"Wer bist Du, Herr?"

Predigt von Erzbischof Bruno Forte in San Nicola, der Pfarrkirche von Manoppello vor dem "Heiligen Gesicht"

Prozession mit dem Volto Santo in Manoppello im Jahr 1931.
Foto: Archiv
18 May, 2020 / 6:15 AM
  1. Mai 2020

 

“Wer bist Du, Herr?”

 

 

Eucharistiefeier in San Nicola, der Pfarrkirche von Manoppello

vor dem „Heiligen Gesicht“

 

 

Predigt von Erzbischof Bruno Forte

 

 

Die heutige Messfeier ist ein Lobpreis Gottes für das Geschenk des kostbaren Schweißtuchs unseres gekreuzigten Herrn aus der Basilika des Heiligen Gesichts, das heute unter uns in der Pfarrkirche des heiligen Nikolaus weilt aus Anlass des dritten Sonntags im Mai, an dem  Jahr für Jahr hier ein Fest an die Ankunft der Reliquie in Manoppello  erinnert. Zudem findet der Dankgottesdienst heute am hundertsten Jahrestag der Geburt des heiligen Papstes Johannes Paul statt, der 1920 als Karol Wojtyla in Wadowice in Polen das Licht der Welt erblickte.  So entfaltet sich das Geheimnis im Wort Gottes der Osterliturgie heute für uns auf zweifache Weise: in dem lichtreichen Geheimnis im Antlitz des Erlösers und in dem Geheimnis, dem wir in der  Gestalt dieses großen Heiligen begegnen,  der in seinem Leben wirklich und wahrhaftig zu einem Liebhaber des Erlösers wurde, in einer Vereinigung der beiden, die ich ohne zu zögen mystisch nennen würde.  Das durfte ich auf ganz besondere Weise und tief erfahren, als mir in der Fastenzeit 2004 eine ganze Woche lang die Gnade zuteil wurde, in intensiver Gemeinschaft mit ihm und für ihn und die Kurie die geistlichen Exerzitien zu leiten, die zu den letzten seines irdischen Lebens werden sollten, an denen er höchst aufmerksam teilnahm.

Am Tisch des Wortes dieser Eucharistiefeier zeigt uns die Lesung  aus der Apostelgeschichte (16,11-15) zunächst die außerordentliche Aufmerksamkeit, die der Apostel Paulus den menschlichen Beziehungen widmet. Neben der Aufgabe, die von ihm gegründeten Gemeinschaften zu besuchen, um die Brüder persönlich zu sehen, berührt uns hier besonders die Feinfühligkeit, mit der er den Frauen begegnet. Mit großer Freiheit wendet er sich an sie, um ihnen die gute Nachricht zu verkünden, und zögert nicht, die Einladung Lydias anzunehmen, einer gottesfürchtigen Purpurhändlerin, um bei ihr mit den Brüdern Gast zu sein. Und es fällt auf, wie seine Aufmerksamkeit  für Gesichter hier besonders zu Tage tritt, in der jeweiligen Einzigartigkeit und Konkretheit ihrer Geschichten. Würden wir uns fragen,  von wem ein glühender Jude wie Saulus gelernt hatte, Gesichtern mit solcher Wertschätzung zu begegnen, insbesondere weiblichen Gesichtern, die von der männlich geprägten Kultur seiner Zeit traditionell eher geringgeachtet wurden, so können wir nur antworten, dass ihm das aus der mystischen Schau mit Dem zuteil geworden war, dem er auf der Straße nach Damaskus begegnet war und der ihn fragte: "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich? (Apostelgeschichte 9,4). Im Herzen des wütenden Verfolgers verdichtete sich diese Schau jedoch zu der konkreten Frage: "Wer bist du, Herr?" - worauf ihm offenbart wurde: "Ich bin Jesus, den du verfolgst!“

Die Bedeutung von Jesu Angesicht, wie sie in der Erscheinung und  Stimme zum Ausdruck kommt, gibt also den Ausschlag für die Berufung des Saulus zum großen Apostel der Heiden,  wie Hananias es ihm drei Tage später in Damaskus mit den Worten bestätigt: "Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist. "

In der persönlichen Begegnung mit dem Antlitz Christi wird unser Leben verwandelt, ja verklärt, bis wir durch die Gnade des Himmels  selbst Apostel werden für ein Zeugnis der Demut, der Nächstenliebe und der Heiligkeit im Dienste des Evangeliums. Aus der Begegnung mit dem Antlitz des Herrn erwachsen Bekehrung und Sendung.

Das Evangelium nach Johannes (15,26-16,4) lässt uns danach begreifen, wer diese verwandelnde persönliche Begegnung mit Christus möglich macht und  wer den Abgrund jener Jahrhunderte überbrückt, die uns von den Tagen seines irdischen Lebens trennen.  Das ist der Geist, der Tröster, den Jesus uns vom Vater sendet. Es ist der Geist der Wahrheit, der Ihn bezeugt und der uns das Zeugnis für Ihn ermöglicht, wenn wir mit Ihm sind und Ihm verbunden bleiben.  

Auch hier verbindet uns das Antlitz des Erlösers wieder mit absoluter Konkretheit in der Kraft Seines Geistes. Indem er uns anschaut und ruft, macht Er uns fähig, so zu lieben, wie Er es von uns verlangt, selbst zum Preis unseres Lebens Zeugen dieser Liebe zu werden, wie es so viele Christenverfolgungen in der Geschichte der Menschheit erwiesen haben. Das Antlitz des Geliebten sendet also nicht nur den Jünger; es wird ihm auch zur Quelle der Kraft, Unmögliches zu vollbringen und furchtlos Zeugnis vom Auferstandenen abzulegen. Das Antlitz, das uns mit Seiner Stimme sendet, ist dasselbe Antlitz, das uns anschaut, begleitet, unterstützt und schließlich  erwartet in der unendlichen Herrlichkeit jener letzten Begegnung in der Fülle der Freude, die keinen Sonnenuntergang mehr kennt. In der Betrachtung und Verehrung vom Heiligen Antlitz Jesu wird uns die Kraft für den missionarischen Eifer und die Treue zuteil, die stärker ist als jede Prüfung.

 

Quelle seiner Berufung und Sendung und Ursprung der Kraft, ihr sein ganzes Leben lang vollkommen treu zu bleiben, war das Antlitz Jesu auch im Leben des heiligen Johannes Paul.  In zwei langen Dialogen, die ich während der Exerzitien 2004 mit ihm führen durfte, sagte er mir  - neben vielen anderen wundervollen Dingen - einen Satz, der für mich die mystische Einheit, mit der er in Christus lebte,  gleichsam mit Händen greifen ließ. Angesichts der Herausforderungen, denen er sich im Dienst an der Kirche und bei der Verkündigung des Evangeliums konfrontiert sah, hielt Johannes Paul in unserem Gespräch einen Moment inne und fügte dann mit einem Gesicht, in dessen Zügen  sich seine Erinnerungen wie zu einem Siegel verdichteten, diese Worte hinzu: "Der Papst muss leiden".

Er betonte dieses "Muss" mit einer solchen Intensität, die mich unwillkürlich an den Satz Jesu an die Jünger von Emmaus im Evangelium des heiligen Lukas denken ließ: "Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?"  Es ist das Gesetz der Liebe. Es ist die Notwendigkeit der Selbsthingabe, die Liebe zu den anderen mit dem Geschenk der eigenen Existenz zu vergüten, wie es die Worte von Paulus und Barnabas zusammenfassen, von denen die Apostelgeschichte berichtet: "Als sie dieser Stadt das Evangelium verkündet und viele Jünger gewonnen hatten, kehrten sie nach Lystra, Ikonion und Antiochia zurück. Sie sprachen den Jüngern Mut zu und ermahnten sie, treu am Glauben fest zu halten; sie sagten: Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen." Wie für die Apostel, so kann auch für Johannes Paul II. die Kraft, so viele Prüfungen durchzustehen, nur vom Herrn Jesus selbst gekommen sein, von seinem Antlitz, das Licht, Liebe und Mut ausstrahlt: "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." (Phil 4,13).

Es ist im Übrigen derselbe heilige Papst, der auch uns dieses mystische Geheimnis seines Lebens offenbart, und zwar mit der Zurückhaltung und Bescheidenheit jener, die vom Unsagbaren sprechen, doch auch mit der Überzeugung derer, die im Dialog und in der liebevollen Betrachtung des Angesichts Christi wahre und tiefe Erfahrungen gemacht haben. In einem Gebet, das der heilige Johannes Paul bei einem  Pastoralbesuch am Samstag, dem 23. September 1989 in der Kathedrale von Lucca gesprochen hat, wo ein antikes hölzernes Kruzifix unbekannter Herkunft als Antlitz Christi verehrt wird,  sagte er Worte, die einen tiefen Glauben mit Erfahrungen mystischer Vereinigung offenbaren und die wir auch heute mit Demut und Liebe an das Heilige Antlitz richten können, das auf dem hier verehrten Schweißtuch eingeprägt ist: „Herr Jesus, gekreuzigt und auferstanden, Bild der Herrlichkeit des Vaters, heiliges Antlitz, das uns ansieht und  barmherzig und sanftmütig prüft, um uns zur Bekehrung zu rufen und  zur Fülle der Liebe einzuladen, wir verehren dich und segnen dich. In deinem lichtreichen Gesicht lernen wir, wie du geliebt wirst und wie du liebst; wo es Freiheit und Versöhnung gibt; wie du Erbauer des Friedens wirst, der von dir ausstrahlt und dich führt. In deinem verherrlichten Gesicht lernen wir, jede Form von Selbstsucht zu überwinden, gegen alle Hoffnung zu hoffen, die Werke des Lebens gegen die Handlungen des Todes zu wählen. Gib uns die Gnade, Dich in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen und unserer christlichen Berufung treu zu bleiben zwischen den Risiken und Veränderungen der Welt.  den Menschen die Kraft des Kreuzes und das Wort zu verkünden, das sie rettet; wachsam zu sein, und unermüdlich auf die geringsten unsere Geschwister zu achten; die Zeichen wahrer Befreiung zu erfassen, die in Dir begonnen haben und die sich in Dir erfüllen werden. Herr, gib deiner Kirche die Kraft auszuharren, wie die Jungfrau Maria an deinem herrlichen Kreuz und an den Kreuzen aller Menschen zu stehen, um ihnen Trost, und Hoffnung zu bringen. Möge der Geist, den Du uns gegeben hast, Dein Heilswerk zur Reife bringen, damit alle Kreaturen, die von den Banden des Todes befreit sind, in der Herrlichkeit des Vaters Dein heiliges Antlitz betrachten können, das von Ewigkeit zu Ewigkeit hell leuchtet. Amen“.

(Übersetzung Walter Breitenmoser)