Vatikanstadt - Montag, 31. März 2025, 13:00 Uhr.
Die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter waren eindeutig. „Ich liebe dich! Ruf mich zuhause an“, sagte eine Frauenstimme. „Möchtest du morgen vorbeikommen und ein wenig Zeit zu zweit verbringen, anstatt uns im Büro zu treffen?“
Als Beverly Willett diese Nachrichten auf dem Telefon ihres Mannes entdeckte, brach für sie eine Welt zusammen. „Wir haben den amerikanischen Traum gelebt“, sagt sie. Zwei gemeinsame Kinder, dazu das Traumhaus in Brooklyn. Der Familie zuliebe hatte Beverly ihre Karriere als Anwältin auf Eis gelegt und gerade mit ihrem Mann das 20-jährige Ehejubiläum gefeiert. Doch dann, kurz vor Weihnachten, zog er aus.
„Ein paar Monate vorher hatten wir auf seinem Wunsch hin mit der Eheberatung begonnen“, erzählt sie im Interview mit EWTN News. „Dann habe ich herausgefunden, dass er bereits eine Affäre hat. Er hatte dann gesagt, er würde die Affäre beenden, aber hat einfach weitergemacht, ohne, dass ich es wusste. Bis er mich kurz vor Weihnachten verlassen hat.“
Eine Scheidung kam für Beverly Willett nicht in Frage. Sie kämpfte vor Gericht um ihre Ehe, auch der Kinder zuliebe. Doch nach vielen Jahren konnte ihr Mann die Scheidung vor Gericht durchsetzen.
Der Leidensweg für Beverly ging weiter – auch dann, als sie schließlich zum Katholizismus konvertierte.
„Erst nach der Konversion verstand ich wirklich, was es bedeutet, diese Last auf den Herrn zu werfen“, sagt sie heute. 2019 hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Es erschien unter dem Titel „Disassembly Required: A Memoir of Midlife Resurrection“.
Katholische Freunde hatten ihr geraten, vor dem katholischen Ehegericht überprüfen zu lassen, ob ihre Ehe überhaupt nach kirchlichem Maßstab gültig gewesen sei. Doch Beverly glaubt, dass Gott andere Pläne mit ihr hat, wie sie gegenüber EWTN News in einer Reportage für das Nachrichtenmagazin Vaticano verrät. Sie sagt, dass es ihr heute gut gehe: „Ein Teil meiner Heilung und alles andere kam daher, dass ich katholisch wurde, die Ehe besser verstand und meine Beziehung zu Gott wirklich vertiefte und die Dinge Gott überließ.“
Eine „katholische Scheidung“ gibt es nicht
Die Katholische Kirche war schon immer eine Anwältin der Familie und Verteidigerin des Ehebundes. Die vom heiligen Papst Johannes Paul II. entwickelte „Theologie des Leibes“ dient auch heute noch vielen Ehepaaren als wichtiges Werkzeug. Dennoch scheitern immer wieder Familien an dem angestrebten Ideal.
Deshalb hatte Papst Franziskus für den Monat März dazu aufgerufen, für „Familien in Krisen“ zu beten. „Wir alle träumen von einer schönen, perfekten Familie, aber so etwas wie eine perfekte Familie gibt es nicht“, sagte der Papst in seiner veröffentlichten Videobotschaft.
Das katholische Eheverständnis orientiert sich seit jeher an den Worten Jesu aus der Bibel. Das 19. Kapitel im Matthäus-Evangelium schildert, wie die Pharisäer vom Gottessohn wissen möchten, ab wann ein Mann seine Frau „aus der Ehe entlassen“ dürfe. Gar nicht, antwortet Jesus. Bei der Hochzeit seien beide Partner nun „ein Fleisch“ geworden und „was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6).
Eine „Scheidung“ im Sinne des weltlichen Rechts gibt es in der Katholischen Kirche nicht. Allerdings kann das Kirchengericht feststellen, ob eine Ehe gültig geschlossen wurde. Ist dies nicht der Fall, kann die Kirche die Annullierung aussprechen. Das Kirchenrecht kennt dafür klare Kriterien.
Wann ist eine Ehe kirchenrechtlich gültig?
Der deutsche Priester Markus Graulich SDB arbeitet im Vatikan als Untersekretär des Dikasteriums für Gesetzestexte. Schon davor war er seit vielen Jahren am Kirchengericht in Rom tätig, in der Rota Romana.
Im EWTN-Interview betont er, dass für eine gültige Ehe bei beiden Partnern die Überzeugung vorhanden sein muss, dass die Eheschließung „für immer gilt, nicht nur für eine bestimmte Zeit“. Die Offenheit für Kinder muss ebenfalls vorhanden sein wie auch das Versprechen zur Treue. Zusätzlich müssen beide Partner in der Lage sein, zu verstehen, was genau sie da „vor Gottes Angesicht“ versprechen. „Und wenn eines dieser Dinge fehlt, wenn ich Kinder ausschließe, wenn ich die Unauflöslichkeit ausschließe, wenn ich die Treue ausschließe, oder wenn ich gezwungen werde zu heiraten, dann ist die Ehe ungültig, weil die Zustimmung nicht auf gültige Weise zustande gekommen ist“, so Graulich.
Im Zuge seiner Kurienreform hatte Papst Franziskus 2015 das Annullierungsverfahren insgesamt beschleunigt. Doch für gültig geschlossene Ehen ist die sogenannte „Wiederheirat“ nach einer staatlich erfolgten Scheidung weiterhin kirchenrechtlich ungültig.
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Trennung unter Umständen ratsam
Doch in bestimmten Fällen kann die Kirche zur räumlichen Trennung der Paare raten. Papst Franziskus hat das während seiner Katechese über die Familie im Juni 2015 so ausgedrückt: „Wenn Mann und Frau ein Fleisch geworden sind, dann wirken alle Wunden und jede Preisgabe von Vater und Mutter sich im lebendigen Fleisch der Kinder aus. Andererseits ist es wahr, dass es Fälle gibt, in denen die Trennung unvermeidlich ist. Manchmal kann sie sogar moralisch notwendig werden, wenn es darum geht, den schwächeren Ehepartner oder die kleinen Kinder vor schlimmeren Verletzungen zu bewahren, die von Überheblichkeit und Gewalt, von Demütigung und Ausbeutung, von Nichtachtung und Gleichgültigkeit verursacht werden.“
Prälat Graulich sagt, dass in einer missbräuchlichen Ehe die Kirche die „Trennung von Tisch und Bett“ gewähren kann, wenn dies die einzige Möglichkeit sei, um die körperliche und psychische Unversehrtheit der Partner zu gewährleisten. Diese Fälle seien laut Graulich „gar nicht so selten, wie man meinen könne“. In manchen Fällen sei im Hinblick auf Unterhaltszahlungen oder der Frage des Sorgerechts für die Kinder eine Scheidung staatlicherseits nötig. Die Kirche würde zwar nicht zu einer Scheidung raten, würde sie in solchen konkreten Fällen jedoch auch „nicht ablehnen“, erklärt der Kirchenrechtler. Vor dem staatlichen Gesetz seien diese Paare nun zwar geschieden, nach kirchlichem Recht offiziell aber weiterhin gültig verheiratet.
Kinder als „Geiseln“
Dass eine Scheidung jedoch grundsätzlich nicht unproblematisch sei, davor warnte auch Papst Franziskus wiederholt. „Wenn die Erwachsenen den Kopf verlieren“, sagte der Pontifex in seiner Familien-Katechese von 2015, „wenn jeder nur an sich selbst denkt, wenn Vater und Mutter einander wehtun, dann leidet die Seele der Kinder sehr, spürt sie Verzweiflung. Und diese Wunden hinterlassen Narben für das ganze Leben.“ Die Kinder dürfen besonders im Falle einer Scheidung „nicht zu Geiseln des Vaters oder der Mutter werden“, betonte der Heilige Vater.
Wie sich das anfühlt, das weiß Daniel Meola. Der US-Amerikaner ist Mitgründer der Organisation „Life-giving Wounds“, einer katholischen Initiative, die sich vor allem um Scheidungskinder kümmert. Meola war 11 Jahre alt, als sich seine Eltern trennten.
Die Trennung seiner Eltern habe ihn damals tief getroffen, gesteht Daniel Meola im Interview mit EWTN News. „Ich würde sagen, dass es bis heute das größte Leid ist, das mir je widerfahren ist, und es hat meine Identität geprägt.“ Hinzu kam damals das Gefühl der Scham, aber auch des Verrats und der Verlassenheit. Doch er beschloss, anderen zu helfen, die eine ähnliche Erfahrung durchmachten. Mit „Life-giving Wounds“ hat er nach eigenen Angaben schon über zweitausend Familien pastoral begleitet.
Er sagt, dass es viele Herausforderungen gibt, mit denen Scheidungskinder zu kämpfen hätten. Einerseits hätten viele oft Schwierigkeiten in der Trauerbewältigung. Zudem gehe mit der Identitätskrise häufig auch eine Glaubenskrise einher. Auch die Fähigkeit, eine eigene gesunde Beziehung oder Ehe zu führen, würde durch die Erfahrung der Scheidung der Eltern beeinträchtigt. „Wir Scheidungskinder kämpfen in unserem Gefühlsleben mit Wut, Angst und Depression“, erklärt Meola, „wir kämpfen mit unserer Vergebungsbereitschaft und den Familienbindungen. Und wir verlernen oft, wie man vernünftig mit Leid umgeht.“
Ein provisorisches Bier
Daniel Meola kommt nach den Jahren der pastoralen Begleitung von zerbrochenen Familien jedoch auch zu der Erkenntnis, dass eine Scheidung von vielen Paaren viel zu schnell in Erwägung gezogen werde. Oft würden sich Paare bei Konflikten schon zu früh isolieren, „bis es zu spät ist“.
Prälat Graulich in Rom bestätigt diese Einschätzung. Nach vielen Jahren an der Rota Romana sagt er im EWTN-Interview, dass der Hauptgrund bei vielen Scheidungen darin liege, dass sich viele Paare zu schnell „gegenseitig aufgeben“. „Manche Paare langweilen sich nach einer Weile, weil sie sich zu sehr aneinander gewöhnt haben“, berichtet er, „andere heiraten vielleicht zu jung oder aus den falschen Gründen. Auch wenn man heiratet, um endlich von zu Hause wegzukommen, ist das kein guter Grund für eine Ehe. Und dann denken manche, eine Trennung sei der einfachere Weg, statt an den Schwierigkeiten zu arbeiten.“
2015 hatte der Kirchenrechtler gemeinsam mit dem Theologieprofessor Ralph Weimann das Buch „Im Glauben das ‚Ja’ wagen“ veröffentlicht. Darin geben beide Priester auch praktische Tipps an Eheleute. Graulich ist überzeugt: Die meisten Scheidungen wären vermeidbar.
Im Gespräch erinnert der Vatikan-Beamte an eine Anekdote, die der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, einmal erzählt hatte. Jeden Abend, wenn der Vater des späteren Kardinals nach Hause kam, habe er die Kinder aus dem Raum geschickt und sich alleine mit der Mutter in die Küche gesetzt, um gemeinsam ein Bier zu trinken und einfach nur zu reden. „Das ist ein Beispiel für eine gute Form der Prävention“, so Graulich. Sein Tipp an Eheleute lautet: „Wenn Sie nach Hause kommen, reden Sie miteinander, tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus.“
Schmunzelnd fügt er an: „Sie können auch einen Tee trinken, es muss nicht unbedingt ein Bier sein.“
Sehen Sie hier die EWTN-Reportage „Zerbrochene Familien heilen“: