25. Januar 2026
So verfehlt es für Christen auch wäre, die Profangeschichte als gänzlich unabhängig von der Vorsehung Gottes betrachten zu wollen, so ginge es andererseits schlecht an, die Welt- mit der Heilsgeschichte einfach zu vermengen. Die mit Abraham beginnende, in der Auferstehung Jesu Christi kulminierende und im Tod der Apostel endende Heilsgeschichte ist zwar ganz und gar in die profane Historie der Menschheit eingefügt, gehört jedoch keineswegs derselben Bedeutungsebene an. Aus diesem Grund unterscheidet das Lehramt zwischen der biblischen Geschichte und deren Offenbarungscharakter einerseits und Offenbarungen privater Art in nachapostolischer Zeit andererseits. Daran vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass sich eine Reihe von Privatoffenbarungen der offiziellen kirchlichen Anerkennung erfreuen.
Der bezeichnete Sachverhalt hat zur Folge, dass für Katholiken keinerlei Verpflichtung vorliegt, Inhalte von Privatoffenbarungen in das Glaubensgut hineinzunehmen. Andererseits ist kaum zu bezweifeln, dass die kirchlich anerkannten übernatürlichen Ereignisse und gegebenenfalls auch Botschaften der bekannteren Gnadenorte – diese stehen seit dem 19. Jahrhundert zumeist mit Marienerscheinungen in Verbindung – das persönliche Glaubensleben wie auch den gemeinsam gefeierten Kult spürbar zu bestärken und zu bereichern vermögen.
Ende 2025 ist im Verlag Schnell und Steiner in Regensburg als Band 10 der von Josef Kreiml und Julia Wächter herausgegebenen Reihe Marianum ein neues Buch über den weltbekannten portugiesischen Wallfahrtsort Fatima erschienen. Um es gleich vorweg zu sagen: Wir halten dieses Büchlein für eine schlichtweg ideale Einführung in die geschichtlichen Hintergründe dieser Wallfahrt und in die mit den Marienbotschaften gegebene spezifische „Spiritualität Fatimas“, von der am Ende dieser Rezension noch kurz die Rede sein soll. Zudem haben wir mit diesem durch berückende Fotos sinnvoll angereicherten Band eine zuverlässige Darstellung der Erscheinungen, der Wunder und – hierauf legt die Autorin Julia Wächter ihr besonderes Augenmerk – der drei wichtigsten Prophezeiungen in unserer Hand. Gleich anfangs erfährt man von der erstaunlichen Tatsache, dass allein im Jahr 2017, als sich die Erscheinungen zum hundertsten Male jährten, schwer vorstellbare 9,4 Millionen Menschen Fatima besuchten, um hier zu beten und zu beichten, Fürbitten zu leisten und an den zahlreichen Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen teilzunehmen.
In jeweils prägnanten Schilderungen werden Leserin und Leser an die Ereignisse nahe dem Marktflecken Fatima im Epochenjahr 1917 (Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA) herangeführt, finden die drei Seherkinder die ihnen gemäße Charakterisierung, wird das Sonnenwunder vor den Augen von etwa 50.000 Menschen bzw. Zeugen beschrieben, findet die Botschaft an die Kinder ihren klaren Ausdruck wie auch ihre sinnvolle Erläuterung. Und was bei anderen Darlegungen der Ereignisse in Fatima oft gar nicht zur Sprache kommt: Nicht unbedeutende Aspekte dieser Botschaft waren prophetischer Natur.
Nachdem bereits Veit Neumann in einem bestechenden Vorwort – dem Versuch einer Aktualisierung der Ereignisse von 1917 im Blick auf die gegenwärtige Gefahr eines dritten Weltkriegs – das Thema Krieg und Frieden eröffnet hat, wagt Julia Wächter einen – m. E. durchaus überzeugenden – Versuch, die eingetroffene schreckliche Tatsache eines Zweiten Weltkriegs als gänzlich konform mit den Worten Marias zu deuten. Das gelingt dadurch, dass die Autorin den Beginn des Kriegs bereits an der Annexion Österreichs festmacht, diesen als nicht erst, wie sonst üblich, mit dem Überfall auf Polen beginnen lässt. Auf diese Weise fällt der Anfang des Zweiten Weltkriegs – in Übereinstimmung mit den Worten Marias – in das Pontifikat Pius‘ XI. und nicht erst in das seines Nachfolgers. Weitere sehr beachtenswerte Ausführungen finden sich zur Vorhersage Marias eines geheimnisvollen „nächtlichen Lichts“ als unheimliches Vorzeichen des Kriegsbeginns, zur Vision Lucias über das Martyrium eines „in Weiß gekleideten Bischofs“ und zu dem Genesungswunder, das zur Heiligsprechung Jacintas und Franciscos geführt hatte.
Offenbarungen aus nachapostolischer Zeit erheben – es sei wiederholt – keinen legitimen Anspruch darauf, in das „depositum fidei“, das verbindliche Glaubensgut, aufgenommen zu werden. Sie verpflichten also, gerade heraus gesagt, zu gar nichts. Und doch sollten sie nachdenklich stimmen – insbesondere dann, wenn sie nachweislich mit wunderbaren Erscheinungen sowie mit eingetroffenen Vorhersagen verbunden sind. Die Ereignisse von Fatima zeichnen sich über vergleichbare Geschehnisse hinaus durch zwei tief beglückende Besonderheiten aus: einmal durch den liebenswürdigen und das Herz erwärmenden Charme der seelenreinen und heroisch-tapferen drei Seherkinder und dann durch die erhellenden Worte Marias, die als ermutigende Zusage gelesen werden dürfen, es könnten Christen tatsächlich aktiv mitwirken am Heil ihrer Mitchristen, ja sie trügen sogar Mitverantwortung für das Heil der anderen. Mehr hierzu wäre einem weiteren Buch aus dem Umkreis des Institutum Marianum Regensburg (IMR) zu entnehmen: Josef Kreiml und Sigmund Bonk (Hg.), 100 Jahre Botschaft von Fatima. Mitverantwortung für das Heil der anderen, Regensburg 2017. Beide Publikationen zeichnen sich nicht zuletzt durch ihre schöne Gestaltung aus und sind damit bestens auch als Geschenke geeignet. Sie ergänzen sich auch inhaltlich wechselweise und sollten idealerweise gleichzeitig gelesen werden.
Julia Wächter: Marienerscheinungen in Fatima. Prophezeiungen und Wunder (Reihe: Marianum, Heft 10); Verlag Schnell und Steiner 2025; 48 Seiten; ISBN: 9783795490584; 5 Euro.
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