1. Februar 2026
In den letzten Jahren – und besonders angesichts langanhaltender Konflikte und wiederholter Versäumnisse, humanitäre Katastrophen zu vermeiden – hat das Vertrauen in das internationale System deutlich gelitten. Die Vereinten Nationen, nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel geschaffen, durch kollektive Sicherheit, internationales Recht und multilaterale Zusammenarbeit künftige Kriege zu verhindern, werden zunehmend als wirkungslos, politisch gelähmt oder als von mächtigen Staaten selektiv durchsetzbar kritisiert.
Vor diesem Hintergrund institutioneller Ermüdung und wachsender Frustration hat US-Präsident Donald Trump kürzlich während des diesjährigen World Economic Forum (WEF) in Davos das sogenannte Board of Peace (Friedensrat) ins Leben gerufen. Er präsentierte es als pragmatische Antwort auf diplomatische Blockaden und auf das, was viele als die nachlassende Fähigkeit der UN sehen, entschlossen zu handeln. Trump lud dabei eine Reihe von Staaten ein – darunter Vertreter aus Nordamerika, dem Nahen Osten, Afrika und Asien – allerdings ohne universelle Offenheit für alle Mitgliedstaaten der internationalen Staatengemeinschaft.
Befürworter sehen in dieser Initiative einen innovativen Mechanismus, um festgefahrene Situationen aufzubrechen; Kritiker hingegen warnen vor einer Abkehr von regelbasierter Multilateralität hin zu einer stärker personalisierten, machtzentrierten Diplomatie.
Um einzuschätzen, ob diese Initiative Erneuerung, Umgehung oder Erosion der internationalen Ordnung bedeutet, sprach Christian Peschken (EWTN) mit Gilles-Emmanuel Jacquet. Er ist praktizierender Katholik, Spezialist für die Vereinten Nationen und internationale Diplomatie und lehrt angehende Diplomaten in Genf im Zentrum der multilateralen Institutionen. Seine berufliche Erfahrung im diplomatischen Bereich, kombiniert mit seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit globaler Regierungsführung, verleiht ihm eine besonders fundierte Perspektive darauf, wie internationale Organisationen in der Praxis funktionieren, nicht nur in der Theorie. Internationale Medien wie CNN, Fox News und andere befragen ihn regelmäßig zu außenpolitischen und institutionellen Fragen.
Ist das Board of Peace ein Versuch, die ursprüngliche Idee der Vereinten Nationen wiederzubeleben, oder eher ein Eingeständnis, dass das auf der UN-Charta beruhende System kollektiver Sicherheit nicht mehr als funktionsfähig angesehen wird?
Das Board of Peace entspricht der grundsätzlichen Vorstellung von Präsident Donald Trump vom internationalen System und von den Interessen der USA. Bereits in seiner ersten Amtszeit äußerte sich Präsident Trump sehr kritisch gegenüber den Vereinten Nationen, und in seiner zweiten Amtszeit hat er die US-Beiträge an die UN sowie an verschiedene UN-Organisationen und -Programme drastisch gekürzt. Während Präsidenten wie Clinton oder Obama die UN und andere internationale oder regionale Organisationen als nützliche Instrumente ihrer Außenpolitik betrachteten, sieht Präsident Trump in ihnen vor allem eine finanzielle Belastung, die aus seiner Sicht nicht mehr zur Durchsetzung amerikanischer Interessen beiträgt.
Das Board of Peace hat einen eigentümlichen Charakter: Es wurde von Präsident Trump initiiert, ist aber – anders als die Vereinten Nationen – keine universelle Organisation, da die Mitgliedschaft nicht allen Staaten offensteht und zudem an eine sehr hohe Eintrittsgebühr von einer Milliarde US-Dollar geknüpft ist. Es wirkt teilweise wie eine private Stiftung für den Frieden, doch seine Hauptmitglieder sind Regierungen, und es scheint zugleich darauf abzuzielen, erhebliche Geschäftsmöglichkeiten für US-Unternehmen im Rahmen möglicher Wiederaufbauprogramme nach Konflikten zu schaffen. Diese Initiative trägt nicht zur Wiederbelebung der Vereinten Nationen bei, sondern erzeugt vielmehr institutionelle Verwirrung, da sie sich mit der UN-Charta und den Zuständigkeiten des Sicherheitsrates überschneidet. Der wirksamste Weg zur Stärkung der UN wäre vielmehr eine Reform des Sicherheitsrates.
Verfügt das Board of Peace über die notwendige Legitimität und Inklusivität, um echten Frieden zu ermöglichen, oder begünstigt seine Struktur politische Zweckmäßigkeit auf Kosten dauerhafter Lösungen?
Aufgrund seines besonderen Status genießt das Board of Peace eine gewisse Form von Legitimität, da es sich um eine präsidentielle Initiative handelt, die von einigen Staaten unterstützt wird. Es schließt jedoch nicht alle Staaten ein und ruft auch nicht zu einer universellen Beteiligung auf. Anders als viele staatliche oder private Vermittlungsinitiativen, die in der Regel in den UN-Rahmen eingebettet oder zumindest mit ihm koordiniert sind, steht das Board of Peace in keinerlei institutioneller Verbindung zu den Vereinten Nationen und genießt auch keine Anerkennung durch sie. Es erscheint daher eher als eine informelle Organisation, die primär politischen Zwecken oder kurzfristiger Zweckmäßigkeit dient, denn als eine Struktur, die in der Lage wäre, Konflikte wirksam und nachhaltig beizulegen.
Kann ein Friedensgremium, das von einem einzigen nationalen Führer geleitet und kontrolliert wird, als glaubwürdiges internationales Forum fungieren, oder untergräbt dies von Beginn an Vertrauen und multilaterales Gleichgewicht?
Staaten können informelle Gruppen oder Foren schaffen oder unterstützen, die sich mit Sicherheitsfragen sowie regionalem oder internationalem Frieden befassen. Auch private Organisationen können – zumindest finanziell – von Regierungen oder öffentlichen Stellen unterstützt werden. So gründete der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari eine Stiftung für Friedensmediation, die zur Beilegung mehrerer bewaffneter Konflikte beitrug, unter anderem in Aceh. Die Arbeit seiner Stiftung orientierte sich an den Grundsätzen des Völkerrechts und der UN-Charta und erfolgte häufig in enger Abstimmung mit den Vereinten Nationen. Dadurch erlangte sie internationale Legitimität und Anerkennung durch die UN.
Ähnliches gilt für andere Akteure wie das IKRK, die Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom oder das Centre for Humanitarian Dialogue in Genf. Beim Board of Peace hingegen könnten sowohl sein Mandat als auch öffentliche Äußerungen von Präsident Trump sowie die Missachtung des UN-Systems und der Rechte der Palästinenser im Zusammenhang mit seinen Gaza-Plänen das Vertrauen und den Multilateralismus erheblich untergraben.
Wenn internationales Recht über die UN nicht mehr konsequent durchgesetzt werden kann, bewegen wir uns dann von „Frieden durch Recht“ hin zu „Frieden durch Macht“ — und welche Risiken birgt dieser Wandel?
Frieden durch Macht, Stärke oder Krieg ist kein neues Phänomen und keineswegs auf unsere Zeit beschränkt; er hat die internationale Politik über weite Teile der Geschichte geprägt. Ebenso ist die Missachtung des Völkerrechts durch Großmächte bereits zur Zeit des Völkerbundes und später auch der Vereinten Nationen vorgekommen. Eine Missachtung des internationalen Rechts und des UN-Rahmens in einer multipolaren Welt könnte jedoch den Wettbewerb zwischen Großmächten oder regionalen Machtblöcken verschärfen und die Gefahr einer Eskalation deutlich erhöhen.
Ist die heutige Handlungsunfähigkeit der UN vor allem auf institutionelle Mängel zurückzuführen, oder blockieren die Mitgliedstaaten das System gezielt, wenn es ihren Interessen nicht mehr dient?
Wie bereits der Völkerbund sind auch die Vereinten Nationen keine Weltregierung, sondern in erster Linie ein Forum der Staaten. Diese handeln weiterhin primär nach ihren nationalen Interessen, wobei Großmächte aufgrund ihrer politischen und diplomatischen Hebel einen deutlich größeren Einfluss auf das Funktionieren der UN und ihre Entscheidungen haben — insbesondere jene, die einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat innehaben. Die Vereinten Nationen spielen eine zentrale Rolle beim Schutz des Völkerrechts und des Weltfriedens, doch die Hauptverantwortung dafür liegt letztlich weiterhin bei den einzelnen Staaten.
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Was bedeutet das Aufkommen paralleler Friedensinitiativen wie des Board of Peace für die professionelle Diplomatie — werden Diplomaten zunehmend zu Vermittlern von Machtdeals statt zu Hütern internationaler Normen?
Staatsdiplomaten vertreten die Interessen ihrer Regierungen, können jedoch auch eine wichtige Rolle in Vermittlungsprozessen spielen und in bestimmten Situationen als Verteidiger des Völkerrechts auftreten. Das Board of Peace ist insofern ungewöhnlich, als es direkt vom Präsidenten der Vereinigten Staaten initiiert wurde. Obwohl es vorgibt, sich mit dem Gaza-Konflikt zu befassen, ist es nicht mit der Friedensinitiative von Präsident Carter im Nahen Osten vergleichbar. Vielmehr wirkt es wie eine Art Klub von Staaten – möglicherweise ergänzt durch private Akteure –, die Donald Trumps Friedensverständnis sowie wirtschaftliche und handelspolitische Interessen teilen.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.




