Neue Kirchenstatistik bestätigt eine bisher verdrängte Entwicklung

Fronleichnamsprozession
Foto: Fennec / Wikimedia (CC0)
28 June, 2022 / 3:21 PM

Nachdem die deutsche Bischofskonferenz (DBK) die jüngsten Zahlen der Kirchenstatistik aus dem Jahr 2021 veröffentlicht hat, richtete sich der Blick hauptsächlich auf einen neuen Rekord: Die Anzahl der Kirchenaustritte stieg von 221.390 im Jahr 2020 auf 359.338 Menschen im vergangenen Jahr. Zweifellos ein enormer Zuwachs.

Der DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing (Limburg) äußerte sich "zutiefst erschüttert", sagte aber, er sei "zuversichtlich, dass wir mit dem Synodalen Weg als Impuls zur inneren Reform und Erneuerung wichtige Schritte in die richtige Richtung machen".

Nun lassen sich die aktuellen Zahlen angesichts der gegenwärtigen innerkirchlichen Debatten fast beliebig instrumentalisieren. Die eine Sichtweise geht davon aus: Die Reformen sind dringend nötig und kommen eher zu spät. Andere sagen: Seit drei Jahren wird im Kontext des "Synodalen Weges" über massive Änderungen der kirchlichen Lehre diskutiert, und die Leute laufen trotzdem oder gerade deshalb in Scharen davon.

Auch der Blick auf die unterschiedlichen Quoten in den einzelnen Bistümern sind nur bedingt aussagekräftig. Ganz oben in der Austrittsstatistik steht das Erzbistum Berlin mit einer Quote von 2,8 % jährlich im Verhältnis zur Gesamtzahl der Kirchenmitglieder. Der bundesweite Durchschnitt beträgt 1,7 %. Im Erzbistum Köln wurde im März 2021 das Missbrauchsgutachten veröffentlicht. Dennoch ist die Austrittsquote mit 2,3 % genauso hoch wie im Erzbistum München und Freising, wo erst in diesem Jahr ein Gutachten zu kirchlichen Versäumnissen vorgestellt wurde.

Warum das Bistum Limburg mit 2,1 % über eine ähnlich hohe Quote verfügt, bleibt momentan ein Geheimnis. Auch warum beispielsweise die Bistümer Regensburg (1,3 %), Essen (1,3 %) und Eichstätt (1,4 %) deutlich unter dem Durchschnitt bleiben, erschließt sich ebenfalls nicht von selbst.

Die aktuelle Kirchenstatistik richtet den Blick auf einen weiteren Rekord: Mit 4,3 % verzeichnet der Gottesdienstbesuch einen neuen Tiefstand, was angesichts der Corona-Situation nicht verwunderlich ist. Allerdings hatten die Zahlen schon zwei Jahre vor dem Corona-Ausbruch die Zehn-Prozent-Marke nicht mehr erreicht. Wie stark sich das kirchliche Engagement von der Corona-Krise erholt, ist eine offene Frage, die derzeit von vielen Engagierten mit Sorge gestellt wird.

Im Blick auf die Statistik der Gottesdienstbesuche lässt sich am besten die religiöse Situation unter den Katholiken beurteilen: Mehr als 90 % der getauften Katholiken nehmen am religiösen Leben ihrer Gemeinde nicht teil! Papst Franziskus hatte in seinem Brief an das pilgernde Gottesvolk in Deutschland (2019) gemahnt, genau dieser Frage nachzugehen – "sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisierung … bedarf". Der deutsche synodale Sonderweg hat sich ausdrücklich geweigert, dieser Kernfrage nachzugehen.

Auch andere Zahlen verdeutlichen, dass die derzeitigen Kirchenaustritte nur das sichtbare Merkmal einer langfristigen Entwicklung darstellen: der Entfremdung der Menschen von Glaube und Kirche. Nach einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, veröffentlicht im MDG-Trendmonitor Religiöse Kommunikation 2020/21, gaben nur noch 14 Prozent der Katholiken an: "Ich bin gläubiges Mitglied meiner Kirche und fühle mich der Kirche eng verbunden." Weitere 33 % fühlen sich "verbunden", stehen aber "vielen Dingen kritisch gegenüber". Der Mehrzahl der Katholiken in Deutschland bedeutet die Kirche nichts oder nicht viel. Angesichts dieser Tatsache bedeutet ein jährlicher Verlust von derzeit 1,7 % der Kirchenmitglieder keinen zahlenmäßigen Einbruch.

Wenn es darum geht, welche Erwartungen die Katholiken an ihre Kirche haben und was sie interessiert, steht der Wunsch an erster Stelle, dass die Kirche sich für soziale Zwecke einsetzt sowie Schwache und Bedürftige unterstützt (80%). An zweiter Stelle steht das Interesse, einen würdigen Rahmen für wichtige Lebensabschnitte zu finden, zum Beispiel bei Taufen und Hochzeiten (72%).

Bei den Themeninteressen steht Gesundheit (64 %) an erster Stelle; Fragen zur religiösen Erziehung (15%), Glaubensfragen (13%), Stellungnahmen deutscher Bischöfe (7%) und Informationen über das kirchliche Leben (5–6%) rangieren abgeschlagen im hinteren Bereich. In einer früheren Studie der Allensbacher Meinungsforscher über die Glaubensvorstellungen der Katholiken war bereits festgestellt worden, dass nur noch eine Minderheit den fundamentalen Glaubensbekenntnissen zustimmt.

Außer den Austrittszahlen werden derlei Entwicklungen nicht thematisiert. Die Fakten zu den Ansichten der deutschen Katholiken zeigen aber seit Jahrzehnten einen eindeutigen Trend: Glaubensvorstellungen und Kirchenbindungen lösen sich in rasantem Tempo auf! Ob die vom Papst angesprochene Ausgangssituation oder die Themen des deutschen synodalen Sonderweges zielführender sind, hängt eher von der persönlichen Sichtweise als von der Faktenlage ab. Es entsteht der Eindruck: Jahrzehntelang wurden die Probleme beiseite gelegt, jetzt wird überreagiert.

Da hilft eher der Blick über den eigenen Kirchhof hinaus: Weltweit gibt es einen Aufwärtstrend der katholischen Kirche. Im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der Katholiken weltweit um 15,4 Millionen auf insgesamt 1,34 Milliarden. Das Christentum mit etwa 2,3 Milliarden Anhängern liegt zahlenmäßig deutlich vor dem Islam (1,6 Mrd.) und dem Hinduismus (0,9 Mrd.).

In Deutschland hat sich lange Zeit das Modell der Betreuungskirche verbreitet. Die Menschen wuchsen durch Sozialisation katholisch auf. Dieses Prinzip funktioniert längst nicht mehr. Eine Zukunft wird das Christentum nur haben, wenn es sich auf Jesu Auftrag besinnt, Menschen mit Gott in Beziehung zu bringen und eine neue Form von Gemeinschaft zu stiften.

So mahnte schon vor längerer Zeit Karl Rahner, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein müsse, sonst würde das Christentum nicht überleben:

Alle gesellschaftlichen Stützen des Religiösen sind in dieser säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft immer mehr am Wegfallen, am Absterben. Wenn es trotzdem wirkliche, christliche Frömmigkeit geben soll, dann kann sie sich nicht lebendig und stark erhalten durch Hilfen von außen, auch nicht durch Hilfen kirchlicher Art, nicht einmal durch Hilfen – unmittelbar und für sich allein genommen – sakramentaler Art, sondern nur durch eine letzte unmittelbare Begegnung des Menschen mit Gott.

Glaube entsteht dann in erster Linie nicht durch die Auseinandersetzung mit rationalen Konzepten, sondern durch eine existenzielle Suche nach Gottes Wirklichkeit in der eigenen Lebensgeschichte.

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gastautoren wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.

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