Was ganz normale Katholiken sich wünschen

Mann in Kirche (Referenzbild)
Foto: Karl Fredrickson / Unsplash (CC0)
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26 July, 2019 / 12:00 AM

In München steht ein bekanntes katholisches Bildungshaus, das eine lange, große Geschichte hat. Eine Sternstunde des Denkens erlebte die Katholische Akademie Bayern am 19. Januar 2004. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas und Kardinal Joseph Ratzinger trafen sich in München zu einem Gedankenaustausch über die "Dialektik der Säkularisierung", über das Verhältnis von Vernunft und Religion. Vor wenigen Tagen wurde berichtet, dass ein "Hauch von Revolution") – vom Wehen des Heiligen Geistes war nicht die Rede – im Münchner Kardinal-Wendel-Haus zu spüren gewesen sei: Drei Theologen, die Dogmatikerin Johanna Rahner, der Kirchenhistoriker Hubert Wolf und der Moraltheologe Daniel Bogner aus der Schweiz, tauschten sich in einem neuen Gesprächsformat über die altbekannten kirchenpolitischen Themen aus, die der öffentlichen Meinung zufolge Katholiken in Deutschland zuinnerst bewegen.

Das Publikum in München hatte rote und grüne Karten erhalten – für ein spontanes Meinungsbild nach den impulsiven Kurzvorträgen. Hubert Wolf plädierte für die Abschaffung des "Pflichtzölibates". Wer ist dafür, wer dagegen? Sie können sich das Ergebnis vorstellen: Rote Karte, Platzverweis für den Zölibat, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Anschließend wurde in Kleingruppen diskutiert.

Der Schweizer Theologe lobt "Maria 2.0" und berichtet von den hierdurch inspirierten Aktivitäten in seiner Heimat. Bogner ermutigt das Kirchenvolk zu mehr Selbstbewusstsein und bekennt forsch: "Wie fallen wankende Regime?" Die katholische Kirche wird mit sozialistischen Regimen verglichen. Auch Gorbatschow habe Unterstützung gebraucht. Das Publikum applaudierte zwar, aber zögerlich. Ob jemand kopfschüttelnd gegangen ist? Ob einige Anwesende traurig wurden?

Vielleicht hat nach diesem Münchner Diskursfestival mancher auch an das nachdenkliche, philosophisch wie theologisch fundierte Gespräch zwischen Habermas und Ratzinger gedacht, wehmütig und versonnen.

Ich möchte an einen Münchner Philosophen erinnern, der kritische Gedanken zu Diskursen geäußert hat. Robert Spaemann führte vor 20 Jahren ein Gespräch mit David Seeber von der Zeitschrift "Herder Korrespondenz". Der Diskurs, so Spaemann, sei ein "unverzichtbares Medium jeder freien Gesellschaft", erzeuge aber weder Wahrheit noch Normen. Geprüft werde, was ins Gespräch gebracht würde und was die Anwesenden wüssten oder zu wissen glaubten. Wichtig sei der "gute Wille" der Teilnehmer, verstanden als "Wille zur Wahrheit", als "Tugend der Rationalität". Spaemann erklärt:

"Wer primär daran interessiert ist, ob eine Meinung fortschrittlich oder reaktionär, elitär oder egalitär, integrativ oder polarisierend; und nicht, ob sie wahr oder falsch ist, der führt keinen philosophisch relevanten Diskurs."

Vielleicht bin ich ja nur naiv: Das Kriterium der Unterscheidung ist die verbindlich gültige Lehre der Kirche aller Zeiten und Orte, die auch dann noch bindend bleibt, wenn sie nicht mehr verkündet würde. Ich mag subjektive Schwierigkeiten mit der Lehre der Kirche haben. Aber ich darf doch berechtigterweise erwarten, dass ich von der Kirche korrigiert und nicht von Theologen oder Priestern in meiner falschen Meinung auch noch bestätigt werde. Entscheidend ist, sich zu bekehren, sich auf die Wahrheit, also auf Gott hin auszurichten, sich von Christus und Seiner Kirche führen zu lassen. Robert Spaemann sagte weiter: "Diskurs ist nicht Selbstzweck. Sein Zweck ist die Aufklärung jedes einzelnen Diskursteilnehmers. Jeder muß schließlich selbst beurteilen, wann er hinreichend belehrt ist." (Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht, Stuttgart 2007, 227 f.)

Ganz normale Katholiken sind hinreichend belehrt. Ganz normale Katholiken mit Bodenhaftung wünschen sich andere Diskurse. Ganz normale Katholiken möchten einfach nur miteinander ins Gespräch kommen, vor allem aber mit Gott im Gespräch sein. Über diese fundamental bedeutsame Lebenswirklichkeit, die in den neukatholischen Diskursen über "Lebenswirklichkeit" heute vollkommen unbeachtet bleibt, hören wir nichts. Ein Platz für den ganz normalen Katholiken von nebenan ist in den Gruppen des "Synodalen Weges" nicht vorgesehen. Er wird vertreten durch viele Repräsentanten, die für ihn ausgewählt wurden und die ihre eigenen Themen vorbringen werden. Der ganz normale Katholik wird sich dort also weder vertreten fühlen noch vertreten sein. Er wird auch weder sich noch andere fragen: "Wie fallen wankende Regime?" Der ganz normale Katholik glaubt an Gott und Seine Kirche. Der ganz normale Katholik verkündet keine alten oder neuen Thesen. Er haut nicht mit der Faust auf den Tisch, sondern er faltet die Hände zum Gebet. Der ganz normale Katholik weiß im Übrigen, dass der Herr selbst das letzte Wort haben wird, in allem und über alle. Diese Gewissheit schenkt uns ganz normalen Katholiken Gelassenheit, Hoffnung und Zuversicht.

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