Sexualität, Jungfräulichkeit und Berufung. Ein Gespräch mit Maria Luisa Öfele

Die Autorin von "Virgo Maria. Urbild der Kirche - Vorbild der geweihten Jungfrau" erklärt, was sie am Thema fasziniert - und warum es immer mehr geweihte Jungfrauen gibt

Virgo inter Virgines: Das Gemälde zeigt die Jungfrau Maria umgeben von heiligen Jungfrauen. Geschaffen hat es der Meister der Lucialegende um 1500.
Foto: Königliche Museen der Schönen Künste / Wikimedia (CC0)
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26 February, 2019 / 9:25 AM

Papst Franziskus hat zum Abschluss des Krisengipfels im Vatikan sexuellen Missbrauch in der Kirche als Folge des Klerikalismus beschrieben. Aber das 6. Gebot gilt nicht nur für Kleriker, sondern alle Katholiken. Und jeder Mensch muss sich an Regeln halten, was die Sexualität betrifft – mit anderen Worten das sein, was Katholiken "keusch" kennen. Keuschheit kommt buchstäblich aus dem Lateinischen conscius – "beherrscht".

So fremd – und doch brennend aktuell – der Begriff der "Keuschheit" für viele geworden ist, so fremd ist vielen auch der Begriff der geweihten Jungfrau. Diese Gott geweihte Lebensform ist eine große Herausforderung, die eine Vorausschau auf das Ewige Leben verspricht.

Die Regensburger Ordinariatsrätin Maria Luisa Öfele hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit der Berufung der geweihten Jungfrauen - Virgo consecrata - beschäftigt. Die Expertin hat mehrere Bücher zum Thema herausgegeben, darunter im Jahr 2017 ein wahres Standardwerk über die Jungfrauenweihe mit dem Titel "Jungfrauenweihe. Altes und neues Charisma".

Im Advent 2018 ist, ebenfalls im Heiligenkreuzer Be&Be-Verlag, ein weiterer Band zum Thema der geweihten Jungfrauen erschienen, unter dem Titel "Virgo Maria. Urbild der Kirche. Vorbild der geweihten Jungfrau". Maria Luisa Öfele ergänzt darin ihre eigenen Studien mit jenen hervorragender Fachleute, so dass wesentliche biblisch-theologische Fundamente genauso vorgelegt werden wie liturgische Aspekte der "marianischen Dimension eines Gott geweihten Lebens".

Im Gespräch mit Hans Jakob Bürger erzählt sie, was sie an dieser Berufung so sehr fasziniert, dass sie sich damit immer wieder neu beschäftigt.

MARIA LUISA ÖFELE: Diese uralte und immer noch aktuelle Berufung von Frauen in der Kirche ist ein sehr kostbares Zeichen für die Kirche selbst. Die dogmatische Konstitution über die Kirche "Lumen Gentium" beschreibt  im 6. Kapitel die Kirche mit zahlreichen Bildern, darunter auch mit dem Bild einer Braut Christi. Diesem Bild liegt die alttestamentliche Brautsymbolik zu Grunde, insbesondere im Hohenlied Salomos, bis hin zur wiederholten Rede der Braut des Lammes in der Offenbarung des Johannes.

Die geweihte Jungfrau ist vor allem Braut Christi  - sponsa Christi. Dies ist der Kern des Weihegebetes. Aus einem privaten jungfräulichen Leben, welches eine Frau über mehrere Jahre gelebt hat, wird ein öffentlicher Lebensvollzug der Kirche, der durch einen feierlichen Ritus durch den Diözesanbischof von der Kirche angenommen wird. Durch ihre Weihe wird die geweihte Jungfrau zu einem Zeichen, das auf die bräutliche und unzertrennliche Liebe der Kirche zu Christus hinweist. Dies ist ein tiefes Geheimnis, das eine solche Lebensform immer wieder durch Höhen und Tiefen mitten im Alltag trägt. Gleichzeitig muss mit dem Apostel Paulus festgehalten werden: "Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt" (2 Kor 4,7).

Vielleicht können Sie auch ein paar Zahlen nennen, wie viele Frauen weltweit die Jungfrauenweihe "mitten in der Welt" empfangen haben. Die Jungfrauenweihe wird ja mancherorts noch in monastischen Gemeinschaften gespendet.

Mir liegen keine offiziellen Statistiken vor, doch anlässlich des Abschlusses des Jahres des geweihten Lebens (2015) in Rom, war die Rede von über 3.000 virgines consecratae in aller Welt, Tendenz steigend. Es gibt Länder in denen mehr als 500 geweihte Jungfrauen ihren Weg gehen, wie etwa in Italien oder Frankreich. Das hängt auch mit der historischen Entwicklung der Berufung in diesen Ländern zusammen. Interessant ist die Tatsache, dass die Berufung auf allen Kontinenten gelebt wird und die Zahlen der Jungfrauenweihen steigend sind, auch in Deutschland.

Dem heutigen hypersexualisierten Zeitgeist bedeutet Jungfräulichkeit nichts. Stattdessen ist auch die Kirche von Skandalen betroffen, die darum existieren, weil sich viele, darunter auch Priester und sogar Bischöfe, nicht an das 6. Gebot des Dekalogs halten, in dem es heißt: du sollst nicht Unkeuschheit treiben. Wie ist es möglich, auch und gerade den Katholiken die Schönheit und Erhabenheit der Keuschheit klar zu machen, die die Voraussetzung ist für ein jungfräuliches Leben?

Die Definition christlicher Jungfräulichkeit hat ihren Ursprung im Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit. Dies kommt auch im Weihegebet im "Pontificale Romanum", also an zentraler Stelle im Ritus zur Spendung der Jungfrauenweihe, zum Ausdruck: "Die Jungfräulichkeit um Christi willen erkennt in dir, o Gott, ihren Ursprung…" (OCV I, Nr. 24).

Auf dem Fundament der natürlichen Jungfräulichkeit beinhaltet das Charisma geweihter Jungfräulichkeit die mystisch-bräutliche Vermählung mit Christus. Darauf haben sich schon die Kirchenväter bezogen. Die Jungfrauenweihe erfasst das ganzes Sein und Leben einer Virgo consecrata.

Wenn der geweihten Jungfrau der Ehrentitel "Braut Christi" anerkannt wird, der nur der Kirche vorbehalten ist (vgl. OCV I, Nr. 17), dann ist geweihte Jungfräulichkeit nach dem Beispiel der Jungfrau von Nazareth, eine Quelle für eine besondere geistige Fruchtbarkeit, sie ist Quelle der Mutterschaft im Heiligen Geist (vgl. Enzyklika "Redemptoris Mater", Nr. 43)." Diese Berufung ist allein der Frau vorbehalten und ist weit davon entfernt  eine Funktion, ein Amt oder eine besondere Aufgabe darzustellen noch anzustreben. Mehr noch: durch alle Aufgaben und Dienste und in allen Lebensphasen einer geweihten Jungfrau wird ihr innerstes Sein zur Quelle besonderer  geistiger Fruchtbarkeit. Christus, ihr göttlicher Bräutigam, soll wie das Kind in Mariens Schoß, für die Welt groß werden. Darum geht es! Er ist nicht nur der göttliche Gemahl, dem sich die Virgo consecrata in ausschließlicher Liebe für immer vereint, sondern auch das Ziel ihres Lebens über den Tod hinaus. Für ihn allein lebt sie und darum lebt sie auch für alle Brüder und Schwestern, zu denen sie gesandt wird. Liebe kann nicht anders als sich bedingungslos zu verschenken. Alles andere wäre nicht Liebe, sondern ein rein menschlicher Kompromiss. Das Wesen der Liebe ist eben Hingabe, das gilt auch in der Berufung zur Ehe oder zum priesterlichen Leben und in jeder Form Gott geweihten Lebens in der Kirche.

"Zu den Aufstiegen der Liebe und ihren inneren Reinigungen gehört es, dass Liebe nun Endgültigkeit will, und zwar in doppeltem Sinn: im Sinn der Ausschließlichkeit — "nur dieser eine Mensch" — und im Sinn des "für immer". Sie umfasst das Ganze der Existenz in allen ihren Dimensionen, auch in derjenigen der Zeit. Das kann nicht anders sein, weil ihre Verheißung auf das Endgültige zielt: Liebe zielt auf Ewigkeit. Ja, Liebe ist "Ekstase", aber Ekstase nicht im Sinn des rauschhaften Augenblicks, sondern Ekstase als ständiger Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes." (Papst Benedikt XVI., Enzyklika "Deus caritas est", über die christliche Liebe, 25.12.2005, Nr. 6). Ich möchte an dieser Stelle noch auf eine besondere und zentrale Stelle im Weihegebet selbst hinweisen: "Obwohl sie die Würde des Ehebundes, das du geschenkt hast, erkennen, verzichten sie dennoch auf das Glück einer Ehe: denn sie suchen einzig, was das Sakrament der Ehe bedeutet: Die Verbindung Christi mit deiner Kirche" (OCV I, Nr. 17). Es ist sehr kostbar, dass wir an zentraler Stellung der Liturgie, hier den Bezug zur Ehe finden! In diesem "Dasein für", in dieser Hingabe, die zur Findung Gottes führt, ist uns die Jungfrau und Mutter aus Nazareth Vorbild und Wegbegleitung auf unserem Pilgerweg mit Christus. Dieser Weg schließt Fragen und Zweifel, Höhen und Tiefen nicht aus. Auch Maria hat in der Freiheit der Kinder Gottes den Engel gefragt, wie das geschehen sollte, was er ihr verkündet hat. Die Antwort des Engels verheißt den Beistand des Hl. Geistes. Anders ist das darauffolgende "Fiat" Mariens und auch das "Fiat" der Kandidatin zur Jungfrauenweihe nicht möglich.

Bereits im Geleitwort von Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg wird aufgezeigt, dass die Jungfrauenweihe wie jedes Gott geweihte Leben eng mit dem Geheimnis der Kirche verwoben ist. Wie die Jungfrauen, die "nach der Vereinigung mit dem einen Bräutigam Jesus Christus" warten, so erwartet auch die Kirche die endgültige Wiederkunft Jesu Christi. Mir scheint, dass dieses uralte Geheimnis nicht mehr so präsent ist. Könnten Sie dazu etwas sagen?

Die Jungfrauenweihe ist ein ewiger Bund der Liebe mit dem Herrn, über den Tod hinaus. Dabei handelt es sich um ein eschatologisches und prophetisches Zeichen für die kommende, schon angebrochene Welt. Die Weihe ist öffentlich, einmalig und unwiderruflich. Deswegen geht eine angemessene Vorbereitungszeit voraus. Jede Berufung ist nicht mit einem feierlichen liturgischen Akt endgültig vollzogen, sondern erneuert sich immer wieder durch das Wirken des Hl. Geistes. So bleibt jede Berufung auch ein Glaubensakt. Geweihte Jungfräulichkeit repräsentiert die verheißene eschatologische Vollendung der Kirche, die in der verherrlichten Jungfrau und Gottesmutter Maria schon vorweggenommen ist. Auf diesen "Stern des Meeres" blickt "in tausend Bildern" die gesamte Kirche auf ihrer irdischen Pilgerschaft. 

Für Ihr Buch haben Sie Theologen gewinnen können, die nicht nur die marianische Dimension des Gott geweihten Lebens vorstellen; sie vertiefen ihre jeweiligen Ausführungen stets auch biblisch und theologisch. Sogar ein eigenes künstlerisches Kapitel wurde beigesteuert, in dem weitere Deutungsversuche für das jungfräuliche Leben ergänzt werden. In wie weit verlangt es der Stand der Jungfräulichkeit, dass er theologisch-wissenschaftlich neu ausgedeutet wird? Warum und wie muss geistliches Leben durch die Theologie begründet werden?

Ein systematischer und ganzheitlicher Zugang zu jeder Berufung kann nur eine große Hilfe sein, vor allem auch hinsichtlich der Unterscheidung der Geister in der Berufungsfindung. Zu einem gesunden geistlichen Leben, tragenden menschlichen Beziehungen,  gehören eben auch biblische-, theologische und anthropologische Fundamente dazu. Auch der Zugang über die Kunst kann dazu beitragen, manches auf dem eigenen Weg besser zu verstehen. Jede Person vernimmt "die Stimme des Bräutigams" anders! Das kann sowohl durch die Feier der Liturgie, die Musik, die darstellende Kunst und die Schönheit der Schöpfung geschehen. Der Herr kennt keine Grenzen, um seine Liebe zu offenbaren und einen Menschen zu umwerben!

Der Begriff der Jungfrauenweihe, der geweihten Jungfrau ist weiblich begründet. Gibt es in der Kirche Entsprechungen für das männliche Geschlecht?

Die Berufung geweihter Jungfräulichkeit ist in der Kirche Frauen vorbehalten, da sie die natürliche Gabe haben, menschliches Leben zu empfangen. Die Gottesmutter ist in ihrer Liebe sowohl jungfräulich als auch fruchtbar und darin das Urbild der Frau und das Urbild der Kirche. Die geistliche Mutterschaft gehört zum Wesen des Frauseins.  Anders gesagt, die geweihte Jungfrau schenkt Christus Leib und Seele in treuer Liebe, um Christus selbst in die Welt zu tragen. Die Jungfrauenweihe wird zu einem Zeichen für die große Würde der Frau und für die Wertschätzung der Frau in der Kirche.

Männer tragen Christus in die Welt durch den Dienst der Verkündigung, des Lehrens und des Heiligens. Sie tun dies aber qua Amt oder gemäß der spezifischen Sendung einer Gemeinschaft.

  

Maria Luisa Öfele, "Virgo Maria. Urbild der Kirche - Vorbild der geweihten Jungfrau" ist im Be&Be Verlag erschienen und hat 160 Seiten.

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