegesagt zu den ersten Unterzeichnern gehörte.”

In seiner Enzyklika “Fratelli Tutti” schrieb Franziskus, dass nukleare, chemische und biologische Waffen und neue technologische Kampfsysteme "dem Krieg eine unkontrollierbare zerstörerische Macht über eine große Anzahl unschuldiger Zivilisten verliehen haben"... Er schrieb weiter ...” Wir können nicht mehr an den Krieg als Lösung denken, denn seine Risiken werden wahrscheinlich immer größer sein als seine vermeintlichen Vorteile. Angesichts dessen ist es heute sehr schwierig, sich auf die rationalen Kriterien zu berufen, die in früheren Jahrhunderten entwickelt wurden, um von der Möglichkeit eines 'gerechten Krieges' zu sprechen. "

“Ja, wenn wir die Bilder ansehen von diesem schrecklichen Krieg,” sagt uns Eppsteins Bürgermeister Alexander Simon, “ weiß man nicht so wirklich, wie es weitergeht. Ich glaube sagen zu können, dass die Personen, die geflüchtet sind, flüchten mussten, vertrieben worden sind aus ihrem eigenen Land, aus ihrem Zuhause, von allem loslassen mussten, was sie dort haben, dass sie wieder dorthin kehren möchten. Dass das, das zu vorderste Ziel ist der Menschen, die jetzt vieles haben, zu Hause zurückzulassen. Und die meisten sind ja auch noch ohne Familie gereist. Der Ehemann ist noch mitten im Kriegsgebiet und da kann ich das durchaus verstehen, dass die Menschen wieder zurückwollen. Wir sind dafür da, dass die Ukrainer und Ukrainer sich wenigstens in der Zeit, wo sie hier sind, wohlfühlen können. Sie sind unsere Gäste sind herzlich willkommen und wir schauen mal, wie das Ganze weiter geht. Und ich stelle hier eine große Solidarität fest, das möchte ich noch mal sagen.”

Beten und hoffen wir, dass der Akt des Papstes zur Weihe Russlands und der Ukraine an die Muttergottes, zu einem schnellen Ende des Krieges führen und die vielen Vertriebenen und Geflüchteten dahin zurückkehren können, wo sie sich zuhause fühlen: In Ihre Heimat, die Ukraine!

Originalinterview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych | Eppstein Segment Patricia Peschken | Deutscher Sprecher Jan Terstiege | Redaktion, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN .TV  

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