Was ein Bischof erwägen sollte. Benedikt XVI. über den bischöflichen Dienst

Bischöfe und weitere Würdenträger aus aller Welt auf dem Petersplatz
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
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09 November, 2019 / 7:30 AM

Haben Sie je über Ihren "Wunschbischof" nachgedacht? In der Sedisvakanz tauschen sich Kleriker und Weltchristen oft darüber aus, wer dem – modern gesagt – "Profil" des diözesanen Oberhirten in der Welt von heute am ehesten entsprechen könnte. Auch in den Medien wird gern darüber spekuliert.

Eine bezeichnende Wahrnehmung, im negativen Sinne, bietet der protestantische Denker Sören Kierkegaard, der einsam im Kopenhagen des 19. Jahrhunderts vielfach missverstandene Arbeiten zu Philosophie und Theologie erstellte: Er beobachtete den Kopenhagener Bischof Mynster, der sich geschmeidig und bieder bestens in die dänische Gesellschaft integriert hatte. Ein saturierter Herr, der christliche Phrasen geschickt platzieren konnte. Kierkegaard empörte sich sehr über diesen Apostel der frömmelnden Verweltlichung und Repräsentanten des sogenannten Establishments. Auch wir kennen heute sicher vergleichbare Gestalten, die gekonnt säkularen Erwartungen entsprechen, Lob und Anerkennung für ihr Auftreten empfangen, als ob sie die "Zeichen der Zeit" erkannt hätten und eine ehrwürdige Institution neu modellieren wollten. Was aber sollte ein Bischof heute erwägen, wie sollte er sein?

Am 6. Januar 2013, dem Hochfest der Erscheinung des Herrn, spendete Papst Benedikt XVI. zum letzten Mal in seinem Pontifikat das Sakrament der Bischofsweihe. Unter anderem empfing dies damals sein Privatsekretär Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Hauses. Wer diese heilige Messe mitfeierte, ahnte, spürte oder wusste, als der Heilige Vater das Evangelium auslegte: Das ist eine große Predigt. Benedikt XVI. sprach über den bischöflichen Dienst. Er sagte etwa:

"Wie muß ein Mensch sein, dem die Hände zur Bischofsweihe in der Kirche Jesu Christi aufgelegt werden? Wir können sagen: Er muß vor allem ein Mensch sein, dem es um Gott geht, denn nur dann geht es ihm auch wirklich um die Menschen. Wir könnten auch umgekehrt sagen: Ein Bischof muß ein Mensch sein, dem die Menschen am Herzen liegen, den das Geschick der Menschen bewegt. Er muß ein Mensch für die anderen sein. Aber das kann er nur dann wirklich, wenn er ein von Gott ergriffener Mensch ist."

Wer wirklich im Sinne des Herrn seinen Dienst in der Welt von heute tut, der muss von Gott und Seiner Kirche her denken und handeln. Will ein Bischof nur "seinen Job ausüben", so tut er nicht nur zu wenig, sondern er verfehlt auch seine Bestimmung gänzlich. Der Bischof ist, anders gesagt, nicht dazu bestellt, ein Liebling der Medien, sondern ein Zeuge des Evangeliums zu sein. Er müsse "mit Gott mitdenken und mitfühlen".

In diesem Sinne sagt Benedikt: "Die Unruhe des Menschen nach Gott und von ihr her die Unruhe Gottes nach dem Menschen muß den Bischof umtreiben. Das ist gemeint, wenn wir sagen, daß der Bischof vor allem ein Mensch des Glaubens sein muß. Denn Glaube ist nichts anderes als das innere Berührtsein von Gott, das uns auf den Weg des Lebens führt."

Die Hingabe ruft hinein in das Gebet. Man mag einwenden, das Profil eines Bischofs reiche doch heute viel weiter: Er müsse ein Mann der Gremien sein, sich in Dialogrunden einbringen, sich wortmächtig politisch artikulieren und auch für Interviews bereitstehen. Aufgeschlossenheit für die Moderne scheint angezeigt zu sein. Benedikt spricht hingegen von der pastoralen Berufung:

"Der Bischof muß als Pilger Gottes vor allem ein betender Mensch sein. Er muß im steten inneren Kontakt mit Gott leben, seine Seele muß weit auf Gott hin offenstehen. Er muß seine Nöte und die der anderen, auch seine Freuden und die der anderen, zu Gott hintragen und so auf seine Weise den Kontakt zwischen Gott und der Welt in der Gemeinschaft mit Christus herstellen, damit sein Licht in die Welt hereinleuchtet."

Sprungbereiter Feindseligkeit wird ein Bischof ausgesetzt sein. Wer zur Lehre der Kirche steht und diese für verbindlich hält, wird leicht für konservativ bis reaktionär gehalten oder als Fundamentalist angesehen. Wer zu Christus steht, tritt mit ihm ein in die Passionsgemeinschaft – und auch einfach gläubige Christen wissen nur zu gut, dass die Verhöhnung und Verspottung der Gläubigen und der verbindlichen Glaubens- wie Morallehre bis weit in die Kirche hineinreichen.

Benedikt hat dies am 6. Januar 2013 klarsichtig dargelegt: "Die Demut des Glaubens, des Mitglaubens mit dem Glauben der Kirche aller Zeiten wird immer wieder in Konflikt geraten mit der herrschenden Klugheit derer, die sich ans scheinbar Sichere halten. Wer den Glauben der Kirche lebt und verkündet, steht in vielen Punkten quer zu den herrschenden Meinungen gerade auch in unserer Zeit. Der heute weithin bestimmende Agnostizismus hat seine Dogmen und ist höchst intolerant gegenüber all dem, was ihn und seine Maßstäbe in Frage stellt. Deshalb ist der Mut zum Widerspruch gegen die herrschenden Orientierungen für einen Bischof heute besonders vordringlich. Er muß tapfer sein. Und Tapferkeit besteht nicht im Dreinschlagen, in der Aggressivität, sondern im Sich-schlagen-Lassen und im Standhalten gegenüber den Maßstäben der herrschenden Meinungen."

Wer wollte nicht an unsere Zeit denken? Die Konfliktfelder sind längst abgesteckt, noch ehe der "Synodale Weg" der Kirche in Deutschland begonnen hat. Von irrlichternden Meinungen sind wir seit langer Zeit umgeben. Der Bischof verkündet das Evangelium und wirbt für den Glauben der Kirche – und er tritt auch jenen entgegen, die meinen, sich emanzipieren und damit von der Kirche entfernen zu müssen in das weite Land der Weltlichkeit und der Privatmeinungen:

"Natürlich provozieren wir nicht, sondern ganz im Gegenteil laden wir alle ein in die Freude der Wahrheit, die den Weg zeigt. Aber die Zustimmung der herrschenden Meinungen ist nicht der Maßstab, dem wir uns unterwerfen. Der Maßstab ist ER selbst: der Herr. Wenn wir für ihn eintreten, werden wir gottlob immer wieder Menschen für den Weg des Evangeliums gewinnen. Aber unweigerlich werden wir auch von denen, die mit ihrem Leben dem Evangelium entgegenstehen, verprügelt, und dann dürfen wir dankbar sein, daß wir gewürdigt werden, am Leiden Christi teilzuhaben."

Damals im Petersdom waren die Augenblicke der Stille nach der Predigt von Papst Benedikt XVI. sehr gegenwärtig. Jeder wusste, dass der Heilige Vater in der Weitsicht und Klarheit seiner Gedanken genau beschrieben hatte, was ein Bischof heute erwägen und tun sollte. Ein Bischof ist nämlich auch ein Vorbild für einfach gläubige Christen. Viele von uns denken dankbar an verstorbene Oberhirten, etwa an den seligen Clemens August von Galen, an Johann Michael Sailer oder an Joachim Meisner. Einigen mag das glaubwürdige Zeugnis für Christus und Seine Kirche von Bischöfen in dieser Zeit gegenwärtig sein. Mir kommen heute besonders Kardinal Rainer Maria Woelki und Bischof Rudolf Voderholzer in den Sinn. Ich könnte mir vorstellen, dass alle unsere Oberhirten sich dasselbe von uns wünschen wie Papst Franziskus: Betet für mich.

Wir brauchen treue und mutige Bischöfe so sehr, und alle unsere Bischöfe brauchen unsere Gebete. So stützen und stärken wir sie in ihrem unverzichtbaren Dienst auf beste Weise.

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