Vatikanstadt - Freitag, 9. Januar 2026, 12:05 Uhr.
Papst Leo XIV. hat vor Diplomaten die Warnung ausgesprochen, „dass es im gegenwärtigen Kontext zu einem regelrechten ‚Kurzschluss‘ der Menschenrechte kommt“. Die Päpste wenden sich traditionell zu Beginn des Jahres an die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten und gehen dabei ausführlich auf die Weltlage ein.
„Das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Gewissensfreiheit, auf Religionsfreiheit und sogar auf Leben wird im Namen anderer sogenannter neuer Rechte eingeschränkt, was dazu führt, dass das System der Menschenrechte selbst an Kraft verliert und Raum für Gewalt und Unterdrückung öffnet“, sagte Leo am Freitagvormittag. „Dies geschieht dann, wenn jedes einzelne Recht selbstreferenziell wird und insbesondere dann, wenn es seine Verbindung mit der Wirklichkeit der Dinge, mit deren Natur und mit der Wahrheit verliert.“
Meinungsfreiheit
Konkret beklagte der Papst, „dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird“. Außerdem entwickle sich „eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack“, so Leo, „die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist“.
Gewissensfreiheit
„Aus dieser Fehlentwicklung ergeben sich leider weitere, die dazu führen, dass die Grundrechte des Menschen beschnitten werden, angefangen bei der Gewissensfreiheit“, fuhr der Papst fort. „In diesem Zusammenhang ermöglicht es die Verweigerung aus Gewissensgründen dem Einzelnen, gesetzliche oder berufliche Verpflichtungen abzulehnen, die im Widerspruch zu moralischen, ethischen oder religiösen Grundsätzen stehen, die tief in seinen persönlichen Überzeugungen verwurzelt sind: sei es die Verweigerung des Militärdienstes im Namen der Gewaltfreiheit oder die Ablehnung von Praktiken wie Abtreibung oder Euthanasie durch Ärzte und medizinisches Personal.“
„In diesem besonderen geschichtlichen Augenblick scheint die Gewissensfreiheit zunehmend seitens der Staaten in Frage gestellt zu werden, auch von jenen, die sich auf Demokratie und Menschenrechte zu gründen bekunden“, kritisierte der Pontifex. Eigentlich aber schaffe die Gewissensfreiheit „ein Gleichgewicht zwischen dem gemeinschaftlichen Interesse und der individuellen Würde und verdeutlicht, dass eine wirklich freie Gesellschaft keine Einheitlichkeit auferlegt, sondern die Vielfalt der Gewissen schützt, autoritären Auswüchsen vorbeugt und einen ethischen Dialog fördert, der das soziale Gefüge bereichert“.
Religionsfreiheit
Neben der Meinungs- und der Gewissensfreiheit kam Leo auch auf die Religionsfreiheit zu sprechen: „Die neuesten Daten zeigen, dass Verstöße gegen die Religionsfreiheit zunehmen und dass 64 % der Weltbevölkerung schwerwiegende Verletzungen dieses Rechts erleiden.“
Zwar betonte der Heilige Stuhl die Religionsfreiheit nicht nur für die Kirche selbst, sondern „auch für alle anderen Religionsgemeinschaften“, aber man müsse sehen, „dass die Verfolgung von Christen nach wie vor eine der größten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit ist, von der weltweit über 380 Millionen Gläubige betroffen sind, die aufgrund ihres Glaubens in erheblichem oder extremem Maße Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind“.
Neben der gewalttätigen Christenverfolgung bis hin zu Morden etwa in Nigeria gebe es allerdings auch „eine subtile Form der religiösen Diskriminierung gegenüber Christen“, sagte Leo. Diese Form breite sich auch in Ländern aus, „in denen sie zahlenmäßig in der Mehrheit sind, wie in Europa oder Nord- und Südamerika, wo ihnen manchmal aus politischen oder ideologischen Gründen die Möglichkeit beschnitten wird, die Wahrheit des Evangeliums zu verkünden, insbesondere wenn sie sich für die Würde der Schwächsten, der Ungeborenen oder der Flüchtlinge und Migranten einsetzen oder die Familie fördern“.
Migration
Der Papst ging auf das Thema Migration ein und betonte „dass jeder Migrant ein Mensch ist und als solcher unveräußerliche Rechte besitzt, die in jeder Situation zu respektieren sind“. Andererseits räumte er implizit ein, dass „die Maßnahmen, die die Staaten gegen Illegalität und Menschenhandel ergreifen“, nicht illegitim sind. Sie dürften jedoch „nicht zu einem Vorwand werden, um die Würde von Migranten und Flüchtlingen zu verletzen“.
Familie
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Zum Thema Familie sagte der Pontifex, sie stehe „vor zwei entscheidenden Herausforderungen. Einerseits ist im internationalen System eine besorgniserregende Tendenz zu beobachten, ihre grundlegende soziale Rolle zu vernachlässigen und zu unterschätzen, was zu ihrer fortschreitenden institutionellen Marginalisierung führt. Andererseits lässt sich die zunehmende und schmerzhafte Wirklichkeit fragiler, zerrütteter und leidender Familien nicht leugnen, die unter inneren Schwierigkeiten und besorgniserregenden Phänomenen leiden, einschließlich häuslicher Gewalt.“
Abtreibung, Leihmutterschaft und Beihilfe zum Selbstmord
„Familien in die Lage zu versetzen, werdendes Leben anzunehmen und sich umfassend um es zu kümmern“, sei eine „grundlegende ethische Verpflichtung“, fügte er hinzu, um dann ausführlich auf die Themen Abtreibung, Leihmutterschaft und Beihilfe zum Selbstmord einzugehen.
Es gelte „die kategorische Ablehnung von Praktiken, die den Ursprung des Lebens und seine Entwicklung verhindert oder instrumentalisieren“, sagte Leo in aller Deutlichkeit. „Dazu gehört die Abtreibung, die ein werdendes Leben beendet und die Annahme des Geschenks des Lebens verweigert.“
„In diesem Sinne äußert der Heilige Stuhl tiefe Besorgnis über Projekte zur Finanzierung der grenzüberschreitenden Mobilität zwecks Zugangs zum sogenannten ‚Recht auf sichere Abtreibung‘ und hält es für beklagenswert, dass öffentliche Mittel für die Vernichtung von Leben verwendet werden, statt in die Unterstützung von Müttern und Familien investiert zu werden“, fuhr er fort. „Das vorrangige Ziel muss weiterhin der Schutz eines jeden ungeborenen Kindes und die wirksame und konkrete Unterstützung einer jeden Frau sein, damit sie das Leben annehmen kann.“
„Ebenso gibt es das Phänomen der Leihmutterschaft, die durch die Umwandlung der Schwangerschaft in eine verhandelbare Dienstleistung sowohl die Würde des zu einem ‚Produkt‘ reduzierten Kindes als auch der Mutter verletzt, indem sie deren Leib und den Prozess der Fortpflanzung instrumentalisiert und das ursprüngliche Beziehungsgefüge der Familie entstellt“, erläuterte Leo die kirchliche Position, die auf dem Naturrecht basiert.
„Derartige Erwägungen lassen sich auch auf kranke und ältere Menschen sowie auf Alleinstehende übertragen, die manchmal Schwierigkeiten haben, einen Grund zum Weiterleben zu finden“, sagte er schließlich. „Es ist Aufgabe auch der Zivilgesellschaft und der Staaten, konkret auf Situationen der
Gebrechlichkeit zu reagieren, indem sie Lösungen für menschliches Leiden anbieten, wie etwa die
Palliativmedizin, und eine Politik der echten Solidarität fördern, statt falsche Formen des Mitgefühls
wie die Sterbehilfe zu unterstützen.“
Internationale Krisen
Papst Leo sprach mehrere internationale Krisen an, zunächst den Ukraine-Krieg und dann das Heilige Land, „wo die Zivilbevölkerung trotz des im Oktober verkündeten Waffenstillstands weiterhin unter einer schweren humanitären Krise leidet, die zu dem bereits erlebten Leid noch weiteres hinzufügt“.
Angesichts des US-amerikanischen Militärangriffs auf Venezuela, um dem langjährigen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau vor einem Gericht in den Vereinigten Staaten den Prozess zu machen, beließ es Leo bei sehr diplomatischen Worten. Er verurteilte weder die faktische Diktatur in Venezuela und die Maduro vorgeworfenen Verbrechen noch die Militäraktion der Vereinigten Staaten, die von den meisten Experten als Bruch des Völkerrechts charakterisiert wird.
Stattdessen sagte Leo: „Große Besorgnis erregt auch die Verschärfung der Spannungen in der Karibik und entlang der amerikanischen Pazifikküste. Ich erneuere meinen eindringlichen Appell, nach friedlichen politischen Lösungen für die gegenwärtige Situation zu suchen, wobei das Gemeinwohl der Bevölkerung im Vordergrund stehen muss und nicht die Verteidigung von Partikularinteressen.“
„Dies gilt insbesondere für Venezuela infolge der jüngsten Entwicklungen“, fuhr er fort. „In diesem Zusammenhang erneuere ich meinen Appell, den Willen des venezolanischen Volkes zu respektieren und sich für den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte aller einzusetzen sowie für den Aufbau einer Zukunft in Stabilität und Eintracht und sich dabei vom Beispiel seiner beiden Kinder inspirieren zu lassen, die ich im vergangenen Oktober heiligsprechen durfte, José Gregorio Hernández und Schwester Carmen Rendiles. So kann eine Gesellschaft aufgebaut werden, die auf Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Geschwisterlichkeit gründet und auf diesem Weg die schwere Krise überwunden werden, unter der das Land seit vielen Jahren leidet.“
Einhaltung des Völkerrechts
An anderer Stelle sagte Papst Leo in seiner Ansprache, das humanitäre Völkerrecht sei einzuhalten und dürfe „nicht von militärischen und strategischen Umständen und Interessen abhängig sein“.
„Das humanitäre Völkerrecht garantiert nicht bloß ein Mindestmaß an Menschlichkeit inmitten der Plagen des Krieges, sondern ist auch eine Verpflichtung, die die Staaten eingegangen sind“, betonte der Pontifex, der selbst ausgebildeter Kirchenrechtler ist. „Es muss stets Vorrang vor den Ambitionen der Kriegführenden haben, um die verheerenden Auswirkungen des Krieges zu mildern, auch unter dem Gesichtspunkt des Wiederaufbaus.“




